„Ich werde dir das Leben zur Hölle machen. “ Dieser Satz hallt mir noch heute in den Ohren nach. Ich habe ihn nie vergessen. Er kam von dem Mann, den ich einmal geliebt hatte, aus dem Mund eines Menschen, der mir versprochen hatte, mich zu beschützen.

Stattdessen wurde er zu meinem schlimmsten Albtraum. Mein Name ist Caroline, und meine Leidenschaft ist das Tanzen. Als alleinerziehende Mutter von drei Kindern war das Tanzen meine kurze Auszeit vom Alltag, ein Moment der Freiheit zwischen Familie und Beruf. Genau dort lernte ich ihn kennen, meinen neuen Partner.
Am Anfang war alles harmonisch, aber diese Harmonie zeigte schnell Risse. Er wurde zunehmend dominant, launisch und kritisierte mich häufig. Es gab ein paar schwache Andeutungen, dass er eine ganz andere Seite hatte, wenn er sich im Straßenverkehr über etwas ärgerte und Schimpfwörter benutzte. Da dachte ich mir schon: Hui, der hat ja noch eine ganz andere Seite.
Aber ich sah keine Anzeichen, dass ich in Gefahr schweben könnte. Nach zwei Jahren Beziehung und häufigem Streit wegen seiner Eifersucht trennte ich mich von ihm. Wenige Tage später stand er plötzlich vor meiner Tür. Ich erklärte ihm, dass ich keinen Kontakt mehr möchte.
Das konnte er nicht akzeptieren. Er schob sich durch die Tür, wurde aggressiv und laut und sagte etwas wie: „Du hast aber Glück, dass die Kinder noch im Haus sind. “ Da habe ich aufgehorcht. Die Situation beruhigte sich, und er ging.
Aber das Drama fing da erst richtig an. Von da an begann ein nervenzermürbender Alltag. Anrufe rund um die Uhr, SMS ebenfalls anonym. Ich habe jeden einzelnen Vorfall von Anfang an genau protokolliert.
Es gab Nächte, da klingelte das Telefon um 2:16 Uhr, 2:17 Uhr, 2:20 Uhr – die Minute war noch nicht um, da hatte er schon zweimal durchklingeln lassen. Er rief auch Kolleginnen von mir an und verleumdete mich. In den sozialen Medien verbreitete er unter wechselnden Decknamen monatelang üble Gerüchte über mich. Dieser Psychoterror stürzte mich in tiefe Verzweiflung und Angst.
Diese depressiven Phasen waren natürlich auch für meine Kinder schwer, wenn ich so völlig hilflos war. Sein Stalking wurde auch physisch. Bei Tanztreffen, deren Termine öffentlich bekannt gegeben wurden, tauchte er immer wieder auf. Mal belauerte er mich nur, dann beschimpfte er mich.
Einmal kam er quer über die Tanzfläche durch die tanzenden Paare geprescht und versuchte, mir einen Fausthieb auf die Schulter zu versetzen. Ich drehte mich beim Tanzen, und er erwischte mich nicht richtig. Daraufhin trat er meinen Tanzpartner. Die Polizei nahm ihn mit, und er musste eine Nacht im Gefängnis verbringen.
Doch bei der nächsten Tanzveranstaltung war er wieder da. Als ich den Saal verlassen wollte, packte er meinen Arm und stieß massive Drohungen aus: „Du wirst schon sehen, was du davon hast. Ich werde dir das Leben zur Hölle machen. “
Eines Morgens fand ich mein altes Auto mit Farbe übergossen vor.
Wenig später wurde mein neues Auto mit einem scharfen Gegenstand zerkratzt. Beide Male erstattete ich Anzeige, aber die Polizei winkte ab, weil sie nicht beweisen konnte, dass er es war. Ich ertappte mich dabei, dass ich mich ständig umschaute. Ist er wieder irgendwo in der Nähe?
Lauert er mir auf? Freunde versuchten mich zu überreden: „Warum ignorierst du ihn nicht einfach? “ Aber ich kann einen Menschen nicht ignorieren, der ständig in mein Leben eingreift. Man hat kein Privatleben mehr, keinen Sicherheitsraum, keinen Schutz.
