Ich habe jahrelang Tequila getrunken und dabei auf jede Flasche geschaut, auf der stolz stand, dass ein deutscher Botaniker namens Franz Weber 1896 die blaue Agave entdeckt habe. Ich fand das eine…

Ich habe jahrelang Tequila getrunken und dabei auf jede Flasche geschaut, auf der stolz stand, dass ein deutscher Botaniker namens Franz Weber 1896 die blaue Agave entdeckt habe. Ich fand das eine...

Auf unzähligen Flaschen, in Reiseführern und auf den Webseiten kleiner wie großer Tequila-Marken steht derselbe Satz, oft mit stillem Stolz formuliert, manchmal mit einem Augenzwinkern Richtung deutscher Kunden. Ein deutscher Botaniker namens Franz Weber sei 1896 nach Mexiko gereist, habe dort die einheimische Flora erforscht und schließlich jene blaue Agave klassifiziert, ohne die es keinen einzigen Tropfen echten Tequilas gäbe. Bis heute trägt die Pflanze offiziell seinen Namen: Agave tequilana Weber. Und dieser Name prangt auf fast jeder Flasche, in jedem offiziellen Gesetzestext, der sich mit der Herstellung des Destillats befasst.

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Das Problem ist nur: Fast jedes Detail dieser Geschichte ist falsch. Der Mann, dem die Tequila-Pflanze ihren wissenschaftlichen Namen verdankt, war nicht Deutscher. Er hieß nicht Franz. Er war von Beruf kein Botaniker, sondern Militärarzt.

Und der wahre Grund, warum er überhaupt nach Mexiko kam, hatte mit Pflanzenkunde zunächst nichts zu tun, sondern mit einer Invasionsarmee, einem gescheiterten Kaiserreich und einem Erschießungskommando. Um zu verstehen, wie aus einem französischen Militärarzt mit elsässischen Wurzeln über mehr als ein Jahrhundert hinweg ein deutscher Naturforscher namens Franz wurde, muss man weit vor die eigentliche Erfindung des Tequilas zurückgehen. Die Agave besaß für die indigenen Völker Zentralmexikos lange vor der Ankunft der Europäer eine fast heilige Bedeutung. Aus ihren Fasern webte man Stoff, aus ihren Blättern deckte man Dächer, aus ihren Dornen fertigte man Nadeln, und aus ihrem Herzen gewann man nach der Vergärung das Pulque, ein rituelles Getränk.

Nach den Regeln der aztekischen Priesterschaft war es fast ausschließlich älteren Menschen, Priestern, schwangeren Frauen und den für rituelle Opfer bestimmten Personen vorbehalten. Wer sich unerlaubt daran berauschte, riskierte im schlimmsten Fall die Todesstrafe durch Erwürgen, denn man glaubte, der Rausch öffne eine direkte Verbindung zu den Göttern – eine Macht, die man dem einfachen Volk nicht zugestehen wollte. Steinerne Reliefs aus jener Epoche zeigen maskierte Gestalten, aus deren Mund milchige Tropfen fallen – ein bildlicher Hinweis auf das rituelle Trinken von Pulque zu Ehren der Göttin Mayahuel, der Schutzherrin der Fruchtbarkeit und der Agave. Archäologische Funde aus der Stadt Teotihuacán belegen den Konsum dieses Getränks bereits zwischen 250 und 550 nach Christus, Jahrhunderte bevor überhaupt ein Europäer den amerikanischen Kontinent betrat.

Als im 16. Jahrhundert spanische Kolonisten das Land eroberten, brachten sie die Technik der Destillation mit, verbanden sie mit dem einheimischen Rohstoff, und aus dieser Verschmelzung zweier Welten entstand jener Branntwein, der später nach dem kleinen Ort Tequila im heutigen Bundesstaat Jalisco benannt wurde. Die erste offizielle Lizenz zur gewerblichen Herstellung erteilte die spanische Krone 1795 der Familie Cuervo, die bis heute zu den größten Herstellern der Welt zählt und damals die noch heute betriebene Destillerie La Rojeña errichtete – die älteste ununterbrochen arbeitende Destillerie des gesamten amerikanischen Kontinents. Wenige Jahrzehnte später, 1873, kaufte der Unternehmer Cenobio Sauza eine eigene Destillerie namens La Perseverancia und bestand als einer der ersten darauf, sein ausschließlich aus blauer Agave hergestelltes Produkt nicht mehr mit dem allgemeinen kolonialen Sammelbegriff „Mezcal“ zu bezeichnen, sondern schlicht Tequila zu nennen, nach dem Namen der Stadt, aus der es stammte.

