Am Hof des aztekischen Herrschers Moctezuma reichte man Hernán Cortés eine Schale mit einem dickflüssigen, bitteren Getränk. Die Spanier verzogen das Gesicht. Ein früher Bericht nannte es ein Getränk, das eher für Schweine tauge als für Menschen. Cortés aber interessierte sich nicht für den Geschmack.

Ihm fiel auf, dass die kleinen braunen Bohnen die Währung eines ganzen Reiches waren. Wer den Kakao kontrollierte, kontrollierte den Reichtum. Jahrtausende zuvor, in den feuchten Tiefländern des heutigen Südmexiko, hatten die Olmeken die Samen einer seltsamen tropischen Frucht entdeckt. Sie ließen das Fruchtfleisch um die Samen vergären, trockneten und rösteten sie und mahlten sie zu einer Paste.
Daraus entstand ein Getränk, das es in der Natur nicht gab. Für die Olmeken war es heilig. Als ihre Kultur verfiel, ging das Wissen an die Maya über, die daraus etwas noch Größeres machten. Das Maya-Wort „Kakao” ist der Ursprung unseres heutigen Wortes.
Im Popol Vuh, dem heiligen Text der Maya, gehört Kakao zu den Zutaten, aus denen die Götter die ersten Menschen formten. Sie glaubten, die Menschheit selbst sei zum Teil aus Kakao gemacht. Die Maya tranken ihre Schokolade jedoch nicht wie wir. Kein Zucker, keine Milch.
Ihr Getränk war dick und bitter, gemischt mit Wasser, Maismehl, Chili und Vanille. Sie gossen es von einem Gefäß ins andere, bis sich Schaum bildete, und dieser Schaum galt als das Kostbarste am ganzen Getränk. Die Kakaobohne selbst wurde so wertvoll, dass sie in ganz Mesoamerika als Geld diente. Ein Truthahn kostete hundert Bohnen.
Das Geld wuchs buchstäblich auf Bäumen. Als im 15. Jahrhundert das Reich der Azteken aufstieg, war Kakao die begehrteste Ware der Region. Doch hier liegt die Ironie: Kakaobäume wachsen nicht im trockenen Hochland rund um die Hauptstadt Tenochtitlan.
Die Azteken hatten eine der größten Zivilisationen Amerikas errichtet, aber ihre eigene Schokolade konnten sie nicht anbauen. Also taten sie, was Reiche tun: Sie eroberten die Gebiete, in denen der Kakao wuchs, und forderten ihn als Tribut. Riesige Mengen an Bohnen strömten in die Hauptstadt, Schätzungen zufolge fast zwei Tonnen pro Jahr. Moctezuma soll bis zu fünfzig Tassen Schokolade am Tag getrunken haben, serviert in goldenen Gefäßen.
Ihr Wort dafür lautete „xocolātl”, bitteres Wasser. In ihrer Mythologie hatte der Gott Quetzalcoatl den Menschen den Kakao gebracht und wurde von den anderen Göttern dafür bestraft. Schokolade war kein Naschwerk. Sie war Blut, Geist und Reich in einer einzigen Schale.
Nach dem Fall des Aztekenreiches im Jahr 1521 begannen die Spanier, Kakao nach Spanien zu verschiffen. Und dann geschah das Entscheidende: In den Klöstern der Kolonien, vermutlich durch spanische Nonnen, begann jemand, mit dem Rezept zu spielen. Sie gaben Zucker hinzu, fügten Zimt und Vanille bei und erwärmten das Getränk, statt es kalt zu servieren. Plötzlich war aus dem bitteren Kriegertrank etwas völlig Neues geworden: süß, warm und gefährlich verführerisch.
Spanien hütete dieses veränderte Rezept fast ein Jahrhundert lang wie ein Staatsgeheimnis, während der Rest Europas ahnungslos blieb. Doch irgendwann sickerte das Geheimnis durch. Anfang des 17. Jahrhunderts erreichte die Schokolade Italien, Frankreich und England, und die Höfe Europas verloren den Verstand.
In Frankreich war die Frau von König Ludwig XV. dem Getränk so verfallen, dass man erzählte, ihre Zähne seien vom vielen Zucker geschwärzt. Heiße Schokolade wurde zum Modegetränk von Versailles. 1657 eröffnete in London das erste Schokoladenhaus – wie das Starbucks des 17.
