„Wir haben ein Problem, Sir“, flüsterte der Kellner, während ich an diesem Abend den letzten Gang servierte. Es war der 14. April 1912, und ich stand im berühmtesten Restaurant der Titanic, dem…

„Wir haben ein Problem, Sir“, flüsterte der Kellner, während ich an diesem Abend den letzten Gang servierte. Es war der 14. April 1912, und ich stand im berühmtesten Restaurant der Titanic, dem...

Es war der 14. April 1912, und im größten Speisesaal, der je auf einem Schiff gebaut worden war, wurde das aufwendigste Dinner serviert, das der Atlantik je gesehen hatte. Zehn Gänge, Austern, Filet Mignon, gebratene Ente, Lammrücken, Gänseleber. Dazwischen ein eisgekühlter Punsch aus Champagner und Rum, der nur dazu da war, den Gaumen zu erfrischen.

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Unter funkelnden Kronleuchtern saßen die reichsten Menschen der Welt in Frack und Abendkleid, Kellner mit weißen Handschuhen glitten zwischen den Tischen. In weniger als fünf Stunden würde dieses Schiff auf dem Grund des Ozeans liegen, und die meisten Menschen an diesen Tischen wären tot. Die Titanic war das größte bewegliche Objekt, das Menschen bis dahin gebaut hatten. Fast dreihundert Meter lang, Stockwerke hoch, und ein erstaunlich großer Teil davon war nichts als Küche.

Bevor sie am 10. April in Southampton ablegte, wurde sie beladen, als sollte sie eine ganze Stadt ernähren. Im Grunde tat sie genau das. An Bord kamen vierzigtausend frische Eier, vierzig Tonnen Kartoffeln, über dreißig Tonnen frisches Fleisch und mehrere Tonnen frischer Fisch.

Dazu sechsunddreißigtausend Orangen, siebentausend Köpfe Salat, fast sechstausend Liter Milch und tausend Brote, die jeden Tag frisch gebacken werden mussten. In den Kühlräumen lagerten zwanzigtausend Flaschen Bier, tausend Flaschen Wein und mehrere tausend Zigarren. Die Titanic war kein Schiff mit einem Restaurant, sie war ein schwimmendes Grand Hotel. Aber was jemand auf den Teller bekam, hing vollständig von seiner Fahrkarte ab, denn das Schiff war in mehrere Welten geteilt, übereinander gestapelt wie die Stockwerke eines Hauses.

Ganz unten, tief unter der Wasserlinie, lagen die Kesselräume. Hier schufteten die Heizer, die Männer, die man die schwarze Mannschaft nannte, weil sie von Kopf bis Fuß mit Kohlenstaub bedeckt waren. Hunderte schaufelten in glühender Hitze Kohle in die Feuer, damit das Schiff überhaupt fuhr. Es war die härteste Arbeit an Bord.

Was sie zu essen bekamen, war einfach und kräftig: dicke Eintöpfe, Suppe, Salzfleisch, harte Schiffszwieback und Berge von Brot. Kein Champagner, keine Austern, nur schwere, sättigende Kost, hastig geschlungen in kurzen Pausen neben der Hitze der Öfen. Über den Maschinen lag die dritte Klasse. Hier reisten die Auswanderer, Familien aus Irland, Skandinavien und Osteuropa, die alles verkauft hatten, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen.

Man würde erwarten, dass für die Ärmsten kaum mehr blieb als das Allernötigste. Aber genau hier liegt die Überraschung dieser Geschichte. Die dritte Klasse der Titanic bekam drei warme Mahlzeiten am Tag. Zum Frühstück Haferbrei, Räucherhering, Eier mit Speck, frisches Brot und Marmelade.