Ein bewusster Bruch mit der jahrhundertealten kolonialen Sprachtradition, der ihm zunächst von manchen Zeitgenossen als unnötige Neuerung vorgeworfen wurde, sich aber langfristig als weitsichtige Entscheidung erweisen sollte. 1893 präsentierte er sein Produkt auf der Weltausstellung in Chicago, wo er eine Auszeichnung erhielt, die entscheidend dazu beitrug, das Wort Tequila als offiziellen Namen der gesamten Kategorie durchzusetzen. Genau diese Unterscheidung, die sich Ende des 19. Jahrhunderts allmählich durchsetzte, sollte ein Jahrhundert später zur gesetzlichen Grundlage der gesamten Kategorie werden.

In den 1920er Jahren, während in den USA die Prohibition herrschte, entdeckten zahlreiche amerikanische Reisende, die zum legalen Alkoholkonsum über die Grenze nach Mexiko fuhren, den Tequila für sich. Ein Phänomen, das dem Getränk zu seinem ersten großen internationalen Bekanntheitsschub verhalf, lange bevor irgendjemand außerhalb enger Fachkreise überhaupt vom Namen Weber gehört hatte. In den folgenden Jahrzehnten, verstärkt durch die Erfindung des Margarita-Cocktails, wuchs die weltweite Nachfrage stetig, sodass die botanische Klassifikation, die Weber Jahrzehnte zuvor still und leise in einer Fachzeitschrift veröffentlicht hatte, plötzlich wirtschaftliche Bedeutung erlangte. Bevor wir jedoch zu diesem gesetzlichen Rahmen kommen, müssen wir uns dem Mann widmen, dessen Name bis heute auf jeder wissenschaftlichen Beschreibung der Pflanze steht.

Sein tatsächlicher Name lautete Frédéric Albert Constantin Weber. Er wurde 1830 im Dorf Wolxheim geboren, einem kleinen Ort im Elsass, jener Grenzregion zwischen Frankreich und dem deutschsprachigen Raum, deren Bevölkerung über Jahrhunderte zwischen beiden Kulturen und Sprachen lebte und deren Dialekt bis heute deutliche Spuren des Alemannischen trägt. 1850 erwarb er an der Universität Straßburg, einem der bedeutendsten medizinischen Ausbildungszentren Frankreichs jener Zeit, seinen medizinischen Doktortitel mit einer Arbeit über Hirnhautblutungen. In den folgenden Jahren machte er Karriere als Militärarzt in der französischen Armee – nicht als ziviler Naturforscher, wie es die spätere Legende gerne darstellt.

Zwischen 1864 und 1867 diente Weber als Militärarzt während der französischen Intervention in Mexiko, jenem militärischen Abenteuer, mit dem Kaiser Napoleon III. versuchte, dem österreichischen Erzherzog Maximilian von Habsburg den mexikanischen Kaiserthron zu verschaffen. Offiziell, um ausstehende Schulden Mexikos gegenüber europäischen Gläubigern einzutreiben; tatsächlich getrieben von imperialen Ambitionen, Frankreichs Einfluss auf dem amerikanischen Kontinent auszuweiten, während die Vereinigten Staaten durch ihren eigenen Bürgerkrieg gebunden waren. Zigtausende französische Soldaten, insgesamt an die 38.

000 Mann, kämpften über Jahre gegen die republikanischen Truppen des mexikanischen Präsidenten Benito Juárez und besetzten weite Teile des Landes, darunter auch Regionen im Westen, in denen die Agavenlandschaft rund um die Stadt Tequila lag. Es war unter den gebildeten Offizieren und Militärärzten jener Epoche durchaus üblich, während solcher Feldzüge nebenbei die einheimische Flora und Fauna zu dokumentieren. Eine Praxis, die sich seit den großen Entdeckungsreisen des 18. Jahrhunderts als fester Bestandteil europäischer Kolonial- und Militärexpeditionen etabliert hatte.

