„Du rückst jetzt die 5.000 Mark raus, sonst passiert was.“ Diese Worte hörte mein Vater, bevor er brutal ermordet wurde – von zwei Männern, denen er vertraut hatte. Wir Kinder haben 23 Jahre lang…

„Du rückst jetzt die 5.000 Mark raus, sonst passiert was.“ Diese Worte hörte mein Vater, bevor er brutal ermordet wurde – von zwei Männern, denen er vertraut hatte. Wir Kinder haben 23 Jahre lang...

„Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein. Ich komme. “

Zwei kleine Kinder spielen Verstecken in einer Werkstatt. Ein Mann schaut lächelnd zu.

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Dann entdeckt eines der Kinder einen Hasen. „Ist er tot? “

„Ich glaube schon. “

Diese Szene spielt auf einem Abenteuerspielplatz, doch nur wenige Meter entfernt liegt der Schauplatz eines grausamen Verbrechens.

Im Dezember 1996 wird hier eine furchtbar zugerichtete Leiche entdeckt – nackt, brutal misshandelt und über einen Abhang geworfen. Mehr als zwei Jahrzehnte versucht die Kripo, diesen Fall aufzuklären. Vergebens. Erst als der Fall in „Aktenzeichen XY ungelöst“ läuft, erinnert sich ein Zuschauer an diesen Ort und gibt den entscheidenden Hinweis.

Helmut Peters ist 43 Jahre alt. Der gelernte Busfahrer hat sich vor wenigen Jahren mit einer Kfz-Werkstatt selbstständig gemacht. Michael und Klaus, zwei Bekannte, helfen ihm gelegentlich aus. Festangestellte Mitarbeiter kann er sich nicht leisten.

„Habt ihr das Getriebe hingekriegt, Michael? “

„War eine Mordsarbeit, aber es schnurrt wieder wie ein Kätzchen. “

„Dank euch. Und wenn wir den Lack noch ein bisschen aufpolieren, sieht er aus wie neu und geht bestimmt gut weg.

„Wenn du willst, können Michael und ich uns umhören. Wir kennen ein paar Leute. “

Freitagmittag. Helmut Peters hat zwei Kinder.

Seit der Trennung von seiner Frau verbringen Sabrina und Tim jedes zweite Wochenende mit ihrem Vater. Ein Ritual, das ihnen sehr wichtig ist. „Natürlich selbst gebastelt mit Mama. “

„Meine Eltern waren schon länger getrennt.

Aber wir waren immer jedes zweite Wochenende bei meinem Vater, mein Bruder und ich. Es war immer schön, weil wir wussten, wir können uns darauf verlassen. Und wir haben uns immer gefreut. Ich war das typische Papa-Kind, die kleine Tochter und der Papa.

„Und Karin, wie geht’s dir? “

„Danke, nett, dass du fragst. Du, ich wollte dich noch mal wegen des Unterhalts ansprechen. “

„Ja, klar, ist ja auch dein gutes Recht.

Ich habe da schon was in Aussicht. Ein Imbissstand, der hat eine Toplage und macht richtig guten Umsatz. “

„Imbiss? Du hast doch gar keine Ahnung, wie man sowas macht.

„Ein paar Buletten auf den Grill schmeißen kann ja wohl jeder. Ich schaffe das schon, Karin, gib mir noch ein bisschen Zeit. “

„Ja, ciao, Kinder, viel Spaß euch. “

„Ja, pass auf dich auf, sei vorsichtig.

„Ja, ciao. “

Da die Werkstatt schlecht läuft und mit einem Kredit belastet ist, sucht Helmut nach einer neuen Einnahmequelle. Von den finanziellen Schwierigkeiten bekommen die Kinder nichts mit. „Er war immer freundlich, fröhlich und gut drauf.

Es gab nie Tage, an denen er schlecht gelaunt war. Ich habe ihn als sehr herzlichen Menschen in Erinnerung, der uns alles ermöglicht hat, was wir uns gewünscht haben. “

„Wir können ‚König der Löwen‘ schauen oder aufs Eis gehen. “

„Ich war länger nicht mehr Schlittschuhlaufen.