Man ist völlig schutzlos ausgeliefert. Einmal bemerkte ich ihn im Auto hinter mir. Er fuhr extrem dicht auf, richtig bedrohlich. Ich hatte Angst, an der nächsten Ampel zu bremsen, weil ich das Gefühl hatte, dann hängt er mir hinten drauf.
Es begann eine aggressive Verfolgungsjagd, bis er nach einem riskanten Überholmanöver verschwand. Ein anderes Mal fuhr ich nachts mit dem Rad von einer Tanzveranstaltung nach Hause. Ich nahm extra einen anderen Weg als sonst. Doch plötzlich tauchte sein Wagen aus dem Nichts auf.
Er wollte schon anhalten und aussteigen. Ich gab mit dem Fahrrad Gas und bin weg vom Haus, weil ich wusste: Wenn ich jetzt absteige, bin ich ausgeliefert. Ich versteckte mich in einer Garage, holte mein Handy raus und rief die Polizei. Ich zeigte ihn dutzende Male an.
Schließlich erwirkte ich vor Gericht ein Annäherungsverbot für ein halbes Jahr. Und obwohl er mich trotzdem weiter verfolgte und ich Zeugen für viele Vorfälle benennen konnte, lehnte ein Richter später die Verlängerung der Anordnung ab. Das war wie eine bildliche Ohrfeige ins Gesicht. Ich fühlte mich von diesem Richter nicht ernst genommen.
Das war unerträglich, eine der schlimmsten Erfahrungen während dieser ganzen Stalking-Geschichte. Ich wollte mir weder meinen Alltag noch meine Tanzleidenschaft zerstören lassen. Ich zeigte weiter jedes Auftauchen an, jede Belästigung und Bedrohung. Monate vergingen, in denen er immer wieder auftauchte und mich terrorisierte.
Schließlich rief ich selbst bei der Staatsanwaltschaft an und berichtete von den zahllosen Anzeigen und meinem jahrelangen Martyrium. Erst dieses Gespräch brachte den Fall ins Rollen. Mein Ex-Freund wurde angeklagt. Erst als es zum Strafgericht ging, hatte ich endlich das Gefühl, ernst genommen zu werden.
Der Schritt vor Gericht machte Eindruck auf ihn. Ich glaube, da ist ihm erst bewusst geworden: Ui, ich muss vielleicht doch mal aufpassen. Die Übergriffe hörten schlagartig auf. Der Prozess verzögerte sich, weil er mehrfach umzog.
Als das Urteil fiel, wurde ihm positiv angerechnet, dass er mich in dieser Zeit nicht mehr belästigt hatte. Er kam mit einer Geldstrafe davon. Aber ich hatte zu meinem Recht gefunden, und das Wichtigste: Ich bin meinen Stalker losgeworden. Diese Hartnäckigkeit und das Sich-immer-wieder-Aufraffen war der Weg zum Erfolg.
Diesen Mut versuche ich anderen zu machen. Der andere hat kein Recht, dich so weit zu bringen, dass du dich aufgibst. Ich gründete eine Facebook-Gruppe, in der ich Stalking-Opfer berate. Mein Ex-Partner hat mich nie wieder belästigt.
Doch nicht alle Fälle nehmen ein so gutes Ende. Manche Stalker gehen bis zum Äußersten und sind sogar bereit zu töten. Maria aus Berlin wurde von ihrem Ex-Freund ein Jahr lang verfolgt. Er machte ihr das Leben zur Hölle, aber bis zum Schluss war sie fest davon überzeugt, dass er ihr niemals etwas antun würde.
Ein verhängnisvoller Irrtum. An einem Wintermorgen musste die 32-jährige um 6 Uhr zur Frühschicht. Vor dem Haus überraschte sie ihr Ex-Freund Nelson B. Er hatte ihr aufgelauert und hielt ein Messer in der Hand.
Er hat sie mit dem Messer attackiert und ihr sofort einen später tödlichen Stich versetzt. Vermutlich hätte er weiter zugestochen, aber die Messerspitze brach ab. Wie konnte es so weit kommen? Maria und Nelson lernten sich Ende 2016 im Volkspark Friedrichshain kennen, als ihre Hunde den ersten Kontakt herstellten.
Beide besaßen einen Miniatur-Bullterrier. Er war schüchtern, freundlich, nett, sah nicht schlecht aus. Er ging sehr liebevoll mit seinem Hund Bobby um. Aber man merkte, er konnte es nicht leiden, wenn der Hund nicht tat, was er wollte.
