Es ist Mai 2012, ein früher Morgen in Berlin-Friedrichshain. In der „Großen Freiheit 114“, einem Darkroom-Club für die LGBTQ+-Community, ist die Nacht gerade zu Ende gegangen. Die letzten Tracks laufen aus, die Lichter gehen an, die Gäste taumeln zum Ausgang. Für das Personal beginnt der letzte Rundgang: Kassen zählen, Gläser einsammeln, den klebrigen Boden wischen.

Raum für Raum wird kontrolliert. Dann bleibt ein Mitarbeiter stehen. Vor ihm liegt ein Mann auf dem Boden. Nackt, regungslos.
Zuerst wirkt das nicht ungewöhnlich – in so einem Club schläft schon mal jemand im Rausch ein. Der Mitarbeiter rüttelt ihn leicht, versucht, ihn zu wecken. Keine Reaktion. Er stellt ein Glas Wasser daneben, sagt, er komme in zehn Minuten wieder.
Als er zurückkehrt, wird ihm klar: Der Mann atmet nicht mehr. Er ist tot. Wie konnte das mitten unter all den Menschen passieren? Niemand hat etwas gesehen, niemand etwas gehört.
Die Ermittler stehen vor einem Rätsel: keine Papiere, kein Handy, keine persönlichen Gegenstände – nur ein nackter, toter Mann auf dem Boden eines Berliner Clubs. Die Obduktion bringt keine Klarheit, keine äußeren Verletzungen, keine Würgemale. Erst nach und nach kommt Bewegung in den Fall: Ein Mitarbeiter erkennt das Opfer. Es ist der 32-jährige Nicki, der im Metro-Markt gearbeitet hat.
Seine Schwester Anka erinnert sich noch genau an den Tag, als die Polizei anrief: „Als sie das sagte, fiel mir das Telefon aus der Hand. “ Ihr Bruder sei ein Sonnenschein gewesen, ein Mensch, den man einfach lieb haben musste. „Ich hatte noch so viel vor mit ihm. “ Die Eltern waren völlig außerstande, irgendetwas zu tun – sie haben nur geatmet, nichts gegessen, nichts gesprochen, sind nur noch durch die Wohnung geirrt.
Doch die Ermittler kommen nicht weiter. Keine Spuren, keine Zeugen, keine Hinweise auf Gewalt. Die Obduktion schließt ersticken aus, eine Vergiftung steht im Raum, aber es fehlen eindeutige Beweise. Dann fällt ein Detail auf: Nicki hatte nichts bei sich.
Kein Handy, kein Portemonnaie, nichts. Und dann der entscheidende Treffer: Seine Kreditkarte wurde nach seinem Tod benutzt. Am Berliner Ostbahnhof, um 5:46 und 5:47 Uhr, wurde versucht, eine Fahrkarte nach Saarbrücken zu kaufen. Der Täter wollte weg, aber die Karte funktionierte nicht.
Etwa eine Stunde später wird an demselben Automaten erneut versucht, ein Ticket zu kaufen – mit einer anderen Karte. Diese Karte gehört zu einem Mann namens Miro. An dem Morgen, als Nickis Leiche gefunden wird, wacht Miro in einem Krankenhaus auf. Er weiß nicht, wo er ist, hat keine Erinnerungen an die letzten Stunden.
Nur Stück für Stück kommt es zurück: Er war auf dem Heimweg, stand am Bahnsteig der Warschauer Brücke, als ihn ein Mann ansprach. Sie kamen ins Gespräch, stiegen zusammen in die Bahn. Miro trank einen Schluck von seinem Pfefferminzlikör, verzog das Gesicht. Der Fremde bot ihm an zu tauschen: „Wenn dir dein Pfefferminzlikör nicht schmeckt, dann könntest du den Schnaps haben, den ich dabei habe.
“ Miro trank daraus. Und dann veränderte sich alles. „In dem Moment war es so, als würde dir dein Kopf platzen“, erinnert er sich. Der Fremde begleitete ihn noch bis zur Bushaltestelle – und dann brach die Erinnerung ab.