„Boah, nicht schon wieder so ein Mädchenkram. Ich will endlich mal wieder mit Papa den ganzen Tag lang kicken. “

„Langsam, ihr zwei. Wir haben das ganze Wochenende für uns.

Jetzt packt erst mal eure Sachen. “

„Am Wochenende haben wir immer verschiedene Sachen gemacht, je nach Wetter. Entweder waren wir im Tierpark, oder mein Bruder war Angeln und ich war mit meinem Vater auf dem Ponyhof. Das haben wir oft gemacht.

Die Kinder wissen nicht, dass Klaus, einer der Aushilfskräfte, unter der Woche mit im Haus wohnt. Es ist das letzte Mal, dass die Kinder ihren Vater sehen. „Als Kind weißt du nicht, dass es die letzte Begegnung ist. Es war eine normale, freundliche, schöne Verabschiedung.

Daran kann ich mich gut erinnern. “

Kurze Zeit später, Sonntag, 8. Dezember 1996. Ein Jäger ist zur „Hauser Sandkuhle“ unterwegs, einem seit Jahrzehnten stillgelegten Kieswerk.

Am Tag zuvor fand eine Jagd statt. Da nicht alles Wild gefunden wurde, begibt sich der Mann mit seinem Hund auf Nachsuche. „Such verloren. Such.

So, schauen wir mal. “

Ein Kriminalbeamter wird zur Mordbereitschaft gerufen. „Ich bin nach Rheurdt gefahren und habe dort die Leiche vorgefunden. Mit meinem Kollegen Günther Kranz haben wir uns das angeschaut.

Es war sofort erkennbar, dass es schwierig werden würde, die Leiche zu identifizieren. Ich habe den gesamten Tatort videografiert, was damals noch nicht üblich war. “

„Es war eigentlich eine unberührte Natur, aber an diesem Abhang war Müll herabgeschüttet worden. Da lagen Papier und Zeitungen.

Die Leiche lag auch an diesem Abhang, und es sah aus, als sei sie wie Müll herabgeworfen worden. “

Die Leiche ist etwa zehn Meter den Abhang hinab befördert worden. Es handelt sich um die unbekleidete Leiche eines circa 40 bis 45-jährigen Mannes. „Bei dem Wetter kann die Spurensicherung ihre Arbeit gar nicht machen.

„Ich bin froh, dass ich die Videoaufnahme noch machen konnte. Die Verletzungen sind übel. Zertrümmerter Unterschenkel, Unterblutungen am Knie, massive Schläge im gesamten Kopfbereich. Schwer zu sagen, was letztendlich tödlich war.

Zur reinen Tötung hätte jedenfalls wesentlich weniger Gewalt ausgereicht. “

„Sie haben ihn hierher gefahren, den Hang runtergeworfen, ausgezogen und abgeladen. Das ist nur der Fundort. Getötet haben sie ihn woanders.

„Gibt es eine Spur von seinen Klamotten? “

„Nein, die haben alles gemacht, um eine Identifizierung zu erschweren. So wie das Gesicht aussieht, wird kaum jemand den Toten erkennen. “

Der erste Eindruck am Fundort: eine sehr abgelegene Gegend, wo normalerweise kein Spaziergänger hinkommt.

Nur einem Zufall ist es zu verdanken, dass die Leiche überhaupt gefunden wurde. Die Täter haben sich den Ort genau ausgesucht, aber keine Zeit investiert, die Leiche zu vergraben. Sie haben sie nackt an diese abgelegene Stelle gebracht. Der Kriminalbeamte vermutet, dass es mehrere Täter waren.

Zum einen war die Gewaltanwendung so heftig, dass das mehr als eine Person verursacht haben muss. Zum anderen musste der Mann transportiert, ein- und ausgeladen und den Hang hinuntergeworfen worden sein. Insofern war die Annahme, dass mindestens zwei Personen beteiligt waren, relativ groß. Gleich am nächsten Tag wird die Leiche in der Rechtsmedizin untersucht.