Ärzte mit naturwissenschaftlicher Neugier sammelten, pressten und beschrifteten Pflanzenproben, während ihre eigentliche Aufgabe darin bestand, verwundete Soldaten zu versorgen. Genau in dieser Rolle – als Arzt einer fremden Besatzungsarmee mit einem Notizbuch für Pflanzenbeobachtungen in der Nebentasche – begegnete Weber zum ersten Mal jener blaugrünen Agave, die Jahrzehnte später seinen Namen tragen sollte. Das französische Abenteuer in Mexiko endete jedoch in einer Katastrophe. Nachdem der amerikanische Bürgerkrieg 1865 zu Ende gegangen war, begannen die USA offen die mexikanischen Republikaner zu unterstützen.

Napoleon III. , unter wachsendem innenpolitischem Druck und mit Sorge über die aufstrebende Macht Preußens im eigenen Hinterhof Europas, zog seine Truppen 1866 schrittweise ab. Kaiser Maximilian, ohne den Rückhalt der französischen Armee praktisch schutzlos und trotz dringender Warnungen aus Europa entschlossen, im Land zu bleiben, wurde von den siegreichen Republikanern in der Stadt Querétaro gefangen genommen und am 19. Juni 1867 gemeinsam mit zwei seiner Generäle standrechtlich erschossen.

Ein Ende, das ganz Europa entsetzte und später sogar den Maler Édouard Manet zu einer berühmten Gemäldeserie inspirierte. Weber selbst verließ das Land noch vor diesem dramatischen Ende, gemeinsam mit dem größten Teil der abziehenden Truppen, und kehrte nach Frankreich zurück, wo ihn anders als den unglücklichen Kaiser keine Kugeln, sondern ein jahrzehntelanges ziviles Gelehrtenleben erwartete. Doch die Pflanzen, die er während seiner Jahre in Mexiko gesammelt und dokumentiert hatte, ließ er nicht zurück. In den folgenden Jahrzehnten widmete er sich als anerkannter Experte für Kakteen und sukkulente Pflanzen weiterhin der botanischen Klassifikation, veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Beschreibungen und baute sich in Fachkreisen einen soliden Ruf auf, der weit über seine ursprüngliche militärische Laufbahn hinausreichte.

Erst 1902, also 35 Jahre nach seinem Abzug aus Mexiko und nur ein Jahr vor seinem eigenen Tod, veröffentlichte der inzwischen betagte Weber in der französischen Fachzeitschrift Bulletin du Muséum d’Histoire Naturelle die offizielle wissenschaftliche Beschreibung jener blauen Agave, die er einst während des Feldzugs beobachtet hatte, und gab ihr damit den botanischen Namen, unter dem sie bis heute in der Fachliteratur geführt wird. Eine fast melancholische Pointe: Ausgerechnet dieser kurz vor seinem Tod stehende Greis gab einer Pflanze seinen Namen, die ein Jahrhundert später zum Symbol eines ganzen Landes und einer weltweiten Milliardenindustrie werden sollte, während er selbst schon bald darauf, 1903, in Paris verstarb und weitgehend in Vergessenheit geriet. Zur gleichen Zeit, während Weber in Paris seine wissenschaftliche Beschreibung fertigstellte, erlebte die Tequila-Industrie in Mexiko selbst einen enormen Aufschwung. Cenobio Sauza und seine Nachfolger hatten die blaue Agave längst als die mit Abstand beste Sorte für die Destillation identifiziert, wegen ihres hohen Zuckergehalts und ihrer vergleichsweise kurzen Reifezeit von sieben bis neun Jahren, verglichen mit anderen Agavensorten, die teils weit über ein Jahrzehnt zum Reifen brauchten.

Als Webers Klassifikation veröffentlicht wurde, übernahmen die mexikanischen Behörden und später auch die Produzenten den botanischen Namen in ihre offizielle Terminologie, ohne dass sich damals jemand sonderlich für die Biografie des französischen Arztes interessierte. Für die mexikanischen Bauern und Destillateure, die tagtäglich mit der Pflanze arbeiteten, war der Name Weber ohnehin nur ein abstrakter, ferner wissenschaftlicher Begriff aus einem europäischen Fachjournal, weit entfernt von ihrem eigenen Alltag auf den Feldern unterhalb des Vulkans von Tequila. 1974 schützte die mexikanische Regierung schließlich per Gesetz den Namen Tequila selbst durch eine eigene Herkunftsbezeichnung, die festlegt, dass ausschließlich ein Destillat aus der Agave tequilana Weber, angebaut in einem genau abgegrenzten Gebiet innerhalb von fünf mexikanischen Bundesstaaten, diesen Namen tragen darf. Um zu verstehen, wie eng diese gesetzliche Definition mit der landwirtschaftlichen Praxis verwoben ist, lohnt sich ein Blick auf die Arbeit derer, die die Pflanze tatsächlich ernten.

