Der Eintrag in dem Onlineforum lässt mich innehalten. „Welcher durchgeknallte Hurensohn will diese behinderte Frau bumsen? Wie neugierige Kinder lassen sich behinderte Frauen auf Sexspiele ein, die nur wenige Frauen mitmachen. “ Ich bin Dr.

Gilda Giebel, Psychologin. Sechs Jahre lang habe ich in einer Sicherungsverwahrung mit gefährlichen Sexualstraftätern gearbeitet. Darunter waren auch Männer, die Menschen mit Behinderung missbraucht haben. Und dieser Eintrag ist kein Einzelfall.
Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung werden weitaus häufiger Opfer sexueller Gewalt als Menschen ohne Behinderung. Das ist gesellschaftlich ein Tabu. Man verbindet eine geistige Beeinträchtigung nicht mit Sexualität, weder mit Gewalt noch mit Partnerschaft. Aber auch Menschen mit Lernschwierigkeiten sollen selbstbestimmt entscheiden, wen sie lieben.
Wie läuft das Dating ab, wenn man eine Behinderung hat? Ich treffe Carina. Sie hat das Down-Syndrom. „Wie müsste dein Traumpartner sein?
“, frage ich. „Ja, vielleicht, dass er fair ist. Oder treu oder offen“, antwortet sie. „Ein No-Go wäre, wenn es in einer Beziehung ausschließlich um Sex geht.
“ Carina hat klare Vorstellungen. „Ich habe zwar eine Behinderung, aber ich lebe ja einfach damit. Ich leide nicht, ich leide nur unter den Mitmenschen. “
Menschen mit Behinderung sind Tätern gegenüber besonders schutzlos.
Um herauszufinden, wer das ausnutzt, erstelle ich ein Fake-Profil. Ich gebe mich als Frau mit Lernschwierigkeiten aus. Wochenlang tauche ich in eine düstere Welt ein. Schnell kontaktieren mich Männer.
Ohne Behinderung. „Ich möchte sehr gerne deine Muschi küssen“, schreibt einer. „Außerdem glaube ich, dass du toll blasen kannst. “ Die Nachrichten werden immer ekliger.
Wer sind diese Männer, die gezielt Frauen mit Lernschwierigkeiten für Sex suchen? „Menschen, die sich gezielt Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen suchen, fühlen sich nicht unbedingt sexuell zu ihnen hingezogen“, erklärt mir eine Expertin. „Es geht um Kontrolle und Macht. Sie nehmen die Person als vulnerabel wahr.
Es ist keine Beziehung auf Augenhöhe, es liegt immer ein Machtgefälle vor. “
Bei meiner Online-Recherche stoße ich auf eine verstörende Anzeige. Ein Mann bietet offenbar seine Schwester, die das Down-Syndrom hat, zum Sex an. Auf anderen Seiten fragt jemand, wo man Frauen mit Behinderung kennenlernen kann und wann sie nicht von ihren Betreuern beaufsichtigt werden.
Die Anonymität des Internets senkt die Hemmschwelle. Man kann es vom Wohnzimmer aus machen, Sätze vorbereiten und massenhaft Personen anschreiben. Wenn einige nicht anspringen, reicht es, wenn ein paar reagieren. Das ist perfide.
Viele Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen fühlen sich in sozialen Situationen überfordert. Das Internet ist für sie eine angenehme Möglichkeit, andere kennenzulernen. Deshalb ist es verständlich, dass sie auf solche Plattformen gehen – und genau dort lauert die Gefahr. Mein Profil als „Lucy“ wirkt klischeehaft.
Es zeigt, dass ich auf dem Stand einer 10-Jährigen bin, in einer Werkstatt arbeite, einen Betreuer habe und in einer Wohngruppe wohne. Ich will wissen, ob diese eindimensionale Beschreibung reicht, um Männer anzulocken. In den nächsten Wochen werde ich von vielen Männern angeschrieben. Auch von Männern ohne Behinderung.
Eine Expertin, die die Reportage später sieht, sagt: „Die Männer sprechen relativ schnell über sexuelle Inhalte. Sie thematisieren sofort, was sie wirklich interessiert. Sie wollen eine sexuelle Beziehung. Sie sind gar nicht an ihr als Person interessiert.