Maria war Rezeptionistin in einem Hotel, Nelson arbeitete in einem Lager für Autoteile. Sie wohnten nicht weit voneinander entfernt und sahen sich täglich. Es fühlte sich gut an, auch wenn Nelson oft zu Verabredungen nicht erschien und manchmal tagelang abtauchte. Er begründete das mit Depressionen und schlechten Erfahrungen in früheren Beziehungen.
Im April 2018 stieg Maria beruflich auf. Sie wurde Managerin der Anmeldung in ihrem Hotel, machte Überstunden. Genau das führte zu Konflikten. Nelson fühlte sich zurückgesetzt und wollte größere Nähe.
Immer häufiger wollte er bei ihr einziehen. Doch je heftiger er sie bedrängte, desto mehr bremste Maria. Er klammerte, wurde fordernder und eifersüchtig. Er unterstellte ihr ein Verhältnis mit einem Hotelgast und tauchte einfach bei ihr auf der Arbeit auf.
Das Vertrauen war verschwunden. Nelson verlor seinen Job, arbeitete im Straßenbau und rastete oft bei Kleinigkeiten aus. Nach den Wutausbrüchen entschuldigte er sich, schob sein Verhalten auf Alkohol und Drogen und versprach, sich zu ändern. Tatsächlich ging er in eine Gruppentherapie und sogar in stationäre Behandlung.
Wochen später passte Nelson Maria beim Spaziergang mit ihrem Hund ab. Er schien angetrunken, warf theatralisch seine Schlüssel ins Gebüsch und erklärte, ab jetzt wohne er bei ihr. Während Maria die Schlüssel suchte, verschwand er. Doch als sie heimkehrte, saß er vor ihrer Haustür.
Sie ließ ihn in die Wohnung, um nicht vor dem Haus sitzen zu müssen. Plötzlich stürmte er durch die Wohnung auf den Balkon, kletterte auf das Geländer und drohte, sich hinabzustürzen. Er wollte die Beziehung erzwingen. Maria wollte die Polizei rufen, aber er sagte, wenn sie das tue, passiere ein Unglück – nicht nur ihr, sondern auch ihrer Freundin, die dabei war.
Das Ereignis auf dem Balkon war für Maria ein absoluter Schock. Sie trennte sich nun endgültig, zog einen Schlussstrich und war fest davon überzeugt, dass Nelson nun für immer aus ihrem Leben verschwindet. Aber er stand plötzlich wieder vor ihrer Tür, bettelte, ihn hereinzulassen. Er tauchte an ihrem Arbeitsplatz auf.
Immer wieder zog Maria für einige Wochen zu Verwandten, aber Nelson ließ sich nicht abschütteln und terrorisierte sie unaufhörlich per SMS und WhatsApp. Seine Nachrichten wurden zunehmend aggressiver. Er drohte immer wieder mit Selbstmord, schrieb „Leb wohl“. Maria alarmierte die Polizei.
Nelson wurde gesucht, weil er aus der Psychiatrie flüchtig war. Was Maria nicht ahnte: Nelson hatte ihre Online-Passwörter herausgefunden und einen GPS-Tracker an ihrem Auto angebracht. Dadurch wusste er immer, wo sie war. Sie war in einer Kfz-Werkstatt, und das Auto wurde komplett durchgecheckt – man konnte nichts feststellen.
Tatsächlich hatte Nelson den Tracker erst zwei Tage nach diesem Termin angebracht. Wenige Wochen später eskalierte die Lage. Maria fuhr in die Tiefgarage ihres Hotels und sah Nelson im Rückspiegel hinter sich herlaufen. Sie konnte die Türen von innen verriegeln.
Er trat gegen die Tür und trat einen Seitenspiegel ab. Erst als er sah, dass sie den Notruf wählte, flüchtete er. Maria beantragte bei Gericht eine Kontaktsperre. Sie wurde überraschend noch am selben Tag ohne Anhörung des Täters erlassen.
Die Verfügung besagte, Nelson dürfe sich Maria künftig nicht mehr als 50 Meter nähern. Aber die Polizei konnte die Anordnung nicht zustellen, da Nelson weiter flüchtig war. Seit dem Vorfall im Parkhaus lebte Maria in ständiger Angst. Sie zog zu Verwandten, aber auch dort tauchte Nelson auf.
