Ich stand am 27. November 1995 im Flur und mein Vater sagte nur: „Geh aus dem Weg, ich habe es eilig.“ Es waren die letzten Worte, die er je zu mir sprach, auch wenn er das damals nicht wusste. An…

Ich stand am 27. November 1995 im Flur und mein Vater sagte nur: „Geh aus dem Weg, ich habe es eilig.“ Es waren die letzten Worte, die er je zu mir sprach, auch wenn er das damals nicht wusste. An...

Es ist Montagmorgen, der 27. November 1995. Kurz nachdem der Taxifahrer das Mädchen mit dem roten Pullover und der Stofftasche voller Kassetten am Fuß des Box Hill abgesetzt hat, sieht er im Rückspiegel noch einmal zurück. Sie steht einfach mitten auf dem Weg und bewegt sich keinen Zentimeter.

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Er wird der letzte Mensch sein, der Ruth Wilson mit Sicherheit gesehen hat. Die 16-jährige Ruth lebt mit ihren Eltern und ihrer 13-jährigen Schwester Jenny in einem gemütlichen Cottage in Betchworth. Ihre Eltern arbeiten beide als Lehrer, die Familie gilt als typische, glückliche Mittelklassefamilie. Ruth und Jenny teilen sich ein Zimmer und sind unzertrennlich.

Ruth steht kurz vor ihren Abschlussprüfungen, hat gute Noten und träumt davon, Archäologie zu studieren. Neben der Schule jobbt sie in einem Musikgeschäft und babysittet gelegentlich. Das letzte Novemberwochenende vor ihrem Verschwinden verläuft völlig normal. Samstag arbeitet sie, trifft sich danach mit ihrem besten Freund William und einem gemeinsamen Freund zum Essen.

Ruth übernimmt großzügig die Rechnung und bemerkt scherzhaft, die Jungs sollten sich das merken. Am Sonntag geht sie zur Kirchenprobe, wo sie Handglocke spielt, besucht einen Jugendclub und verbringt den Abend bei William. Dessen Mutter schenkt ihr eine Tüte aussortierter Kleidung. Zu Hause probieren Ruth und Jenny die Sachen lachend an und plündern nebenbei den Kleiderschrank ihrer Mutter.

Es wird ihr letzter gemeinsamer Abend sein. Am Montagmorgen ist bei den Wilsons einiges los. Mr. Wilson hat einen wichtigen Termin mit der Schulbehörde.

Als er Ruth kurz im Flur sieht, sagt er nur knapp: „Geh aus dem Weg, ich habe es eilig. “ Diese Worte werden die letzten sein, die er je zu seiner Tochter spricht. Auch Jenny geht ohne ihre Schwester zum Bus, weil Ruth ihr in letzter Sekunde sagt, sie komme heute nicht mit. Ruth ist danach allein zu Hause.

William bietet ihr an, sie mit dem Auto zur Schule zu nehmen, aber sie lehnt ab. Stattdessen bestellt Ruth ein Taxi, das sie gegen 11:30 Uhr in die Innenstadt von Dorking bringt. Sie verbringt mehrere Stunden in der Bibliothek. Danach geht sie zu einem Floristen und bestellt einen Blumenstrauß für ihre Mutter.

Die Lieferung soll ausdrücklich erst am 29. November erfolgen, nicht früher. Gegen 16 Uhr ruft sie erneut ein Taxi und lässt sich zum Box Hill fahren, einem Aussichtsberg in der Nähe. Am Fuß des Berges steigt sie aus.

Der Fahrer sieht sie im Rückspiegel regungslos stehen bleiben. Ihre Leiche wird nie gefunden. Als die Familie abends nach Hause kommt, taucht Ruth nicht auf. Zuerst machen sich die Wilsons keine großen Sorgen, vielleicht ist sie noch beim Babysitten.

Doch als es spät wird, rufen sie die Polizei. Die startet eine große Suchaktion – vergeblich. Am 29. November wird der Blumenstrauß bei Mrs.

Wilson geliefert, ohne Karte. Niemand kann sich erklären, was das soll. Jenny findet nachts kaum Schlaf in dem Zimmer, das sie sich mit Ruth geteilt hat. Am 1.

Dezember findet ein Suchtrupp im Gebüsch am Box Hill drei kleine Zettel – offenbar Abschiedsbriefe an Ruths Eltern, ihre beste Freundin und William. Daneben liegen leere Verpackungen von Paracetamol und eine Flasche Wermut. Die Vermutung, Ruth könnte sich das Leben genommen haben, steht im Raum. Aber von Ruth selbst fehlt jede Spur.