Schwarz, dunkel, bis er im Krankenhaus aufwachte. Als Miro am Montagmorgen zur Wache geht, um den Diebstahl seines Bargelds und seiner Kreditkarte zu melden, bekommt er kurz darauf einen Anruf von der Kriminalpolizei. Die Ermittler interessieren sich plötzlich brennend für seine Kleidung – und dafür, ob er in der „Großen Freiheit 114“ verkehrt. Miro versteht die Welt nicht mehr, bis er die Nachrichten sieht: Ein Mann ist tot.
Und dann kommt der Befund: Im Blut von Miro wurde GHB nachgewiesen, Liquid Ecstasy – eine Substanz, die das zentrale Nervensystem dämpft und in Kombination mit Alkohol lebensgefährlich wirken kann. Die Ermittler lassen Nicki erneut untersuchen. Das Ergebnis: Auch Nicki wurde mit GHB vergiftet – in tödlicher Menge. Miro wird zum Schlüsselzeugen.
Trotz der hohen Dosis hat er erstaunlich klare Erinnerungen: an das Gleis, an die Uhrzeit. Damit sichern die Ermittler die Überwachungsaufnahmen vom Bahnhof. Zum ersten Mal gibt es ein Bild vom Täter – unscharf, körnig, aber es zeigt einen Mann zwischen 25 und 40, kräftige Statur, dunkle Jacke. Doch das Gesicht bleibt schwer erkennbar.
Währenddessen beginnt die Öffentlichkeit zu diskutieren – über den Darkroom-Club, über die Szene, über vermeintliche Selbstverschuldung. Nickis Schwester Anka wehrt sich: „Das kann dir in jeder Dorfkneipe passieren. Dieses Klischee, ‚selber schuld‘ – ich möchte, dass das endlich aufhört. “ Die Ermittler verfolgen unterdessen eine neue Spur: Nickis Handy wurde nach seinem Tod mit einer anderen SIM-Karte benutzt.
Mit einem Lichtbild gehen sie zurück in die „Große Freiheit“. Ein Mitarbeiter erkennt den Mann – er sei öfter dort gewesen. Der Mann wird festgenommen. Er wirkt ruhig, fast zu ruhig.
Er erzählt eine glatte Geschichte: Er sei mit Freunden unterwegs gewesen, habe den Club allein besucht, mehrere sexuelle Kontakte gehabt, draußen ein Handy gefunden. Doch die Ermittler werden misstrauisch. Als ihm klar wird, dass es um einen Tötungsdelikt geht, beginnt er seine Geschichte zu verändern. Erst habe er Nicki nur nackt im Club liegen sehen, seine Geschlechtsteile berührt, und als der nicht reagierte, gedacht, er schlafe.
Das Handy habe er mitgenommen. Aber Miro schaut sich den Mann an – und sagt: „Den habe ich wirklich noch nie gesehen. “ Wieder eine Sackgasse. Die Ermittler wenden sich an die Öffentlichkeit.
Die Überwachungsbilder werden veröffentlicht. Und dann kommt der entscheidende Hinweis – von einer Großmutter. Sie liest von einem Mann, der aus Saarbrücken kommt, und erinnert sich: Auch ihr Enkel Alexander hatte einen Freund, der dort lebt. Alexander war neun Tage vor Nicki gestorben.
Er wurde in seiner Wohnung gefunden, im Bett, auf dem Bauch, zugedeckt, als würde er schlafen. Die Ermittler fanden damals keine Spuren, keine Erklärung. Die Wohnungstür war nicht abgeschlossen, sein Rucksack, sein Handy und sein Portemonnaie fehlten. Aber ohne Anhaltspunkte wurde der Fall zu den Akten gelegt.
Jetzt wird Alexanders Körper exhumiert. Das Ergebnis: Auch er hat eine tödliche Dosis GHB im Blut. Und dann schlägt der Täter wieder zu: nur elf Tage nach Nickis Tod wird Peter gefunden – auch er tot in seiner Wohnung, im Bett, auf dem Bauch, zugedeckt. Auch er hatte GHB im Blut.