Die alarmierte Polizei brachte ihn zurück in die Klinik, aber am nächsten Tag entließ er sich selbst. Maria zeigte ihn insgesamt 14 Mal an. Im November war sie beim LKA in der Dienststelle für Individualgefährdung. Der Beamte sagte: „Wir wissen nicht, wie gefährlich er ist, aber er entwickelt sich.
Genau das macht ihn so gefährlich, weil man nicht weiß, wo das endet. “
Maria zog nun dauerhaft zu ihrer Schwester Julia. Am Abend des 7. Dezember schärfte Julia ihrer Schwester noch einmal ausdrücklich ein: Wenn sie alleine in ihrer Wohnung sei, solle sie die Tür unbedingt mit beiden Schlössern verschließen.
Julia erkannte, dass Maria nervlich am Ende war. Aber Maria war bis zuletzt davon überzeugt, dass Nelson ihr nichts tun würde. Für uns Menschen, die grundsätzlich gut und gesund sind, ist es nicht vorstellbar, dass jemand so etwas tut, weil es unsere Vorstellungskraft übersteigt. Am 8.
Dezember 2018 musste Maria früh morgens zur Arbeit. Sie verließ um 6 Uhr die Wohnung ihrer Schwester, verschloss von außen die Tür, ging die Treppe hinab und trat hinaus in die Dunkelheit. Sekunden später wurde Julia in ihrem Bett von Schreien geweckt. Sie kamen von draußen.
Es war Maria. Julia wollte ihr zur Hilfe eilen, aber die Wohnungstür war verschlossen. „Sie hat an diesem Morgen beide Schlösser abgeschlossen, um mich zu schützen“, sagt Julia. „Ich habe meine Schwester die ganze Zeit gehört, wie sie geschrien hat.
“
Nelson hatte Maria vor dem Haus aufgelauert. Sie trat durch die Hauseingangstür, und er kam aus seiner Deckung hervor, bewegte sich schnell auf sie zu und stach sofort zu. Julia lief barfuß die Treppe hinunter. Ihre Schwester stand an der Tür, schwer verletzt von einem Stich in den Oberkörper.
Maria starb in ihren Armen. Die Rechtsmedizin stellte später fest, dass die Überlebenschancen bei dieser Art von Verletzung gegen null gingen. Maria hatte eigentlich alles richtig gemacht. Sie hat sich gewehrt, sie hat sich getrennt, sie hat den Täter angezeigt.
Warum konnte man sie am Ende nicht schützen? Es ist ein Fall, der fassungslos macht und der uns alle aufrütteln sollte, dass wir in Deutschland einfach noch keine greifbaren Maßnahmen haben, die wirklich die Opfer schützen. Nach der Tat sicherten Ermittler Spuren vor Marias Wohnhaus. Nelson stellte sich wenige Stunden später der Polizei und gestand die Tat.
Bei der Vernehmung fragte er, ob er Bilder vom Tatort und von ihrer Leiche sehen könne. Er zeigte keine Empathie. Als man ihn fragte, ob er die Tat bereue, sagte er Nein. Vor Gericht kam Nelsons gesamte kriminelle Vorgeschichte zur Sprache.
Er saß schon als Jugendlicher im Gefängnis, weil er einen Rivalen mit einem Messer angegriffen und lebensgefährlich verletzt hatte. Drei seiner Ex-Freundinnen sagten aus, dass er auch in früheren Beziehungen gewalttätig geworden war. Er hatte einer Ex-Freundin sogar die Nase gebrochen und eine andere mit einem Messer bedroht, mit den Worten, sie könne froh sein, dass es jetzt nicht sie trifft, sondern nur die Couch. Außerdem kam ans Licht, dass die Staatsanwaltschaft Ende November einen Haftbefehl gegen Nelson beantragt hatte.
Das Schriftstück mit dem Vermerk „Eilt sehr“ lag offenbar zehn Tage lang bei Gericht. Am elften Tag wurde Maria ermordet. Eine Gutachterin attestierte Nelson B. eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.
Das Gericht verhängte eine lebenslange Haftstrafe wegen Mordes und stellte die besondere Schwere der Schuld fest. Eine anschließende Sicherungsverwahrung wurde nicht ausgeschlossen. Am Ende der Verhandlung sagte die Vorsitzende Richterin: Maria habe alles richtig gemacht. Sie protokollierte die Vorfälle, sie ging zur Polizei, sie nutzte alle gesetzlichen Möglichkeiten.