Ein erfahrener Erntearbeiter, genannt Jimador, zieht mit einem einzigen Werkzeug – einer runden Klinge an einem langen Stiel, genannt Coa – durch die Felder. Er erkennt am bloßen Aussehen der Blätter, welche Pflanze nach sieben bis acht Jahren des Wachstums reif ist, und schneidet von Hand die dornigen Blätter ab, bis nur noch das Herzstück übrig bleibt, die sogenannte Piña, ein faseriger Kern von oft über 30 Kilogramm Gewicht, der anschließend über Stunden in Öfen gegart wird, um die für die Gärung notwendigen Zucker freizusetzen. Dieser jahrhundertealte, körperlich anstrengende Beruf hat mit europäischer Botanik oder gelehrten Fachaufsätzen aus Pariser Museumszeitschriften nichts gemein. Und doch trägt jede einzelne Pflanze, die ein Jimador erntet, offiziell den Namen eines Mannes, der nie selbst eine solche Ernte miterlebt hat, sondern die Pflanze nur aus der Ferne während einer militärischen Besatzung kennenlernte.

Diese Deklaration, veröffentlicht am 9. Dezember jenes Jahres, war die allererste Herkunftsbezeichnung, die Mexiko überhaupt jemals ausgesprochen hatte. Ein Präzedenzfall, der später auch anderen mexikanischen Produkten den Weg zu ähnlichem rechtlichen Schutz ebnete. Vier Jahre später, 1978, wurde dieser Schutz auch international registriert, wodurch der Name Tequila fortan in Dutzenden Ländern rechtlich geschützt war und ausländische Hersteller sich nicht mehr einfach mit ähnlich klingenden Produktnamen anhängen konnten.

Bis heute steht der Name Weber damit fest verankert in der mexikanischen Gesetzgebung, in jeder offiziellen Norm, die festlegt, was echten Tequila überhaupt ausmacht. Ein bürokratisches Denkmal für einen französischen Militärarzt, dessen eigentliche Herkunft die meisten Menschen, die diesen Namen täglich lesen, falsch einschätzen. Selbst manche spezialisierten Tequila-Sommeliere, die sonst jede Nuance eines Destillats akribisch analysieren können, geben bei genauerem Nachfragen zu, die Weber-Geschichte nie selbst überprüft, sondern einfach aus Schulungsunterlagen oder Werbematerial der Hersteller übernommen zu haben. Wie also wurde aus Frédéric Albert Constantin Weber, dem Militärarzt aus dem Elsass, ganz allmählich Franz Weber, der deutsche Naturforscher?

Eine eindeutige Antwort lässt sich nicht mit letzter Sicherheit rekonstruieren. Doch die Spur führt eindeutig Richtung moderner Tourismus- und Markenwerbung, nicht Richtung seriöser Geschichtsschreibung. Zahlreiche Tequila-Marken, Reiseblogs und Vertriebsseiten wiederholen bis heute nahezu wortgleich dieselbe kurze Erzählung, formuliert offenbar von jemandem, der irgendwann vor Jahrzehnten einen kurzen, ungenauen Werbetext verfasste. Seither wurde dieser Text unzählige Male kopiert, übersetzt und leicht abgewandelt, ohne dass jemand die zugrunde liegenden Fakten überprüft hätte.

„Ein deutscher Naturforscher namens Franz Weber sei im Jahr 1896 nach Mexiko gekommen, um die dortige Flora zu erforschen. “ So lautet die immer wiederkehrende Formel. Schon dieses Datum ist vollkommen falsch, denn Webers tatsächlicher Aufenthalt in Mexiko fand drei Jahrzehnte früher statt, während der französischen Militärintervention der 1860er Jahre, nicht während einer zivilen Forschungsreise am Ende des Jahrhunderts. Der Vorname Franz taucht in keiner ernstzunehmenden botanischen oder historischen Quelle auf.

