DAS GEHEIMNIS IM VERSCHLOSSENEN KELLER: Welch düsteres Verbrechen verbarg sich Jahre nach dem Verschwinden von Sigrid P.?

DAS GEHEIMNIS IM VERSCHLOSSENEN KELLER: Welch düsteres Verbrechen verbarg sich Jahre nach dem Verschwinden von Sigrid P.?

Der 14. Februar 2008 war für die Familie Paulus in Ittenbach, einem beschaulichen Stadtteil von Königswinter, kein Tag der Liebe, sondern der Tag, an dem die 40-jährige Sigrid Paulus spurlos verschwand. Mehr als fünfeinhalb Jahre lang suchte ihre Tochter Christina, genannt Chrissi, verzweifelt nach Antworten, während ihr Vater Gert die Rolle des trauernden, verlassenen Ehemanns spielte.

Die Wahrheit, die schließlich ans Licht kam, ist so grausam wie unfassbar: Sigrids Leiche lag die gesamte Zeit über im Keller des gemeinsamen Familienhauses, einbetoniert in einem Weinregal, das Gert angeblich für sie gebaut hatte.

Der Fall begann mit einer scheinbar normalen Familiengeschichte. Sigrid und Gert lernten sich im Sophienhof in Königswinter kennen, beide arbeiteten dort als Kellner. Sie verliebten sich, heirateten, als Sigrid erst 19 Jahre alt war, und bekamen zwei Kinder: Sebastian und Christina.

Die Familie wirkte nach außen hin glücklich, doch hinter der Fassade türmten sich Schulden auf. Nach zwei gescheiterten Selbstständigkeiten – einem Hotel und einem Imbiss – belief sich der Schuldenberg auf 80. 000 Euro.

Gert arbeitete 12 bis 14 Stunden am Tag, um die Familie über Wasser zu halten, während Sigrid sich zunehmend allein gelassen fühlte. Die Streitereien ums Geld wurden lauter, die Ehe kriselte. Dennoch versuchten die Eltern, ihre Kinder von den Problemen fernzuhalten.

Am Morgen des 14. Februar 2008 eskalierte ein Streit im Badezimmer. Sigrid, die gerade unter der Dusche gestanden hatte, machte Gert Vorwürfe wegen der finanziellen Misere.

Sie schubste ihn, er schubste zurück. Der Boden war nass, Sigrid rutschte aus und schlug mit dem Hinterkopf gegen die Badewanne. Blut floss.

Doch statt zu helfen, packte Gert seine Frau, drückte sie zu Boden und würgte sie minutenlang. „Ich konnte das ständige Nörgeln nicht mehr ertragen“, sagte er später vor Gericht. „Kein Mann könnte das.

“ Als er losließ, war Sigrid tot. Gert wickelte ihren Körper in blaue Müllsäcke, versteckte ihn im Keller und reinigte das Blut im Badezimmer. Dann rief er seine Kinder an, um sie von einem Treffen in einem Restaurant abzuhalten.

Am nächsten Tag, während die Kinder in der Schule waren, betonierte Gert die Leiche seiner Frau im Sockel eines Weinregals ein, das er im Keller errichtet hatte. Er erfand eine Geschichte: Sigrid sei nach dem Streit gegangen, habe später zweimal ihre Sachen abgeholt – einmal mit einer Reisetasche, einmal mit Umzugskartons, begleitet von zwei jungen Männern in einem weißen Lieferwagen mit Kölner Kennzeichen. Diese Erzählung wiederholte er jahrelang, gegenüber seinen Kindern, der Polizei und den Medien.

Chrissi, die zum Zeitpunkt des Verschwindens 15 Jahre alt war, glaubte ihm. Sie schrieb Briefe an ihre Mutter, hoffte auf eine Geburtstagskarte, suchte sie sogar im Park und in Düsseldorf, nachdem ein Polizeibericht eine Verkehrskontrolle von 2009 mit Sigrids Namen verzeichnet hatte. Doch die Akten waren vernichtet.

Die Jahre vergingen. Gert ließ sich scheiden, heiratete neu, nahm den Nachnamen seiner neuen Frau an. Chrissi zog aus, weil sie nicht im Haus mit der neuen Partnerin ihres Vaters leben konnte.

Doch die Suche nach ihrer Mutter ließ sie nicht los. Sie wandte sich an Medien, an die Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“. Im Oktober 2013, nachdem die Polizei endlich offiziell ermittelte, fiel der entscheidende Hinweis: Chrissi bemerkte, dass ihr Vater bei der Beschreibung der angeblichen Begleiter seiner Frau plötzlich detaillierte Angaben machte, die er ihr gegenüber nie erwähnt hatte.