Mittags eine warme Suppe, Roastbeef mit brauner Soße, Kartoffeln und zum Nachtisch Pflaumenpudding. Für viele dieser Menschen war das mehr und besser, als sie in ihrem ganzen Leben je gegessen hatten. Manche aßen auf dieser Überfahrt zum ersten Mal an mehreren Tagen hintereinander Fleisch. Auf dem Papier war die dritte Klasse bescheiden, in Wahrheit war sie für ihre Zeit ungewöhnlich großzügig.

In der zweiten Klasse reisten Lehrer, Pfarrer, Ingenieure, das gehobene Bürgertum. Was sie zu essen bekamen, hätte in den meisten Hotels an Land als Festessen gegolten: gebackener Fisch, gewürztes Lamm, Roastbeef, dazu Pudding, Nüsse und frisches Obst, serviert an gedeckten Tischen mit weißem Leinen. Die zweite Klasse der Titanic aß besser als die erste Klasse auf so manchem anderen Schiff jener Zeit. Ganz oben unter den Kronleuchtern reiste das Geld der Welt.

Millionäre, Industrielle, Adlige. Für sie war Essen kein Sattwerden, sondern eine Aufführung. Der Speisesaal der ersten Klasse war der größte Raum, der bis dahin je auf einem Schiff gebaut worden war. Helle Wände, weiche Teppiche, Platz für über fünfhundert Gäste gleichzeitig.

Das Abendessen zog sich über Stunden hin, Gang um Gang, bis zu zehn an der Zahl. Zwischen den schweren Gängen wurde ein eisiger Punsch aus Champagner, Rum und Wein gereicht, allein dazu gedacht, den Gaumen zu erfrischen, bevor es weiterging. Und wem selbst das noch nicht genug war, der stieg noch eine Treppe höher, denn die Titanic besaß etwas, das es auf einem Schiff so noch nie gegeben hatte: ein eigenes À-la-carte-Restaurant, fast rund um die Uhr geöffnet. Die Passagiere nannten es einfach das Ritz.

Vergoldete Wände, feinste französische Küche, weiße Tischdecken bis zum Boden. Wer hier speiste, zahlte extra, sogar wenn er ohnehin schon erste Klasse fuhr. Geführt wurde es von einem eleganten Italiener namens Luigi Gatti. Er hatte seine eigene Mannschaft an Bord gebracht, rund sechzig Kellner, Köche und Küchenjungen, die meisten aus Italien und Frankreich.

Sie gehörten nicht zur Besatzung des Schiffes, sie waren Gattis Leute. An diesem Sonntagabend gab es in der ersten Klasse ein besonderes Ereignis. Ein reiches Ehepaar aus Philadelphia, die Widener, hatte zu einem Diner geladen, und der Ehrengast war kein Geringerer als Kapitän Edward Smith selbst. Im À-la-carte-Restaurant bei Gatti wurde an diesem Abend das Feinste aufgefahren, was die Küche zu bieten hatte.

Gänge über Gänge, Champagner, Kerzenlicht. Kapitän Smith saß in seiner Uniform mittendrin und hob das Glas. Gegen neun Uhr entschuldigte er sich und ging zurück auf die Brücke. Draußen war die See vollkommen ruhig, spiegelglatt, die Luft eisig und klar.

Zu dieser Zeit wurde in der ersten Klasse der letzte Gang serviert: französisches Eis, Pfirsiche in Gelee. Danach zogen sich die Herren ins Rauchzimmer zurück zu Portwein und Zigarren. Es war der friedlichste Abend, den man sich denken kann. Kurz vor Mitternacht geschah es.

Ein Ausguck hoch oben im Mastkorb sah ihn zu spät, direkt vor dem Bug einen Berg aus Eis, schwarz gegen den Sternenhimmel. Die Titanic riss noch herum, aber es reichte nicht. Unter der Wasserlinie schlitzte das Eis eine Reihe von Löchern in den stählernen Rumpf. In den Küchen, wo eben noch das Geschirr des letzten Abendessens gespült wurde, spürte man kaum mehr als ein leises Zittern.