Jahrhunderts, nur weit exklusiver. Hier traf sich, wer Rang und Macht hatte. Doch über zwei Jahrhunderte lang gab es Schokolade in Europa nur als teures Getränk. Die Bohnen mussten von Hand geröstet und gemahlen werden, und das Ergebnis war eine fettige, körnige Paste, die sich kaum in Wasser lösen ließ.
Schokolade blieb ein Luxus der Reichen. Das änderte sich 1828, als ein niederländischer Chemiker namens Coenraad van Houten eine hydraulische Presse erfand, die den größten Teil des natürlichen Fetts, der Kakaobutter, aus den gerösteten Bohnen presste. Zurück blieb ein trockener Kuchen, den man zu feinem Pulver mahlen konnte. Van Houten behandelte das Pulver zusätzlich mit alkalischen Salzen, um die Bitterkeit zu nehmen – ein Verfahren, das man bis heute „Dutching” nennt.
Kakaopulver löste sich mühelos in Wasser oder Milch, und Schokolade wurde erstmals für einfache Menschen erschwinglich. Seine Erfindung tat aber noch etwas Wichtigeres: Indem sie die Kakaobutter von der Kakaomasse trennte, schuf sie genau die beiden Zutaten, die feste Schokolade überhaupt erst möglich machten. 1847 fand die britische Firma Fry and Sons heraus, dass man Kakaopulver, Zucker und geschmolzene Kakaobutter zu einer geschmeidigen Masse mischen konnte, die zu einer festen Tafel erstarrte. Sie nannten es Essschokolade – die erste moderne Schokoladentafel der Welt.
Dreitausend Jahre lang war Schokolade ein Getränk gewesen. An einem einzigen Nachmittag in einer Fabrik in Bristol wurde daraus etwas, das man in der Hand halten, in Stücke brechen und überall essen konnte. Die nächsten Jahrzehnte wurden zu einem Rausch der Erfindungen. 1875 versuchte der Schweizer Daniel Peter seit Jahren, Milch mit Schokolade zu verbinden.
Das Problem war das Wasser in der Milch, das die Schokolade körnig werden ließ. Dann zeigte ihm sein Nachbar ein Produkt, das er gerade erfunden hatte: eine pulverförmige Kondensmilch. Der Name dieses Nachbarn war Henry Nestlé. Peter verband die Kondensmilch mit Schokolade, und die Milchschokolade war geboren.
Vier Jahre später ließ ein anderer Schweizer, Rudolf Lindt, aus Versehen seine Rührmaschine über Nacht laufen. Am Morgen war die Schokolade unglaublich zart und samtig. Er nannte das Verfahren Conchieren, und es ist bis heute Standard in der Herstellung. In nur fünfzig Jahren war aus dem teuren Getränk der Aristokraten ein zartes, festes Massenprodukt geworden.
Dann kam ein Mann, der die Schokolade in die ganze Welt tragen sollte. Auf der Weltausstellung von 1893 in Chicago sah ein Karamellhersteller aus Pennsylvania namens Milton Hershey deutsche Schokoladenmaschinen bei der Arbeit. Er war so gebannt, dass er seine erfolgreiche Karamellfirma für eine Million Dollar verkaufte und alles auf die Schokolade setzte. Hersheys Genie lag nicht darin, die beste Schokolade zu machen, sondern darin, sie so billig zu produzieren, dass jeder Mensch in Amerika sie sich leisten konnte.
Er baute eine ganze Stadt um seine Fabrik und nannte sie Hershey, mit Straßen namens Chocolate Avenue und Cocoa Avenue, eigenen Schulen und einem Vergnügungspark. Die Konkurrenten folgten dicht dahinter: Der Milky Way erschien 1923, die bunten M&Ms 1941. Und dann geschah etwas, das niemand hätte vorhersehen können: Die Schokolade zog in den Krieg. Im Zweiten Weltkrieg beauftragte das amerikanische Militär Hershey, einen besonderen Riegel für die Soldaten herzustellen.
Er musste energiereich sein, hohe Temperaturen aushalten – und durfte nur knapp besser schmecken als eine gekochte Kartoffel. Man wollte nicht, dass die Soldaten ihre Notration einfach naschten. Hershey stellte mehr als drei Milliarden dieser Riegel her. Und wenn amerikanische Truppen Städte in Europa befreiten, verteilten sie Schokolade an die Kinder.