„Ich war damals ein junger Rechtsmediziner und hatte so etwas bis dahin noch nicht gesehen. Es war ein ungewöhnlicher Fall, weil sehr viele Verletzungen vorlagen, die mit großer Kraft und Vehemenz beigebracht worden sind. Wir haben allein 17 Gewalteinwirkungen gegen den Schädel gezählt. Die meisten wurden mit einem stumpfen, quadratischen Gegenstand von etwa 5 x 5 cm durchgeführt – das lässt auf einen größeren Hammer schließen.

Die Nase war gebrochen. Wir haben es mit mehreren Angriffskomplexen zu tun – von hinten, von oben, von der Seite und frontal. “

„Was ist mit Abwehrverletzungen? “

„Es gibt etliche in den Handflächen und an den Unterarmen.

Der Mann hat versucht, seinen Kopf zu schützen oder zu fliehen. Um ihn daran zu hindern, hat einer der Täter ihm das Bein zertrümmert. Oder das Bein ist postmortal gebrochen, als sie versucht haben, ihn wegzuschaffen. Wir haben an beiden Körperseiten Totenflecken festgestellt, was bedeutet, dass die Leiche umgelagert wurde.

Er muss zunächst auf einer Seite gelegen haben und ist dann nach ein paar Stunden auf die andere Seite gelegt worden, bevor die endgültige Leichenbeseitigung in der Kiesgrube stattfand. Die haben erstmal überlegt, wo sie den Toten beseitigen können. Er lag etwa eine Woche bis 14 Tage dort, und die Leiche war in etwas eingewickelt – wir haben grobe Faserreste gefunden, die auf eine Decke oder einen dreckigen Teppich schließen lassen. “

„Was ist die Todesursache?

„Der Angriff gegen den Hals wurde mit einem Seil oder Kabel so ausgeführt, dass der Schildknorpel gebrochen ist, aber das hat nicht unmittelbar zum Tod geführt. Er war danach erstmal bewusstlos. Die Todesursache ist ein Schädelhirntrauma aufgrund der vielen schweren Einzelverletzungen. “

„Umso wichtiger ist es, die Identität des Mannes zu klären.

Sein Gesicht können wir so nicht veröffentlichen. Haben Sie etwas, das uns weiterhelfen könnte? “

„Ich habe den Zahnstatus. Das Gebiss hatte zahlreiche zahnärztliche Maßnahmen.

Die Füllungen waren nicht typisch für Deutschland – sie deuteten darauf hin, dass sie in Osteuropa, möglicherweise in Polen, gemacht worden sind. “

Die Kripo Krefeld richtet eine Sonderkommission ein und benennt sie nach dem Fundort. Oberste Priorität hat die Identifizierung des Unbekannten. Der Mann kommt wahrscheinlich aus Polen.

„Setzt euch mit den Kollegen dort in Verbindung und fragt, ob sie einen Mann zwischen 35 und 50 vermissen. “

„Und denkt auch an die Holländer – die Sandkuhle liegt keine 30 km von der Grenze entfernt. “

Das Problem: Der Tote ist durch die Schläge so entstellt, dass keine Zeitung sein Bild veröffentlichen wird. Ein Phantombildzeichner wird eingesetzt.

Zwischen zwei Städten liegen Parkplätze, auf denen Tagelöhner auf Arbeit warten. Viele von ihnen sind aus Polen. Die Landstraße führt direkt an der Sandkuhle vorbei – genau am Fundort. Vielleicht ist ein Streit unter Landarbeitern eskaliert.

Wenn jemand verschwindet, meldet sich keiner, wo Leute schwarz bezahlt werden. Das Labor hat außerdem Haare in den Handflächen gefunden, vermutlich von einem Schäferhund. Die meisten Bauern haben Wachhunde. Die Kripo sucht unzählige Parkplätze auf – zunächst ohne Erfolg.

