Der Anruf erreichte die Einsatzzentrale der Guardia Civil auf Mallorca am 8. Oktober 2022, kurz nach halb elf in der Nacht. Ein Mann auf der Autobahn zum Flughafen Palma konnte kaum glauben, was er da gerade gesehen hatte. Vor ihm, auf der Fahrbahn, lag ein Körper.

Zu kurz zuvor hatte er zugesehen, wie eine Gestalt aus einem weißen Lieferwagen über die Straße geschleudert worden war. Er wählte den Notruf. „Ein Tourist wurde überfahren”, stammelte er. „Sie haben ihn geworfen, ich glaube, sie haben ihn einfach geworfen.
”
Zwei oder drei Autofahrer konnten dem reglosen Körper auf der dunklen Fahrbahn noch ausweichen, aber der vierte sah ihn zu spät. Der Mann wurde überrollt. Die Ermittler gingen zunächst von einem tragischen Unfall aus. Die Presse auf der Insel berichtete darüber.
Das Opfer, stellte sich schnell heraus, war der 20-jährige Tim V. aus Guxhagen in Nordhessen. Zusammen mit einem Freund wollte er nur ein paar Tage Urlaub machen. Doch dann meldete sich der Zeuge erneut bei der Polizei.
„Der Mann ist nicht gefallen”, sagte er. „Jemand hat ihn aus dem Auto gestoßen. Ich habe gesehen, wie er wie eine Puppe auf die Straße gefallen ist, ohne jede Bewegung. Er war schon bewusstlos, bevor er auf dem Asphalt aufschlug.
”
Aus dem Unfall wurde ein Mordfall. Für solche Fälle ist auf den Balearen die Policía Nacional zuständig. Inspektor Ángel Ruiz, Leiter der Mordkommission, übernahm die Ermittlungen. Er war auf einer deutschen Schule in Madrid gewesen und hatte in Deutschland studiert.
Das sollte sich in diesem Fall als Glücksfall erweisen. Die Ermittler rekonstruierten zunächst Tims letzten Abend. Er war mit seinem Freund aus dem Norden der Insel zum Arenal gekommen, um zu feiern. In mehreren Bars tranken sie Bier und Wodka.
In Tims Blut wurden später 2,4 Promille festgestellt. Gegen 21:30 Uhr wollte sich der Freund im Restaurant Grillmeister eine Wurst holen. Tim wartete vor dem Gebäude. Als der Freund wieder herauskam, war Tim verschwunden.
„Tim hatte leider keinen Akku mehr im Handy”, erinnert sich Inspektor Ruiz. „Wir haben auf Überwachungskameras gesehen, wie sich die beiden gesucht haben. Sie sind nur zehn, fünfzehn Meter aneinander vorbeigelaufen, ohne sich zu sehen. Dann haben sich ihre Wege für immer getrennt.
”
Nach fast einer Stunde vergeblicher Suche machte sich Tim auf den Weg zu seinem nahe gelegenen Hotel. Kurz davor muss ein Auto angehalten haben, um ihn mitzunehmen. Inspektor Ruiz vermutete schnell, dass Tim auf illegale Taxifahrer hereingefallen war. „Diese Leute nehmen Touristen mit, die kein richtiges Taxi sind.
Sie bringen sie für vierzig oder fünfzig Euro ins Hotel. Sie wollten Tim entweder fahren, ausrauben oder beides. ”
Doch der Wagen nahm nicht den kürzesten Weg zum Hotel, sondern einen Umweg über die Autobahn in Richtung Flughafen. „Wenn einer dein Hotel kennt, denkst du dir: Das ist nicht weit, wieso nehmen die die Autobahn?
Und dann ist wahrscheinlich ein Streit entstanden. ”
Bei dieser Auseinandersetzung im Wagen muss Tim das Bewusstsein verloren haben. Dann wurde er aus dem fahrenden Lieferwagen geworfen. Die Autobahn war um diese Zeit noch stark befahren.
Es war völlig dunkel, die Fahrer rasten mit 120 Stundenkilometern über die Strecke. „Er hat es erst bemerkt, als er ihn überfahren hat”, sagt Ruiz. Die Öffentlichkeit sollte weiterhin von einem Unfall ausgehen. Inspektor Ruiz wollte ungestört ermitteln, ohne dass die Täter wussten, dass die Polizei hinter ihnen her war.