“
Kurz nach der Anmeldung schreibt mir ein Mann, den wir Friedrich nennen. „Ich suche eine Frau, gerne gegebenenfalls mit einem Handicap, wie du es hast. Das Handicap gerne sehr stark, heftig, umfangreich, ausgeprägt, gerne schwer behindert. Für zärtlichen, gefühlvollen Sex beziehungsweise Geschlechtsverkehr.
“ Ich antworte ihm ehrlich über meine Einschränkungen. Seine Antwort kommt sofort: „Du möchtest also gerne Sex mit mir haben? Das würde mich sehr reizen. “ Dann fragt er, ob es ohne Betreuer ginge und ob wir uns ungestört körperlich intim treffen könnten.
Seine Nachrichten werden immer perverser. Er fragt mich nach meiner Menstruation, ob ich stark oder schwach blute, und spricht über gynäkologische Erkrankungen. Eine Expertin vermutet einen Fetisch. Laut Studien erleben Menschen mit Behinderung überdurchschnittlich häufig sexuelle Übergriffe.
Die Dunkelziffer ist hoch. In meiner Recherche spreche ich mit etwa zehn Menschen, die Missbrauchserfahrungen teilen. Vor der Kamera will keiner reden. Über Facebook lerne ich schließlich Hanna kennen.
Sie ist bereit, anonym zu erzählen. Ihr Sohn hat das Down-Syndrom und ist acht Jahre alt. „Mein Sohn kann sich richtig gut ausdrücken für ein Kind mit Down-Syndrom“, sagt Hanna. Vor zwei Jahren wird er eingeschult.
Eines Abends passiert etwas Schreckliches. „Er hat mir in den Schritt gegriffen und angefangen zu massieren. Dann sagte er: ‚Das ist schön. ‘ Ich sagte: ‚Nein, das ist nicht schön.
Hör auf damit! ‘ Er antwortete: ‚Doch, das ist schön. Das macht der Lehrer auch. ‘“ Ihr Sohn erzählt ihr, dass er das auch bei seinem Lehrer machen dürfe.
„Ganz zum Schluss kommt dann das Feuerwerk. “
Normalerweise würde man denken: Wenn jemand Vertrauen aufbaut, missbraucht er das nicht. Aber Täter mit bestimmten Präferenzen nutzen genau dieses Vertrauen als Werkzeug. Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen fühlen sich wohl mit ihren Betreuungspersonen.
Das ist ihr soziales Nahfeld. Täter verschieben die Grenzen sukzessive, nähern sich langsam an, fordern immer mehr und stellen es als normal dar. Sie schüchtern ein: „Das bleibt aber unser Geheimnis. Das erzählst du nicht weiter.
“ Das ist perfide, weil das Kind oder der Mensch dieser Person vertraut. Hanna versucht, den Abend normal zu beenden. „Ich habe ihn wieder in den Arm genommen. Wir haben die Geschichte zu Ende gelesen.
Er ist in meinem Arm eingeschlafen. Dann bin ich kotzen gegangen. “ Hanna zeigt keine emotionale Reaktion vor ihrem Sohn, um ihn nicht zu verunsichern. Aber sie wird sofort aktiv.
Sie geht zur Polizei und erstattet Anzeige. Nach der Anzeige nimmt der Rektor Kontakt auf. Er bietet an, den Sohn in die Parallelklasse zu verlegen. Von einer Suspendierung des Lehrers ist nie die Rede.
„Der Rektor hat mir klar gesagt, dass er die Unschuldsvermutung an erste Stelle sieht“, sagt Hanna. Die Schule spielt die Sache herunter. Und nicht nur die Schule enttäuscht sie. Auch ihre Anwältin macht ihr wenig Hoffnung.
„Aufgrund des Alters meines Kindes und der geistigen Behinderung ist es fragwürdig, ob er aussagefähig ist“, sagt die Anwältin. „Wird ihm die Aussagefähigkeit abgesprochen, kann seine Aussage nicht verwendet werden. “
Hanna ist verzweifelt. „Ich bin glücklich, dass ich ein Kind habe, das sprechen kann.