Eine ganze Generation weltweit schmeckte ihre erste Schokolade aus der Hand eines amerikanischen Soldaten. Auch die andere Seite der Front hatte ihre Schokolade: Die deutsche Wehrmacht gab ihren Piloten und Panzerbesatzungen eine koffeinangereicherte Sorte aus, die „Schokakola”, im Volksmund Fliegerschokolade oder Panzerschokolade genannt. In Großbritannien waren die Quäker der Familie Cadbury ins Schokoladengeschäft gegangen, weil sie darin eine gesunde Alternative zum Gin sahen, der die Arbeiterschaft ruinierte. Auch sie bauten für ihre Arbeiter ein ganzes Musterdorf.
Im 20. Jahrhundert wurde Schokolade untrennbar von unserer Kultur: von den herzförmigen Schachteln zum Valentinstag bis zu den Schokoladeneiern und -hasen zu Ostern. Doch hier machen die meisten den Fehler zu glauben, es gehe bei Schokolade nur um Riegel und Geschenke. Der heutige Schokoladenmarkt ist über 130 Milliarden Dollar wert.
Rund siebzig Prozent des weltweiten Kakaos wachsen in Westafrika; allein die Elfenbeinküste und Ghana liefern mehr als die Hälfte. Der Kakao ernährt Millionen Kleinbauern auf winzigen Feldern. Und hier liegt die unbequeme Wahrheit, über die die Industrie jahrzehntelang lieber schwieg: Viele dieser Farmen sind auf Kinderarbeit angewiesen. Berichte dokumentieren weit über eine Million Kinder, die unter gefährlichen Bedingungen auf Kakaofarmen arbeiten, manche erst fünf Jahre alt, mit Macheten und giftigen Pestiziden.
2001 unterschrieben die großen Konzerne ein Abkommen, die schlimmste Kinderarbeit zu beenden. Über zwanzig Jahre später besteht das Problem fort. Die Ironie ist bitter: Ein Genussmittel, das hunderten Millionen Freude schenkt, ruht auf Menschen, die sich das fertige Produkt oft selbst nicht leisten können. Genau diese Spannung treibt heute eine der spannendsten Bewegungen der Lebensmittelwelt an.
Kleine Manufakturen kaufen ihren Kakao direkt bei den Bauern und behandeln die Bohne so, wie ein Winzer seine Trauben behandelt. Denn Schokolade hat genau wie Wein ein Terroir. Eine Tafel aus Kakao aus Madagaskar schmeckt völlig anders als eine aus Ecuador oder Vietnam. Schokolade ist nicht ein einziger Geschmack, sie ist Hunderte.
Doch die Zukunft der Schokolade ist nicht gesichert. Der Kakaobaum ist überaus empfindlich: Er braucht gleichmäßige Wärme, hohe Luftfeuchtigkeit und Schatten und gedeiht nur in einem schmalen Gürtel rund um den Äquator. Klimamodelle deuten darauf hin, dass viele der heutigen Anbaugebiete bis zum Jahr 2050 zu heiß werden könnten. Pilzkrankheiten und Viren zerstören ganze Plantagen.
Forscher züchten widerstandsfähigere Sorten, andere testen neue Anbaugebiete, und manche Unternehmen arbeiten sogar an Schokolade aus dem Labor, ganz ohne echte Bohne. Denk einen Moment über den ganzen Bogen dieser Geschichte nach: Eine Dschungelfrucht, die ein altes Volk für göttlich hielt, wurde zur Währung eines Reiches, zum heimlichen Vergnügen europäischer Könige, zur Ration der Soldaten im Krieg und schließlich zum begehrtesten Geschmack der Welt. Schokolade war Geld, Medizin, Ritual, Waffe und Geschenk. Und doch hat sich im Kern etwas nie geändert.
Der Grund, warum uns Schokolade heute fesselt, ist derselbe, aus dem sie schon die Maya fesselte: In der Kakaobohne steckt eine Mischung aus Hunderten von Aromastoffen und anregenden Substanzen, die im menschlichen Gehirn eine Antwort auslöst, wie es kein anderes Nahrungsmittel schafft. Es ist nicht nur der Zucker, nicht nur das Fett, sondern der besondere chemische Cocktail in der Bohne selbst. Die Menschen, die vor dreitausend Jahren im Dschungel Kakao mahlten, hätten sich niemals eine Welt vorstellen können, in der ihr heiliges Getränk in Hasen geformt und in Tüten an Flughäfen verkauft wird. Und doch isst ein Mensch in den Vereinigten Staaten heute rund fünf Kilo Schokolade im Jahr, ohne einen einzigen Gedanken an die dreitausendjährige Reise, die sie in seine Hand gelegt hat.
Vom heiligen Ritual zur globalen Sucht.