Man findet weder ihren Haustürschlüssel, noch ihre Tasche, ihren Walkman oder ihre Kassetten. Rund 40 Hektar um den Box Hill werden durchkämmt, mit Spürhunden und Helikoptern. Vergeblich. Ruths Freunde melden sich bald zu Wort.

Ihre Freundin Katherine erzählt, Ruth habe die Wahrheit über den Tod ihrer leiblichen Mutter erst kurz vor ihrem Verschwinden erfahren – nicht von ihren Eltern, sondern bei einem Besuch in London, wo sie im Oktober die Sterbeurkunde ihrer Mutter entdeckte. Darin stand als Todesursache nicht etwa, wie Ruth immer erzählt worden war, ein Sturz die Treppe hinunter mit Genickbruch, sondern Erhängen. Ruths leibliche Mutter Nester hatte sich 1982, wenige Tage vor Weihnachten, selbst das Leben genommen. Ruth war damals drei Jahre alt, Jenny gerade ein paar Monate.

Die Geschichte vom Treppensturz habe Ruth immer beschäftigt, erzählt Katherine. Sie habe sich gefragt, ob sie als Kleinkind vielleicht Spielzeug liegen gelassen habe, über das ihre Mutter gestolpert sei. Die Wahrheit habe sie sehr belastet. Außerdem soll Ruth in der Woche vor ihrem Verschwinden ein schlechtes Zeugnis erhalten haben, das sie vor ihren Eltern versteckte.

Sie machte sich große Sorgen um ihre Noten, der Druck der Abschlussprüfungen setzte ihr zu. Ruths Freundin Roxy erinnert sich, dass Ruth keinen Führerschein und keinen Reisepass hatte. Und William berichtet, dass Ruth zu Hause nicht so glücklich war, wie es nach außen schien. Eine Bekannte namens Louise will Ruth am Tag ihres Verschwindens mit einem blauen Koffer eine Hauptstraße zwischen Box Hill und ihrem Heimatdorf entlanglaufen gesehen haben.

Die Straße führt zum Bahnhof, von dort gibt es Verbindungen zu Flughäfen. Ruths Freundin Katherine erzählt außerdem, Ruth habe sie kurz vor deren Verschwinden gefragt, ob sie nicht einfach mit nach Sheffield kommen könne, wohin Katherines Familie umzog. Noch im Juni, acht Monate nach Ruths Verschwinden, durchsuchten Ermittler Katherines Kleiderschrank, um sicherzugehen, dass Ruth sich nicht dort versteckte. Am 27.

November 1996, genau ein Jahr nach Ruths Verschwinden, betritt eine Jugendliche einen Kiosk am Box Hill. Sie möchte von allen Lokalzeitungen eine Ausgabe haben. Als der Besitzer ihr sagen muss, dass eine Zeitung bereits ausverkauft ist, reagiert sie überraschend emotional. Der Besitzer erinnert sich an Ruth und meldet sich bei der Polizei.

Das Video der Überwachungskamera ist von schlechter Qualität, aber die Wilsons sehen es sich dutzende Male an. Erst glauben sie nicht, dass ihre Tochter darauf zu sehen ist, doch nach und nach ändern sie ihre Meinung. Die Theorie entsteht, dass Ruth nach Zeitungsartikeln über ihren eigenen Vermisstenfall gesucht haben könnte. Ruths Vater schreibt 2006 einen offenen Brief an seine Tochter.

Darin steht: „Wir haben immer noch die Geschenke, die wir dir 1995 zu Weihnachten gekauft haben. Sie liegen sicher in einer Schublade und warten darauf, dass du zurückkommst. Dein Verschwinden ist immer noch ein Rätsel. Du warst selbstbewusst, unabhängig und schienst zu Hause so glücklich zu sein.

Ich habe ganz London abgesucht in der Hoffnung, dich zu finden. Jedes Mal wurden unsere Hoffnungen geweckt, nur um wieder zunichte gemacht zu werden. Selbst jetzt fahre ich noch an Bushaltestellen vorbei und starre die Leute an. Könnte diese junge Frau, du bist jetzt 27, du sein?

Der Fall gilt bis heute offiziell als ungelöst. Die Polizei hält fünf Erklärungen für möglich: einen tragischen Unfall, Entführung, Freitod, Mord oder dass Ruth sich zurückgezogen hat, um ein neues Leben zu beginnen. Der Inhalt der drei Zettel, die am Box Hill gefunden wurden, wurde nie offiziell bekannt gegeben. Die Ermittler selbst haben sie nie ausdrücklich als Abschiedsbriefe bezeichnet.

Ruth Wilson wäre heute 47 Jahre alt.