Niemand ahnte in diesem Augenblick, dass das größte Schiff der Welt bereits dem Untergang geweiht war. Zweieinhalb Stunden blieben noch. Jetzt kehren wir zurück zu den Männern, die wir uns merken sollten, zu Gattis Leuten, den Kellnern und Köchen des Ritz. Sie gehörten nicht zur Schiffsbesatzung, also hatten sie keine Aufgabe an den Rettungsbooten.

Man befahl ihnen, unter Deck zu bleiben, aus dem Weg. Von den rund sechzig Männern, die in Gattis Restaurant gearbeitet hatten, überlebten am Ende nur eine Handvoll. Luigi Gatti selbst, der elegante Gastgeber, ertrank in dieser Nacht. Und doch gibt es aus dieser Nacht eine Geschichte, die fast unglaublich klingt.

Der Chefbäcker der Titanic hieß Charles Joughin. Als klar wurde, dass das Schiff sinkt, schickte er seine Bäcker mit Armen voller Brotlaibe hinauf an Deck, damit die Menschen in den Rettungsbooten wenigstens etwas zu essen hätten. Dann tat Joughin etwas Seltsames. Er trank einen kräftigen Schluck Whisky.

Und als das Schiff schließlich unterging und sich das Heck steil in den Himmel hob, kletterte er beinahe gemächlich über die Reling ins Wasser. Joughin trieb stundenlang im eiskalten Wasser des Nordatlantiks, in dem die meisten Menschen binnen Minuten starben, und er überlebte. Er selbst erzählte später, er habe kaum die Kälte gespürt. Der Bäcker der Titanic gehörte zu den letzten Menschen, die das Deck verließen, und zu den ganz wenigen, die lebend aus dem Wasser gezogen wurden.

Um zwei Uhr zwanzig am Morgen des 15. April brach die Titanic in zwei Teile und versank. Von mehr als 2200 Menschen an Bord starben über 1500. Und hier schließt sich der Kreis zu dem, womit wir angefangen haben, zum Essen.

Denn dieselbe unsichtbare Grenze, die auf der Titanic bestimmte, wer Austern und Champagner bekam und wer Haferbrei, entschied in dieser Nacht auch darüber, wer lebte und wer starb. In der ersten Klasse, oben nahe an den Rettungsbooten, überlebten etwa zwei von drei Passagieren. In der dritten Klasse, tief unten im Schiff, hinter langen Gängen und Treppen, die viele im Chaos nie fanden, überlebte nur etwa einer von vier. Die Menschen, die tagelang das beste Essen ihres Lebens genossen hatten, waren dieselben, die als erste in die Boote durften.

Als in den Tagen danach das Rettungsschiff die Überlebenden nach New York brachte, trugen einige von ihnen etwas Merkwürdiges bei sich: Speisekarten, zusammengefaltete Menükarten vom letzten Abend, die sie sich als Andenken eingesteckt hatten, nur Stunden bevor ihre Welt unterging. Bis heute existieren diese Karten. Ein paar dünne Blätter Papier, auf denen in geschwungener Schrift steht, was in jener letzten Nacht serviert wurde. Austern, Filet Mignon, Punsch.

Eine einzige dieser Karten wird heute für hunderttausende versteigert, denn sie ist weit mehr als eine Speisekarte. Sie ist das letzte Bild eines Abends, an dem tausend Menschen ahnungslos das feinste Mahl ihres Lebens genossen, während sich der Ozean unter ihnen bereits öffnete. Die Titanic wollte die Welt vor allem mit einer Sache beeindrucken: mit ihrem Luxus, mit dem Versprechen, dass an Bord dieses Schiffes alles möglich sei.

Am Ende blieb von diesem ganzen Versprechen nur ein Stück Papier in einer nassen Manteltasche und die Erinnerung an das prächtigste Mahl, das jemals auf den Grund des Meeres sank.