„3. 000 Mark, wenn Sie uns sagen können, wer das ist. “

„Noch nie gesehen. “

„Das war ein Schuss in den Ofen.

„Dafür, dass sie nichts wissen, sind sie ganz schön aufgeregt. “

Zwei Wochen nach dem letzten Treffen ist wieder Papa-Wochenende. Doch dieses Mal warten Sabrina und Tim vergeblich auf ihren Vater. „Papa hat uns doch nicht vergessen, oder?

„Natürlich nicht. Da ist irgendwas dazwischengekommen. Er meldet sich gleich. “

„Kannst du ihn noch mal anrufen, bitte?

„Ich habe Mama sehr viel damit genervt. Wann kommt er? Wo ist er? Wieso weißt du nichts?

Man denkt, Mama weiß alles. Sie muss eine Antwort haben. “

„Es gab auch mal Wochenende, an denen er nicht kam. Dann hat er abends angerufen und gesagt, dass etwas dazwischengekommen ist.

Er hat immer Bescheid gesagt. An diesem Wochenende hat er nicht angerufen. Wir haben gar nichts gehört. “

Unterdessen folgt die Kripo der Spur ins polnische Landarbeitermilieu.

„Sie stecken nicht in Schwierigkeiten. Wir interessieren uns nicht für Ihre Papiere. Ich möchte nur wissen, wann und wo Sie diesen Mann zuletzt gesehen haben. “

„Ich will keinen Ärger mit den Leuten.

„Sie bekommen keinen Ärger, das verspreche ich Ihnen. “

„Okay, der sieht aus wie Matthus Kaminski. Der hatte Streit mit zwei Männern. Das sind die Brüder Pter und Bartosch.

Die haben ihn geschlagen. “

„Wann haben Sie Matthus Kaminski zum letzten Mal gesehen? “

„Im November. Er wollte für eine Woche nach Hause zu seiner Familie, ist aber nie wieder zurückgekommen.

„Der Hof, auf dem Sie alle gearbeitet haben, liegt fußläufig zur Sandkuhle. Ich nehme an, dass die beiden Männer den Ort kannten. “

„Logisch. Kennen wir alle.

Da sind wir im Sommer nach der Arbeit hingegangen, um ein bisschen zu feiern. “

„Trauen Sie den beiden einen Mord zu? “

„Ich habe gehört, dass die schon mal in Polen einen so geschlagen haben, dass er tot war. “

„Was hältst du von der Geschichte?

„Es passt einiges. Der Tote sieht Kaminski ähnlich, ist im gleichen Alter und wird seit Ende November vermisst. Wir sollten bei den polnischen Kollegen anfragen, ob sie seine Familie ausfindig machen können. “

Die Kinder haben seit drei Wochen nichts von ihrem Vater gehört.

Dass sich die Polizei längst mit dem Fall beschäftigt, ahnen sie nicht. Es ist Sonntag, der vierte Advent. Zwei Tage vor Heiligabend. „Tim, wie blöd du schaust.

„Sehr witzig. Hast du auch ein Geschenk für Papa? “

„Für jemanden, der weg ist, kaufe ich nichts. “

„Von wegen?

Das ist Onkel Jürgen. Aber vielleicht hat er schon Geschenke dabei. “

„Sorry, dass ich so spät bin. Hallo, frohe Weihnachten, Karin.

„Hat Papa bei dir angerufen? “

„Nein, leider nicht. Lass mich durch. “

„Kapier doch endlich, dass er weg ist und sich einen Dreck für uns interessiert.

„Tim, die Bank hat angerufen. Helmut hat seit Monaten seinen Kredit nicht abbezahlt. Jetzt wollen sie das Geld von mir, weil ich für ihn gebürgt habe. Sonst wird sein Haus zwangsversteigert.

„Karin, du musst mit den Kindern reden, besonders mit Sabrina. Sonst wartet sie noch ewig auf ein Lebenszeichen von meinem Bruder. “

„Was soll ich ihnen sagen? “

„Die Wahrheit.