Er scheint irgendwann schlicht erfunden worden zu sein, vermutlich, weil er im deutschen Sprachraum vertrauter klingt als das französische Frédéric und besser zu der bereits angenommenen deutschen Nationalität zu passen schien. Und die Zuschreibung deutscher Nationalität lässt sich zumindest teilweise durch die besondere Geschichte seiner elsässischen Heimat erklären. Das Elsass, in dem Weber geboren wurde, gehörte zum Zeitpunkt seiner Geburt zu Frankreich. Wechselte jedoch bereits vier Jahre nach seinem Mexiko-Einsatz infolge der Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 für fast 50 Jahre zum neugegründeten deutschen Kaiserreich, bevor es nach dem Ersten Weltkrieg wieder französisch wurde, um im Zweiten Weltkrieg noch einmal kurzzeitig annektiert zu werden.

Diese wechselvolle Geschichte der Region, ihr bis heute erkennbarer alemannischer Dialekt und die vielen deutschklingenden Ortsnamen mögen dazu beigetragen haben, dass ein Nachname wie Weber, der im gesamten deutschsprachigen Raum extrem verbreitet ist, ganz automatisch als eindeutig deutsch wahrgenommen wurde – obwohl sein Träger zeitlebens französischer Staatsbürger und französischer Armeeoffizier war, geboren Jahre bevor seine Heimatregion überhaupt jemals unter deutsche Verwaltung fiel. Diese über ein Jahrhundert unhinterfragt weitergereichte falsche Herkunftsgeschichte ist überraschenderweise nicht einmal der einzige Streitpunkt rund um den Namen Weber. In den letzten Jahren hat sich parallel zur wachsenden Beliebtheit hochwertiger, im Ausland als Premium vermarkteter Tequilas auch eine kleine Bewegung mexikanischer Historiker und Kulturschaffender formiert, die verlangt, dass Reiseführer, Marketingtexte und offizielle Museumsdarstellungen rund um die Tequila-Route in Jalisco die tatsächliche Biografie Webers künftig korrekt wiedergeben, anstatt weiterhin die bequeme, aber falsche Version eines freundlichen deutschen Naturforschers zu erzählen. Diese Bemühungen stehen jedoch vor derselben Hürde wie jeder Versuch, eine seit Jahrzehnten etablierte, gut klingende Geschichte zu korrigieren: Sie konkurriert gegen tausende bereits gedruckte Broschüren, unzählige Webseiten in dutzenden Sprachen und die schlichte menschliche Vorliebe für eine runde, angenehme Anekdote gegenüber einer komplizierten Wahrheit voller Kriege, Kolonialismus und einer erschossenen kaiserlichen Marionette.

In den frühen 2000er Jahren begannen die amerikanischen Botaniker Gary Nabhan und Ana Valenzuela öffentlich zu argumentieren, dass der Name Weber in der wissenschaftlichen Bezeichnung der Pflanze eigentlich keine Berechtigung mehr habe, da er weder eine kulturelle noch eine geografische Verbindung zu Mexiko oder zur Agave selbst besitze, anders als etwa der Artname tequilana, der unmittelbar auf den Ursprungsort verweist, oder der Zusatz azul, der schlicht die charakteristische bläuliche Farbe der Blätter beschreibt. Aus ihrer Sicht sei es unangemessen, dass ausgerechnet der Name eines europäischen Militärarztes für alle Zeiten mit einer Pflanze verbunden bleibt, die für die mexikanische Kultur eine jahrtausendelate, tief verwurzelte Bedeutung besitzt. Ihr Vorschlag, die Pflanze offiziell umzubenennen und den Namen des französischen Militärarztes aus der botanischen Fachliteratur zu streichen, stieß auf gemischte Reaktionen und konnte sich bislang nicht durchsetzen. Nicht zuletzt, weil der Name Weber inzwischen tief in der mexikanischen Gesetzgebung und in der internationalen Herkunftsbezeichnung verankert ist, sodass eine offizielle Umbenennung nicht nur botanische, sondern auch weitreichende rechtliche Konsequenzen für die gesamte Industrie nach sich ziehen würde.

