Ich stand im strömenden Regen und hielt meinen Schirm in der Hand – und mir wurde klar, dass ich ihn mein ganzes Leben lang nie wirklich angesehen hatte. Vor vier Jahrtausenden wäre ich damit…

Ich stand im strömenden Regen und hielt meinen Schirm in der Hand – und mir wurde klar, dass ich ihn mein ganzes Leben lang nie wirklich angesehen hatte. Vor vier Jahrtausenden wäre ich damit...

Die ersten Regenschirme hatten nichts mit Regen zu tun. Sie sollten vor der Sonne schützen – und vor allem vor dem, was die Sonne symbolisierte: Macht. Vor rund 4000 Jahren ließen sich Pharaonen in Ägypten von Dienern mit großen fächerartigen Schattenspendern beschatten, während das einfache Volk in der Gluthitze arbeitete. Schatten war ein Privileg.

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Wer ihn sich leisten konnte, stand über den anderen. Auch in Mesopotamien und im alten China trugen Könige und Adelige aufwendige Baldachine aus Palmblättern, Federn oder bemaltem Papyrus. In China galt eine Legende: Der Zimmermann Luban erfand den Schirm vor etwa 2400 Jahren, damit seine Frau Juni bei seiner Arbeit im Freien nicht nass wurde. Ob wahr oder nicht – die Chinesen waren tatsächlich die Ersten, die zusammenklappbare Speichen entwickelten.

Sie beschichteten Papier mit Wachs oder Lack, um es wasserdicht zu machen. Damit wurde aus einem starren Zeremoniengegenstand ein tragbares Werkzeug. Der Schirm blieb jedoch lange ein Zeichen des Rangs. In China durften Kaiser die prunkvollsten mehrstufigen Schirme tragen, niedrigere Beamte nur einfachere Versionen.

In Südostasien standen weiße Schirme für Reinheit und Königtum. Im antiken Griechenland dagegen trugen vor allem Frauen Sonnenschirme, um ihre helle Haut zu schützen – gebräunte Haut galt als Zeichen von Arbeit und niederem Stand. Die Römer übernahmen diese Sitte. Doch kaum jemand nutzte den Schirm gegen Regen.

In den trockenen Mittelmeerregionen zählte allein der Schutz vor der Sonne. In Europa blieb der Regenschirm jahrhundertelang eine Randerscheinung. Im Mittelalter sah man ihn kaum, außer bei religiösen Prozessionen, wenn er über Bischöfe gehalten wurde. Erst in der Renaissance entdeckten italienische und französische Adlige den Schirm als modisches Accessoire wieder – wiederum gegen die Sonne.

Dass ein Mann den Schirm benutzte, um sich vor Regen zu schützen, galt noch im 18. Jahrhundert als ungewöhnlich und geradezu weibisch. Das änderte ein Engländer namens Jonas Hanway. In den 1750er Jahren spazierte er trotzig mit einem Regenschirm durch die regnerischen Straßen Londons, Tag für Tag, rund dreißig Jahre lang.

Die Leute lachten ihn aus. Reiche Londoner fuhren Kutsche oder ließen sich von Dienern schützen; wer einen eigenen Schirm trug, galt als arm. Hanway ließ sich nicht beirren. Als er 1786 starb, waren Regenschirme für Männer in Großbritannien akzeptiert – und wurden ihm zu Ehren jahrelang „Hanways“ genannt.

Das 19. Jahrhundert brachte den entscheidenden technischen Sprung. Frühe Schirme hatten Rippen aus Holz oder Fischbein: schwer, brüchig und sperrig. 1852 entwickelte der Brite Samuel Fox einen Schirm mit Stahlrippen – angeblich, um überschüssigen Stahl aus seiner Drahtfabrik zu nutzen.

Die Erfindung war ein Durchbruch. Stahl machte die Schirme leichter, stabiler und windresistenter. Plötzlich wurden Regenschirme in Fabriken massenhaft produziert und für die breite Bevölkerung erschwinglich. Bis Ende des 19.

Jahrhunderts gehörten sie in Europa und Nordamerika zur Standardausstattung jedes Haushalts. 1928 erfand der deutsche Ingenieur Hans Haupt den ersten Taschenregenschirm mit teleskopischem Schaft. Unter dem Markennamen „Knirps“ wurde das Faltdesign patentiert und eroberte die Welt. Der Regenschirm passte nun in jede Tasche und verlor endgültig seinen schweren, umständlichen Charakter.

In den folgenden Jahrzehnten wurde er zum Symbol für Stil und Eleganz – von den zierlichen Sonnenschirmen viktorianischer Damen bis zu den schwarzen Business-Schirmen britischer Herren. In Asien blieb die traditionelle Herstellung von Ölpapierschirmen lebendig, oft mit regionalen Mustern und festlichen Bräuchen verbunden. Doch der moderne Regenschirm ist heute ein High-Tech-Produkt: leichte Nylon- oder Polyesterstoffe, flexible Fiberglasrippen, automatische Öffnungsmechanismen. Ingenieure haben sich lange mit seiner größten Schwäche beschäftigt – der Windanfälligkeit.

Belüftete Dächer lassen Luft durch kleine Öffnungen strömen, damit sich der Schirm bei Böen nicht umstülpt. Verstärkte Rippen biegen sich unter Druck und federn zurück, statt zu brechen. Doch der Regenschirm ist mehr als ein Gebrauchsgegenstand. Im Buddhismus gehört er zu den acht Glückssymbolen und steht für Schutz und spirituellen Unterschlupf.

In der katholischen Kirche wurde der zeremonielle Schirm, das Umbracalium, als Zeichen päpstlicher Autorität getragen. Und 2014 wurde der Schirm zum Symbol des friedlichen Widerstands: Bei der Regenschirmbewegung in Hongkong schützten Demonstranten sich mit gewöhnlichen Regenschirmen vor Tränengas und Pfefferspray. Ein Alltagsgegenstand wurde zum weltweit anerkannten Emblem für Bürgerrechte. Heute produziert die globale Regenschirmindustrie jährlich Hunderte Millionen Stücke.

Der Regenschirm ist eines der billigsten und am weitesten verbreiteten Konsumgüter überhaupt. Doch Wegwerfschirme, die nach einem einzigen Sturm in der Mülltonne landen, belasten die Umwelt. Neue Entwicklungen setzen auf langlebigere Materialien, reparierbare Designs und Wiederverwertung alter Schirme. Was einst als Zeichen göttlicher Macht begann, ist heute ein demokratisches Werkzeug in fast jedem Haushalt, Büro und jeder Tasche.

Beim nächsten Regenschauer lohnt sich ein kurzer Blick auf das, was man in der Hand hält: viertausend Jahre Geschichte, Erfindergeist und Kultur – zusammengefaltet in einem Rahmen aus Rippen und Stoff.