Sie sind alt genug. Helmut hat sich ins Ausland abgesetzt, weil er seine Schulden nicht bezahlen kann. Er wird nicht mehr wiederkommen. “

„Nach und nach habe ich herausgehört, dass Papa ein paar Schulden hat und wahrscheinlich deswegen ins Ausland gegangen ist.

Dann kommt die Nachricht von den polnischen Kollegen: Sie haben Kaminski gefunden – er ist bei einem Unfall in Polen ums Leben gekommen. Damit ist er nicht der Tote aus der Kiesgrube. „Wir haben mit der Mordkommission intensiv jeden Stein umgewälzt und alle Ermittlungen durchgeführt, aber nach einigen Wochen gab es keine Spur mehr. Die Mordkommission wurde eingestellt.

Der Tote wurde im Januar in R. begraben. Mein Kollege Kranz und ich waren die einzigen, die am Grab standen. “

„Ich habe nach Möglichkeit bei jedem meiner Mordopfer an der Beerdigung teilgenommen.

Man verliert schnell den Menschen aus dem Blick, wenn man sich auf Spuren und Fakten konzentriert. Es geht um den Toten und um seine Angehörigen. “

Sabrina drängt ihre Mutter immer wieder zum Haus des Vaters zu fahren, ohne Erfolg. „Er ist nicht da.

Ich verstehe das nicht. Wo ist er? “

„Ich weiß es nicht. Es tut mir leid, mein Schatz.

Schließlich geht die Mutter zur Polizei, um eine Vermisstenanzeige aufzugeben. „Kontakte nach Rumänien, sagten Sie? “

„Ja, er hat dort Freunde. Aber ich habe nicht die genaue Adresse.

„Und der Unterhalt war auch seit Monaten fällig? “

„Ja. Er hat mir aber versprochen, dass er sie zahlt. “

„Frau Peters, ich sehe keinen Anlass für eine Anzeige.

Ihr Ex-Mann ist erwachsen. Der kann tun und lassen, was er will. Eine Suizidgefährdung liegt nicht vor. Und vor dem finanziellen Hintergrund – das klingt eher nach abgehauen, um Schulden zu vermeiden.

„Mama, was heißt das, was der Mann da sagt? “

„Dass wir umsonst hier sind. “

„Für mich war das sehr traurig. Meine heile Kinderwelt ist zusammengebrochen, weil ich gedacht habe, die Polizei hilft dir und macht sofort etwas.

Das ist damals nicht passiert. Das war sehr traurig für mich. “

„Das war nach damaligen Standards falsch. Nach heutigen Standards wäre es skandalös.

Um ihre Kinder vor dem finanziellen Ruin zu schützen, lässt sich die Frau in Abwesenheit ihres Mannes scheiden. Kurz darauf wird sein Haus zwangsversteigert. Auch das Zimmer des ehemaligen Mitarbeiters Klaus muss geräumt werden. Dabei helfen sein Bruder Dieter und dessen Frau.

„Sag mal, warum musst du eigentlich ausziehen? “

„Das Haus wird verkauft. “

„Und wo ist der Mann jetzt? “

„Keine Ahnung.

Im Urlaub. Gib mir mal eine Kiste. “

„Warte mal kurz. Hier ist etwas runtergefallen.

Ein Personalausweis – von wem? “

„Helmut Peters. Ist doch der, der hier wohnt, oder? “

„Ja, sicher.

„Wie kann er denn ohne seinen Ausweis in den Urlaub fahren? “

„Schatz, ich weiß es nicht. “

Über zwei Jahrzehnte vergehen, und der Tote aus der Sandkuhle hat immer noch keinen Namen. Die kriminaltechnischen Methoden haben sich immens verbessert.

„DNA-Analyse war damals noch nicht möglich. Bei den Leichen wurden schon damals flächendeckend Folien aufgeklebt, um Gewebespuren, Haare und Fasern zu finden. Diese Folien können heute erst auf Hautschuppen untersucht werden. Aber leider waren die Folien von damals nicht mehr da – sie wurden vernichtet.