Er nahm Kontakt zu Tims Familie in Deutschland auf und bat sie um Stillschweigen gegenüber den Medien. Nun begann die mühsame Suche nach dem weißen Lieferwagen. Inspektor Ruiz ließ über 300 Stunden Material aus rund 30 Überwachungskameras im Arenal auswerten. Das Fahrzeug hatte bestimmte äußere Merkmale, die der Zeuge beschrieben hatte.
Es war ein weißer Citroën Berlingo. Das Problem: Von diesem Modell gab es in Spanien mehr als 100. 000 zugelassene Fahrzeuge. Das Nummernschild war nirgends zu erkennen.
Den Ermittlern blieben nur die Details: Das Auto musste aus dem Baujahr 2018 oder später sein, denn das Modell wurde erst dann produziert. So konnten sie die Zahl auf rund 5. 000 Fahrzeuge eingrenzen. Dann prüften sie weitere Ausstattungsmerkmale wie Türen und Fenster.
„Wir haben Auto für Auto gesehen und gesagt: Das nicht, der hat keine linke Tür, der ist nicht ganz weiß, der hat diese kleinen Merkmale. Das hat ein Jahr gedauert. ”
Zusätzlich musste geprüft werden, ob die Fahrzeuge zum Tatzeitpunkt überhaupt auf Mallorca erfasst worden waren. So blieben fünf Kandidaten übrig.
Die Ermittler überprüften die Fahrer. Keiner von ihnen kam infrage. Das Tatfahrzeug war weiß und hatte keine Aufkleber. Dann kam den Ermittlern ein Gedanke: Was, wenn die Aufkleber erst nach der Tat angebracht worden waren?
Sie suchten nach Fahrzeugen mit Firmenlogos. Am Ende einer langen Ermittlung stießen sie auf eine Firma. „Wir wollten das als letzte Möglichkeit prüfen. Als wir mit den Männern von der Firma gesprochen haben, sagten sie: Nein, das Logo haben wir erst eine Woche später draufgemacht.
”
Inspektor Ruiz wurde hellhörig. Eine Woche später, genau nach der Tatnacht. Das Fahrzeug wurde überprüft. „Wir haben gesehen, dass das Auto Stunden vor der Tat in der Nähe des Arenal war und später in der Nacht an anderen Punkten der Insel gefahren ist.
Da wussten wir, wir sind auf dem richtigen Weg. ”
Der Halter des Wagens gab an, ihn in der Tatnacht verliehen zu haben. An Francisco J. und José R.
, beide 44 Jahre alt. Beide waren der Polizei bekannt: Drogendelikte, Betrug, Einbruchdiebstahl. „Das Gefühl, das man dann bekommt, kann man nicht beschreiben. Wir wussten, wir haben sie.
”
Inspektor Ruiz erwirkte einen Haftbefehl. Einer der Täter lebte nicht mehr auf der Insel. „Den ersten haben wir in Málaga verhaftet. Am nächsten Tag, ohne dass der andere in Palma wusste, dass sein Kumpel schon geschnappt war, haben wir den zweiten verhaftet.
Wenn man die Leute mit einer Anklage wegen Mordes überrascht, bei der sie fünfzehn bis fünfundzwanzig Jahre Gefängnis bekommen, ist das Erste, was sie denken: Ich muss mich retten. ”
Die Tatverdächtigen versuchten, sich mit Ausflüchten herauszureden. Vor Gericht behaupteten sie, sie hätten Tim helfen wollen. „Wir haben einen betrunkenen Mann auf der Straße gesehen und wollten ihn ins Hotel bringen”, sagten sie.
„Das ergibt keinen Sinn”, sagt Inspektor Ruiz. „Die Leute fahren nicht einfach durch die Straßen, um zu sehen, wem sie helfen können. ”
Am 9. Dezember 2024 fiel das Urteil.
Der Fahrer des Wagens wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt, der Mann, der Tim aus dem Wagen geworfen hatte, zu fünfzehn Jahren. Nach dem Prozess traf Inspektor Ruiz die Eltern von Tim. „Sie waren unendlich dankbar. Sie haben uns sogar ein kleines Geschenk geschickt, ein Bild von Tim.
Damit wollten sie sich bedanken, dass wir der Familie ein wenig Ruhe bringen konnten, damit sie weiterleben können. Das ist für uns das Wichtigste. ”
Über ein Jahr hatten die Ermittlungen gedauert.
Andere Fälle halten Inspektor Ruiz längst in Atem, doch das Schicksal des 20-jährigen Deutschen berührt ihn bis heute.