Jetzt ist klar: Die Ermittler haben es mit einem Serientäter zu tun. Beim Auswerten von Alexanders Handydaten fällt eine Nummer auf, die immer wieder auftaucht: Dirk. Ein Mann, der als Referendar an einer Grundschule in Brandenburg arbeitet, seit fast zehn Jahren mit seinem Lebenspartner zusammenlebt. „Ich bin nicht vorbestraft, ich habe keine Punkte in Flensburg“, sagt er später über sich.
Er wirkt sympathisch, offen, vertrauenswürdig – jemand, dem man sofort vertraut. Seine ehemalige Arbeitskollegin beschreibt ihn als angestrengt angepasst: „Er wollte dazu gehören. “ Seine Tante zeichnet ein anderes Bild: Aufgewachsen bei den Großeltern, streng religiös, konservativ. Als seine Großmutter herausfindet, dass er schwul ist, ekelt sie sich vor ihm.
„Sie hat sich vor Dirk geekelt“, sagt seine Tante. Dann zog Dirk nach Berlin – aber der innere Konflikt zog mit. Dirk ist der letzte Mensch, der nachweislich Kontakt zu Alexander hatte. Er wird zu einer Zeugenvernehmung eingeladen.
Als er die Wache betritt, erkennt der Ermittler ihn sofort: Das ist der Mann von den Überwachungsaufnahmen. Die Vernehmung beginnt. Auf die Frage, was er mit den K. O.
-Tropfen erreichen wollte, antwortet Dirk ohne Zögern: „Sexuelle Stimulation. “ Er habe eine Situation herbeiführen wollen, in der andere kurzzeitig orientierungslos werden. Und er habe mit der gestohlenen Kreditkarte eine Fahrt nach Saarbrücken kaufen wollen – aber es habe nicht geklappt. Dirk wird siebenmal vernommen, jedes Mal erzählt er eine andere Version.
Er widerspricht sich, nimmt Aussagen zurück, korrigiert sich. In seiner Wohnung finden die Ermittler eine Flasche „Feigling“ unter der Spüle – fast so, als hätte er gewollt, dass sie gefunden wird. Der Chefermittler sagt später: „Er wollte die Kontrolle behalten – auch über die Ermittlungen. “ Dirk wird wegen dreifachen Mordes angeklagt und legt ein Geständnis ab.
Er habe die Opfer über Chats kennengelernt, ihnen K. O. -Tropfen verabreicht, während sie das Bewusstsein verloren, ihre Wohnungen durchsucht, Wertgegenstände mitgenommen. Bei der Urteilsverkündung sitzt Dirk ruhig auf der Anklagebank.
Alexanders Freundin erinnert sich: „Irgendwann haben sich unsere Blicke getroffen. Mein einziger Gedanke war: Du schaust nicht weg. Und dann drehte er sich weg. “ Dirk wird zu lebenslanger Haft verurteilt.
Doch eine Frage bleibt offen: Hat Dirk auch seine eigene Großmutter getötet? Ihre Leiche wurde exhumiert – und auch in ihrem Körper wurden Medikamente gefunden, zu denen Dirk damals, als er als Krankenpfleger arbeitete, Zugang hatte. Ein endgültiger Beweis fehlt. Dirk selbst sagt, er habe gemerkt, dass etwas mit ihm nicht stimmt, aber er habe nicht gewusst, mit wem er reden soll.
„Der Drang war größer als die Angst. “
Nur neun Monate nach seiner Verhaftung nimmt sich Dirk im Haftkrankenhaus das Leben. Alexanders Freundin sagt: „Als ich gehört habe, dass er sich umgebracht hat, habe ich zuerst gedacht: Jetzt kann er wenigstens niemandem mehr Schaden zufügen. Der nächste Impuls war: Wir werden niemals Antworten auf unsere Fragen bekommen.
Niemals. “