Die Kripo lässt neue Phantombilder digital anfertigen und geht in die Öffentlichkeit. Eine Sendung wie „Aktenzeichen XY ungelöst“ hat über fünf Millionen Zuschauer. „Es ist nicht so, dass die Erinnerung besser wird. Aber die Personen haben nach so langer Zeit möglicherweise kein so intensives Verhältnis mehr zum Täter und kommen zu einer Aussage, die sie vor 20 oder 30 Jahren vielleicht nicht gemacht hätten.

Während der Sendung gehen über 50 Hinweise ein. Ein Beamter hört sich einen Anruf an. „Woher kennen Sie den Mann? “

„Ich kannte ihn nicht persönlich, nur vom Hörensagen.

Aber ich weiß es sicher, weil ich das eben mit der Kiesgrube gesehen habe. “

„Wissen Sie auch, was mit dem Herrn passiert ist? “

„Ja, der wurde ermordet. “

„Von wem oder warum?

„Da möchte ich jetzt nichts zu sagen. Jetzt hören Sie mal – ich rufe bestimmt nicht aus Spaß an. Was soll man machen, wenn man zufälligerweise weiß, wer der Mann ist und wer es getan hat? Das belastet mich seit 23 Jahren.

Jetzt habe ich diese Sendung gesehen. Das kann kein Zufall sein. Sie kennen also auch den Täter? “

„Nicht am Telefon.

Sie haben meine Nummer. Da kann mich einer von der Polizei zurückrufen. “

„Das ist kein Spinner. Das ist vielleicht der Hinweis, auf den wir 23 Jahre gewartet haben.

„Dieser Hinweis war elektrisierend. Es wurde auf eine bestimmte Person hingewiesen, auf mögliche Tatzusammenhänge – und diese Person wird seit 96 vermisst. “

Bei dem Toten aus der Sandkuhle soll es sich um Helmut Peters handeln. Um ganz sicher zu gehen, nimmt die Kripo von seinem Bruder eine Speichelprobe – das Y-Chromosom ist bei allen männlichen Verwandten gleich.

„Ich habe die Sendung damals nicht gesehen. Darauf hätte ich Helmut niemals erkannt. Die Kiesgrube? Nie gehört.

Ich weiß nur, dass er von heute auf morgen verschwunden ist und sich bei niemandem mehr gemeldet hat. “

„Warum wurde nie eine Vermisstenanzeige aufgegeben? “

„Meine Schwägerin hat das mehrmals versucht. Aber ein Mann mit Schulden und Kontakten nach Rumänien – das hat keiner ernst genommen.

„Hat man auch einen Hund gefunden? “

„In der Grube? Nein, nur ein paar längere Haare an den Handflächen des Toten, wie von einem Schäferhund. “

„Rocky, das war sein Schäferhund.

Er ist mit ihm spurlos verschwunden. “

Die Speichelprobe der Tochter wird benötigt. Sabrina bekommt Besuch. „Sabrina, das ist Herr Hopmann von der Kriminalpolizei.

„Guten Tag. Ist etwas mit Tim? “

„Es geht um deinen Vater. Sie haben einen Toten in einer Kiesgrube gefunden und denken, dass es Helmut ist.

„Was ist mit ihm passiert? “

„Der Mann wurde ermordet. Wir haben ihn schon am 8. Dezember 96 gefunden.

Aber jetzt haben wir einen Hinweis bekommen, dass es sich eventuell um Ihren Vater handeln könnte. “

„Mama, das war eine Woche, nachdem wir ihn zuletzt gesehen haben. “

„Ich weiß, Liebes. “

„Es war sehr traurig, aber auch irgendwie ein Gefühl von: Jetzt weißt du, was passiert ist.

Jetzt weißt du, warum er sich nicht gemeldet hat. Das war für mich ein Stein, der gefallen ist. Papa ist nicht abgehauen – er konnte sich einfach nicht melden. “

Kurz darauf kommt das Ergebnis: Der Tote aus der Kiesgrube ist der Mann, den seine Familie so lange vermisst hat.