Aber was nützt es, wenn ihm keiner zuhört? Sein Wort ist wertlos. “ Eine Expertin erklärt, dass es absolut unfair ist, jemandem pauschal die Aussagefähigkeit abzusprechen. „Eine Person ist aussagefähig, wenn sie Erlebtes wahrnehmen, abspeichern und äußern kann.
Das kann eine Person mit Behinderung genauso gut. Man muss sich Zeit nehmen und sich auf das sprachliche Niveau einstellen. “
Während meiner Fake-Recherche kommt noch ein weiterer Mann hinzu. Er gibt sich als Arzt aus und schickt Bilder von der Arbeit.
Wir nennen ihn Sascha. Nachdem ich ihm sage, dass ich einen niedrigen IQ habe, schreibt er: „Ich finde es gar nicht schlimm, aber ich bin natürlich vom IQ her sehr hoch. Du musst mir bitte immer sagen, wenn ich irgendwas zu schnell sage. “ Er schickt sogar eine Sprachnachricht, in der er mir erklärt, was Chirurgen sind.
Dieser erwachsene Mann denkt, er müsse einer Frau, die er für geistig eingeschränkt hält, erklären, was ein Chirurg ist. Er ist freundlich, aber er sucht bewusst den Kontakt zu einer Frau, von der er glaubt, dass sie nicht weiß, was eine Narkose ist. Online kann man sich als alles Mögliche ausgeben. Man kann sich als Pilot oder als Arzt darstellen.
In der Realität sieht das oft anders aus. Der Mann will sich interessanter machen und das Machtgefälle vergrößern. Er zeigt: Ich habe eine wichtige Position, ich weiß, wie Dinge funktionieren, ich kann dir helfen. Das erzeugt Interesse bei der anderen Person – und genau das ist die Gefahr.
Ab 14 dürfen Menschen sexuell selbstbestimmt leben. Trotzdem lösen die Chats bei mir Unbehagen aus. Ich weiß: Die Männer wollen nur Sex. Aber was wäre, wenn ich als Lucy das nicht verstehe?
Könnte ich bei einem Treffen meine Grenzen setzen und „Nein“ sagen? Um das besser zu lernen, gibt es in Hannover eine Ausstellung. Sie richtet sich extra an Menschen mit Lernschwierigkeiten. Ich gehe mit Hinnerk und Melanie hin.
Hinnerk ist 36 und hat eine neurologische Erkrankung, Melanie ist 38 und hat Lernschwierigkeiten. Die Ausstellung heißt „Echt mein Recht“. Es geht um Gewalt und sexualisierte Gewalt. Verschiedene Szenarien sollen eingeschätzt werden.
„Ein Kollege macht Sexwitze über mich. Er starrt auf meine Brüste. Ich schäme mich. Darf der Kollege das?
“ – „Nein. “ „Meine Freundin und ich arbeiten in einer Gruppe. Dürfen wir uns auf der Arbeit küssen? “ – „Ja.
“ „Dürfen wir im Pausenraum Sex haben? “ – „Nein, gar nicht. “ Die Ausstellung hilft, ins Gespräch zu kommen und über diese Themen nachzudenken. Hinnerk und Melanie kennen sich schon gut aus und können sich gut abgrenzen.
Die Expertin findet das beeindruckend. „Betreuer und Angehörige haben da ein gutes Gefühl, welche Gefahren lauern. Solche Ausstellungen sollte man fortführen, vielleicht auch mit Rollenspielen, dass man sich ausprobieren kann. Es muss nicht immer ernst sein, es kann auch Spaß machen.
“
Der Tag zeigt mir: Alle Menschen haben verschiedene Bedürfnisse und Wünsche. Gerade in der Liebe will man selbst entscheiden. Gleichzeitig kann man beim Dating in gefährliche Situationen geraten. Wichtig ist, dass man Menschen mit Behinderung nicht einschränkt oder überbehütet.
Das ist kein Schutz. Besser ist, aufzuklären und die Betreuer zu sensibilisieren. Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen wird oft nicht geglaubt. Sie brauchen einen Raum, wo sie sich sicher fühlen und darüber sprechen können, ohne Angst.
Und auch Justiz und Polizei müssen geschult werden, wie sie mit diesen Menschen umgehen – mit welchen Fragestrategien und welchem zwischenmenschlichen Umgang.