So bleibt die Situation bis heute paradox: Ein Gesetz, das mit äußerster Präzision festlegt, welches Gebiet, welche Pflanze und welche Herstellungsmethode als echter Tequila gelten dürfen, trägt ausgerechnet im entscheidenden botanischen Namen das Andenken an einen Mann, dessen eigene nationale Herkunft die Öffentlichkeit bis heute systematisch falsch wiedergibt. Dieses Paradox zeigt sich besonders deutlich im modernen Regulierungssystem der Tequila-Industrie, in dem Webers Name noch heute in jeder einzelnen Zeile mitschwingt. Jede legale Flasche Tequila trägt auf ihrem Etikett eine sogenannte NOM, die Abkürzung für Norma Oficial Mexicana, die offizielle mexikanische Norm, die eindeutig genau jene Destillerie identifiziert, in der das jeweilige Destillat hergestellt wurde, unabhängig davon, unter welchem Markennamen es verkauft wird. Diese Norm, die mit chirurgischer Präzision festlegt, welcher Mindestanteil an Agavezucker enthalten sein muss, welche Destillationsverfahren erlaubt sind und wie lange ein Destillat in Eichenfässern reifen muss, um sich Reposado, Añejo oder Extra Añejo nennen zu dürfen, beruft sich in ihren einleitenden Definitionen ausdrücklich auf die botanische Art Agave tequilana Weber – ganz so, als sei die Herkunft dieses Namens eine selbstverständliche, längst geklärte Angelegenheit, während sie in Wirklichkeit auf einem seit über 100 Jahren kursierenden Missverständnis beruht, das inzwischen sogar in den Grundlagentext des mexikanischen Rechts eingeflossen ist.

Interessanterweise ist der deutsche Markt für Tequila in den vergangenen Jahren selbst spürbar gewachsen, mit einer zunehmenden Zahl an Fachgeschäften, Tastings und spezialisierten Online-Händlern, die sich dem hochwertigen, hundertprozentigen Agaven-Tequila verschrieben haben. Gerade in diesem wachsenden Marktsegment, das sich bewusst um Bildung und Wissen über das Produkt bemüht, wäre eigentlich zu erwarten, dass die kursierende Weber-Legende irgendwann korrigiert würde. Doch bislang findet sich die falsche Version auf ebenso vielen deutschsprachigen wie englischsprachigen Verkaufsseiten – ein Beleg dafür, wie hartnäckig sich einmal etablierte Marketingtexte halten können, selbst innerhalb einer Branche, die sich gerne mit Expertise und Detailwissen schmückt. Und so schließt sich der Kreis dieser Geschichte an genau der Stelle, an der wir begonnen haben: bei jenem stolz vorgetragenen Satz auf unzähligen Flaschenetiketten und Webseiten.

„Ein deutscher Botaniker namens Franz Weber habe im Jahr 1896 die blaue Agave entdeckt und benannt. “ In Wahrheit war der Mann hinter diesem Namen ein französischer Militärarzt mit elsässischen Wurzeln, der drei Jahrzehnte früher als Teil einer gescheiterten kaiserlichen Invasionsarmee nach Mexiko kam, dort nebenbei Pflanzen sammelte, während sein Kaiser Maximilian am Ende vor einem Erschießungskommando stand, und der seine wissenschaftliche Beschreibung der Agave erst als alter Mann kurz vor seinem eigenen Tod in einer französischen Fachzeitschrift veröffentlichte. Weder Frédéric Albert Constantin Weber selbst noch Cenobio Sauza, der als erster auf dem eigenständigen Namen Tequila bestand, noch die mexikanischen Gesetzgeber, die Jahrzehnte später seinen Namen fest in die Herkunftsbezeichnung des Landes einschrieben, konnten ahnen, dass dieser Name eines Tages auf Millionen Flaschenetiketten weltweit stehen und dabei fast durchgehend falsch erzählt werden würde – verwandelt von einem französischen Frédéric in einen deutschen Franz, von einem Militärarzt in einen romantisierten Naturforscher, von einer gescheiterten Invasion in eine harmlose Forschungsreise. Selbst die Jimadores, die heute unter der mexikanischen Sonne mit ihrer Coa durch die Felder ziehen, wüssten vermutlich nichts von jenem französischen Arzt, dessen Nachname in jedem Gesetzestext über ihre eigene Arbeit auftaucht, und würden sich, erzählte man ihnen die ganze verwickelte Geschichte, wahrscheinlich vor allem darüber wundern, wie viele Jahrzehnte es gebraucht hat, bis überhaupt jemand den Fehler bemerkte, geschweige denn versuchte, ihn zu korrigieren.

Nicht schlecht für einen Namen, der eigentlich nie so hätte erzählt werden dürfen, wie ihn heute fast jede Flasche erzählt.