„Das war sehr krass für uns, endlich zu wissen, wer der Tote ist. Da hatten wir 22 Jahre drauf gewartet. Und plötzlich war er es. Aber das war die erste Stufe.

Die zweite war festzustellen: Was ist der Hintergrund? Wer könnte der Täter sein? “

Nachdem die Identität geklärt ist, vernimmt der Kommissar den Hinweisgeber aus der Sendung. „Sie haben gesagt, dass Sie die Täter kennen.

Möchten Sie jetzt darüber sprechen? “

„Ja, es war der Klaus und sein Kumpel Michael. “

„In welchem Verhältnis stehen Sie zu den beiden? “

„Klaus ist mein Bruder.

„Ihr Bruder? Sind Sie deswegen so lange nicht zur Polizei gegangen? “

„Ja, vielleicht. “

„Woher kennen Sie die Hauser Sandkuhle?

„Wir sind da aufgewachsen. Unser Elternhaus war keine 5 km entfernt. Wir haben früher fast jeden Tag da gespielt. ‚Klaus, du hast dich ja gar nicht versteckt.

Schau mal da, ein Hase. Ist er tot? Ich glaube schon. ‘ Daher kannte mein Bruder den Ort und wusste, wie verlassen die Gegend ist.

„Wie haben Sie von dem Mord erfahren? “

„Michael hat es mir erzählt, nachdem ich nicht locker gelassen habe. Es gab immer Gerüchte, dass Klaus und Michael einen platt gemacht haben. Das haben mehrere Leute gewusst, und keiner ist zur Polizei gegangen.

Ich habe das nie ernst genommen. Aber Anfang 97 haben wir Klaus beim Auszug geholfen. Er hat bei Herrn Peters in der Werkstatt gewohnt. Da ist etwas Merkwürdiges passiert: Ein Personalausweis ist runtergefallen.

‚Wie kann er denn ohne seinen Ausweis in den Urlaub fahren? ‘“

„Hat der Kumpel Ihres Bruders auch da gewohnt? “

„Nur Klaus. Michael ist manchmal tagsüber in die Werkstatt zum Aushelfen gekommen.

„Die Familie hat nie von Mitarbeitern oder einem Mitbewohner erzählt. Wie erklären Sie sich das? “

„Mein Bruder hatte damals ziemlich heftige Drogenprobleme. Ich nehme an, dass er raus musste, wenn die Kinder am Wochenende kamen.

„Wie haben die drei sich kennengelernt? “

„Es muss Herbst 96 gewesen sein. Mein Bruder hatte keinen festen Wohnsitz. Wahrscheinlich haben sie einen Deal gemacht: ‚Ich helfe mit den Autos, dafür lässt du mich bei dir pennen.

‘“

„Aber was ist dann schiefgelaufen? Warum haben sie ihn umgebracht? “

„Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass es um Geld ging.

‚Du rückst jetzt die 5. 000 raus, sonst passiert was. ‘ ‚Ich habe euch immer für eure Arbeit bezahlt. ‘ ‚Hier geht es nicht um Hungerlohn.

Du schuldest uns eine Provision. Wir haben dir Kunden reingeschafft. Ohne uns hättest du keine einzige Karre verkauft. ‘ ‚Das ist wohl ein Witz.

Ich suche die Autos raus, gehe in Vorkasse – und du kommst mit einem einzigen Kunden und willst 5. 000 Mark Provision? ‘ ‚Jetzt mach keinen Scheiß, Klaus. ‘ ‚Ja, deine scheiß Fresse, Mann.

‘ Dann hat er mit dem Hammer zugeschlagen. “

„Wissen Sie das genau? “

„Michael hat es so gesagt. Michael hat ihn erdrosselt.