„Da musste ich irgendwas sagen“, erklärte er. Ihr Misstrauen wuchs. Sie berichtete der Polizei von ihrem Hund, der immer an einer bestimmten Stelle im Garten buddelte, und von einem aufgebrochenen Schmuckkästchen im Keller.

Am 30. Oktober 2013 durchsuchte die Polizei das Haus. In weißen Schutzanzügen, mit Spürhunden und Baggern, rückten sie an.

Gert, der auf seiner Arbeit abgefangen wurde, brach nach wenigen Minuten zusammen. Er führte die Beamten in den Keller, direkt zum Weinregal. Ein Leichenspürhund schlug an.

Mit Schlagbohrern und Stemmeisen zerstörten die Ermittler den Betonsockel. Darunter fanden sie einen blauen Müllsack, der den Verwesungsgeruch einer Leiche freisetzte. Es war Sigrid.

Sie trug noch ihren Ehering. Gert wurde festgenommen und gestand die Tat. Die Anklage lautete auf Totschlag, nicht auf Mord, da kein Mordmerkmal wie Heimtücke oder Habgier nachgewiesen werden konnte.

Im März 2014 begann der Prozess vor dem Bonner Landgericht. Gert, ordentlich gekleidet und ruhig, schilderte die Tat sachlich. Er sprach von einer „affektiven Entladung“, von einem „Klick“ im Kopf.

„Ich wollte nur Ruhe“, sagte er. „Das Schreien war vorbei, aber ich hätte mir sehr gewünscht, dass sie noch mal atmet. “ Er beteuerte, dass er die Leiche nicht habe entsorgen können, weil die Kinder bald von der Schule kamen.

Also betonierte er sie ein. Chrissi saß im Gerichtssaal und hörte alles. „Das war das Schlimmste, was ich erleben musste“, sagte sie später.

„Ich habe meine Mutter verloren und meinen Vater auch. “ Das Urteil: acht Jahre Haft wegen Totschlags. Der Richter sprach von einer „affektiven Entladung“, aber auch davon, dass Gert wusste, was er tat, als er minutenlang zudrückte.

Für Chrissi ist die Strafe nebensächlich. „Gerechtigkeit kann es nicht geben“, sagt sie. „Es kann mir niemand das zurückgeben, was ich verloren habe.

“ Sie trägt den Ehering ihrer Mutter an einer Halskette und hat sich ein Tattoo stechen lassen: „Festhalten, was man nicht halten kann. Begreifen wollen, was unbegreiflich ist. Im Herzen tragen, was ewig ist.

“ Darunter das Datum: 14. 02. 2008.

Sie hat den Kontakt zu ihrem Vater nicht abgebrochen, schreibt ihm Briefe, besucht ihn im Gefängnis. „Er hat sich nach der Tat so liebevoll um mich gekümmert“, erklärt sie. „Ich will ihn nicht ganz aus meinem Leben streichen, sonst hätte ich am Ende weder Mutter noch Vater.

“ Ihr Bruder hingegen hat den Kontakt abgebrochen und klagte auf Erbunwürdigkeit.

Der Fall wirft ein grelles Licht auf die Abgründe einer scheinbar normalen Familie. Gert, der nach außen hin als freundlicher, hilfsbereiter Mann galt, der seine Tochter bei den Hausaufgaben unterstützte und ihr einen Hund schenkte, hatte ein grausames Geheimnis gehütet. Diplompsychologe Thomas Dobbeck erklärt, wie Lügen zur gefühlten Wahrheit werden können: „Je häufiger ich die Geschichte erzähle, desto mehr fange ich an, sie zu glauben.

Das ist dünnes Eis, aber es funktioniert. “ Chrissi selbst sagt, sie habe nie Zweifel gehabt, weil ihr Vater „so normal“ war. „Man fängt an zu zweifeln, was im Leben überhaupt noch echt ist und wem man vertrauen kann.

Heute lebt Chrissi ein normales Leben. Sie hat ihre Ausbildung zur Bürokauffrau abgeschlossen, einen Freund namens Stefan an ihrer Seite, der ihr Halt gibt. Auf der Suche nach einem eigenen Haus stellte sie eine Bedingung: Es darf keinen Keller haben.

Die Erinnerung an den 14. Februar 2008 wird sie nie loslassen. „Ich habe gedacht, sie meldet sich“, sagte sie einmal.

„Aber das hat sie nie getan. “ Die Wahrheit war schlimmer als jede Hoffnung. Sigrid Paulus starb mit 40 Jahren, erdrosselt von ihrem Ehemann, und lag mehr als fünf Jahre lang nur wenige Meter entfernt von dem Ort, an dem ihre Tochter schlief, aß und lebte.

Der Fall ist ein Mahnmal dafür, wie tief die Abgründe in einer Familie sein können, wenn die Fassade bröckelt.