Doch all das konnte sie trotzdem nicht retten. Eine lebenslange Haftstrafe bedeutet in Deutschland durchschnittlich 19 Jahre. Dieser Gedanke nagt an den Angehörigen der Toten. Wenn keine Sicherungsverwahrung angeordnet wird, könnte Nelson B.
nach der Haft wieder entlassen werden. Der Mord an Maria ist das tragische Ende einer extremen Stalking-Geschichte, aber leider kein Einzelfall. Diese Schicksale vermitteln betroffenen Frauen immer wieder den Eindruck, die Polizei greife erst ein, wenn etwas passiert ist. Diese Erfahrung haben schon viele Stalking-Opfer gemacht, auch Prominente wie die Schauspielerin Coline Ulmen-Fernandes.
Ich besuchte sie in ihrem neuen Wohnort auf Mallorca. Vor einiger Zeit ist sie mit ihrer Familie auf die spanische Insel gezogen – nicht nur, aber auch, weil sie in Deutschland keine Ruhe mehr fand. Seit fast zwei Jahrzehnten wird die Moderatorin und Schauspielerin von gleich mehreren Männern gestalkt. Der erste Stalker tauchte auf, als sie mit Anfang 20 für den Musiksender Viva vor der Kamera stand.
Er passte das Ende der Livesendung ab, und sie blieb teilweise noch drei oder vier Stunden in ihrem Büro, bis ihr gesagt wurde, der sei jetzt weg. Er wusste irgendwann auch, welches ihr Auto war. Mehrere Männer terrorisieren Coline online, rufen täglich ihr Management an, bedrohen und beschimpfen sie oder ihren Ehemann. Sie melden sich stärker, wenn etwas Privates in der Öffentlichkeit stattfindet.
Einer meinte, er sei für sie bestimmt und sie führe eine Online-Beziehung mit ihm. Als sie schwanger wurde, ging er davon aus, dass sie sich eine Attrappe gebaut habe – es könne gar kein Kind geben, weil sie ja mit ihm zusammen sei. Das macht ihr Angst, dass er vielleicht ihrem Kind etwas antun könnte. Einer der Stalker schaffte es, ihre private Adresse herauszufinden.
„Ich habe immer geguckt, ob da irgendwer die Straße langgeht. Und nur wenn die Straße wirklich leer war, bin ich ganz schnell zur Tiefgarage gerannt“, erzählt sie. Mehrfach suchte sie Hilfe bei den Behörden und zeigte die Männer an. Einmal rief sie die Polizei, als einer vor ihrer privaten Tür stand.
Die Polizei erklärte ihr, der Mann sei bekannt und zeitweise sogar in der Psychiatrie gewesen, aber man könne nichts gegen ihn unternehmen. Die Formulierung, die Coline im Kopf behalten hat: „Es ist ja noch nichts passiert. “ Dieses „noch“ ist so gruselig, weil man damit in Kauf nimmt, dass etwas passiert. Ein Polizist, der seit sechs Jahren für Stalking zuständig war, sagte ihr, dass es in all seinen sechs Jahren nicht einmal zu einer Verurteilung kam, obwohl die Gesetzeslage das eigentlich hergibt.
Er wisse nicht, warum, und das frustriere ihn extrem, dass nach seiner Erfahrung nicht im Sinne der Opfer entschieden wird. Seit eineinhalb Jahren lebt Coline auf Mallorca. Sie geht zu 99 Prozent davon aus, dass derjenige, der sie physisch gestalkt hat, nicht zum Stalken nach Mallorca fliegt. Das trägt zu einem Sicherheitsgefühl bei.
Dafür muss sie beruflich mehr reisen und ist häufiger von ihrer Familie getrennt. Aber der Umzug hält die Stalker auf Distanz. Viele andere Opfer können sich den Tätern nicht so gut entziehen. Schätzungen zufolge gibt es zwischen 300.
000 und 800. 000 Stalking-Fälle in Deutschland jedes Jahr, aber nur 20. 000 werden angezeigt.
Stalking ist ein ernstzunehmendes Problem, das wir als Gesellschaft immer noch nicht ernst genug nehmen.