Er hat gesagt: ‚Der ist nicht totzukriegen. ‘“

„Als ich das gehört habe, ist mir kalt den Rücken runtergelaufen. “

„Was haben die beiden mit der Leiche gemacht? “

„Sie haben ihn in die Montagegrube in der Werkstatt geschmissen, eingewickelt in einen alten Teppich.

Das glaube ich zumindest, denn als wir beim Auszug geholfen haben, hat es unheimlich gestunken und da lag ein alter Teppich. Dann haben sie seine Klamotten verbrannt und ihn in seinem Wagen weggeschafft. Den Wagen haben sie wahrscheinlich verkloppt. Ich weiß es nicht.

„Haben die beiden den Hund auch getötet, den Rocky? “

„Nein. Den hat mein Bruder meinem Sohn geschenkt. “

Der Hinweisgeber nennt noch die Adressen der beiden Männer.

„Michael wohnt irgendwo bei Aachen. Wir haben seit Ewigkeiten keinen Kontakt. “

„Und Ihr Bruder? “

„Mein Bruder braucht keine Adresse mehr.

Der ist tot. Im Mai 97, kein halbes Jahr nach der Sache. Ich habe ihn gedrängt, zur Polizei zu gehen. Und was macht er?

Er hat sich einen Flug in die Türkei gebucht und ist mit dem Motorrad verunglückt. Gegen ein Verkehrsschild, besoffen. Ich glaube, das war Absicht. Wahrscheinlich war Mord selbst für jemand wie meinen Bruder zu viel.

Im September 2020, fast 24 Jahre nach dem Mord, sucht der Kommissar den noch verbleibenden Tatverdächtigen auf. „Schönen guten Tag. Hopmann, Kripo Krefeld. Sind Sie Michael Bäcker?

Ich nehme Sie vorläufig fest wegen Verdachts des Mordes an Helmut Peters. Sie haben das Recht zu schweigen und einen Anwalt anzurufen. Drehen Sie sich um, nehmen Sie die Hände auf den Rücken und leisten Sie keinen Widerstand. “

„Ich will einen Anwalt.

„Den kriegen Sie, keine Sorge. “

Der Beschuldigte schweigt zu den Tatvorwürfen – im Ermittlungsverfahren und im Strafverfahren. „Für mich ist klar: Ohne die erneute Ausstrahlung dieses Falles bei ‚Aktenzeichen XY ungelöst‘ und ohne die Angaben des Hinweisgebers wäre dieser Fall bis heute nicht gelöst worden. Der Getötete wäre immer noch ein Unbekannter.

Die Angehörigen wüssten immer noch nicht, was passiert ist. Und der Beschuldigte wäre bis heute ein unbestrafter Mann. “

Im Mai 2021 wird das Urteil gefällt: lebenslange Haft wegen Mordes in Tateinheit mit räuberischer Erpressung mit Todesfolge. „Mein Bauchgefühl hat mir immer gesagt, dass es Familienangehörige gibt, die wissen wollen, was mit ihm passiert ist, auch wenn das viele Jahre zurückliegt.

Sie haben einen Anspruch darauf, das zu wissen und nicht das ganze Leben im Unklaren zu bleiben. Natürlich gehört auch ein gewisser kriminalistischer Ehrgeiz dazu. Ich konnte mich nie damit abfinden, eine Tat nicht zu klären. “

Sabrina hat für sich beschlossen, das Grab ihres Vaters zu kaufen, einen Grabstein aufzustellen und es zu bepflanzen.

„Das war für mich sehr wichtig. Das war der kleine Abschluss, den wir nicht machen konnten. “

Fast ein Vierteljahrhundert sucht die Kripo nach der Identität eines Mannes, den seine Familie all die Zeit schmerzlich vermisst hat. Genauso lange ist das Glück auf Seiten der Täter.

Doch dann wendet sich das Blatt mit einem einzigen Hinweis bei „Aktenzeichen XY ungelöst“. Damit wird nicht nur der Fall geklärt, sondern auch die quälende Frage der Tochter beantwortet, warum ihr Vater sie als Kind verlassen hat.