Ich dachte, ich mache alles richtig – aber als ich die Anzuchtschalen nach zwei Wochen aus dem Büro holte, blieb mir fast die Luft weg. Die Pflänzchen waren lang, dünn und blass, sie lagen fast…

Ich dachte, ich mache alles richtig – aber als ich die Anzuchtschalen nach zwei Wochen aus dem Büro holte, blieb mir fast die Luft weg. Die Pflänzchen waren lang, dünn und blass, sie lagen fast...

„Schau mal, die da drüben sind ja völlig vergeilt. Was machen wir denn mit denen? “

Ich hörte meinen Mann hinter mir, während ich die blauen Anzuchtschalen auf dem Tisch in unserer Anzuchtstation verteilte. Ich wusste genau, welche er meinte.

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Die beiden Schalen, die zwei Wochen lang im Schlafzimmer gestanden hatten, waren ein einziger Reinfall gewesen. Aber genau darum ging es uns ja. Wir hatten einen Versuch gestartet, und jetzt standen die Ergebnisse auf dem Tisch, bereit, seziert zu werden. Die ersten beiden Schalen auf der linken Seite waren das ganze Gegenteil von einem Reinfall.

Unter unseren LED-Pflanzenleuchten waren die Kohlpflänzchen – der Blumenkohlfrüh – zu kleinen, kompakten Kraftpaketen herangewachsen. Sattgrün, mit kräftigen Stielen und einem Herzen, das vor Vitalität nur so strotzte. Zum Pikieren war es zwar noch ein bisschen zu früh, aber der Anblick war einfach perfekt. Daneben stand der Rote Eichblattsalat, eine unserer neuen Sorten, und auch der zeigte sich von seiner besten Seite.

Die Keimblätter hatten sich sauber entfaltet, die ersten echten Blätter schoben sich daraus hervor, und die Pflänzchen waren kurz, kompakt, vital. Genau so sollte es aussehen. Das war unser optimales Ergebnis, der Maßstab, an dem wir alle anderen messen würden. Diese beiden Musterschalen waren allerdings bei dem Versuch gar nicht dabei gewesen, den wir in den letzten Videos gezeigt hatten.

Sie waren einfach im Zimmer im Haus ausgesät worden, unter einer ganz normalen warmweißen Lampe, wie man sie vielleicht zu Hause herumstehen hat. Eine einfache 11-Watt-LED. Und das sah man den Pflanzen auch an. Die Kohlpflänzchen dort waren hochgeschossen, dürr und blass.

Die Stiele waren lang und dünn, fast durchsichtig, und die Blätter hingen schlaff herunter. Sie wirkten, als würden sie jeden Moment umknicken. Die Salate daneben waren auch nicht viel besser. Sie waren zwar nicht ganz so extrem hochgeschossen, aber auch hier sah man deutlich: Das war nicht optimal.

In der Fensterbank-Optik waren sie vielleicht noch zu gebrauchen, aber für eine kräftige, gesunde Pflanze fehlte ihnen klar das Licht. „Na ja“, sagte ich und griff zur ersten Schale mit dem Salat, „bei denen kann man noch was machen. Die werden wir auf eine bestimmte Art pikieren, dann sind die zu retten. “

Die Kohlpflänzchen waren ohnedies klar.

Auch die würden wir vereinzeln und tiefer setzen, dann sollten die schon wieder gerade werden. Die waren noch in einem Stadium, wo man sie mit dem richtigen Fingerspitzengefühl zurückholen konnte. Und dann rückte ich noch zwei weitere Schalen in die Mitte des Tisches. Das war das, was man wirklich nicht mehr retten konnte.

Der Kohl und der Salat, die im Schlafzimmer gestanden hatten, waren hoffnungslos über die Maßen geschossen. Die Stiele waren so lang und dünn, dass sie sich einfach nur noch hinlegten. Die Blätter waren blass und wässrig. Da half kein Pikieren mehr, kein Tiefer-Setzen, nichts.

Wenn man da noch irgendetwas Vernünftiges mit anfangen wollte, dann höchstens als Butterbrotbelag. Also entweder runterschneiden und essen oder neu aussäen. Aber bevor wir das taten, würden wir sie noch einmal unter die Pflanzenlampen stellen, einfach um zu sehen, was passiert. Wir sind schließlich Experimentierfreudige, das gehörte einfach dazu.

Ich nahm die beiden verlorenen Schalen und stellte sie beiseite, mit dem Plan, sie später noch einmal unter die Leuchten zu stellen. Dann richtete ich den Blick auf die zwei Schalen, die vor mir standen und eigentlich unsere Hauptarbeit werden würden. Diese hatten wir vor knapp zwei Wochen im Büro ausgesät. Zwanzig, einundzwanzig Grad waren es dort normalerweise, und sie hatten auch eine Lampe gehabt, aber eben eine einfache, warmweiße LED-Leuchte mit elf Watt.

Das war unser bewusster Versuchsaufbau gewesen, um eben genau dieses Problem darzustellen. Immer wieder kamen Bilder per E-Mail, auf denen Jungpflanzen genau so aussahen wie diese: fragil, dünn, latschig. Die Leute fragten uns dann, ob da noch etwas zu retten sei. Und genau das wollten wir jetzt zeigen.

Ja, das konnte man retten, und zwar jetzt, in diesem Stadium. „Okay“, sagte ich, „dann fangen wir mal mit dem Wintersalat an. Für den nehmen wir die mittlere Multitopfplatte. “

Ich holte die Platte und stellte sie neben die Anzuchtschale.

Dann nahm ich vorsichtig ein Pikierstäbchen zur Hand und machte mich an die Arbeit. Der erste Salatpflänzling war wirklich winzig und empfindlich. Ich musste mich mit dem Stäbchen ganz vorsichtig daneben in die Erde arbeiten, um die feinen Wurzeln nicht zu verletzen. Mit viel Gefühl und Fingerspitzengefühl hobelte ich den kleinen Sämling aus der Erde.

Wenn man lange Fingernägel hat, muss man bei der Arbeit richtig aufpassen, um die Pflanze nicht zu beschädigen. Unter den Keimblättern, an denen man sie vorsichtig anfassen konnte, zog ich sie heraus und senkte sie in das vorbereitete Loch der Multitopfplatte. Bis kurz unter die Keimblätter sollte sie in die Erde. Dann tupfte ich die Erde rundherum vorsichtig mit dem Stäbchen an und drückte sie sanft fest.

So, jetzt war das kleine Baby umgesetzt. Als nächstes kam der Zweite, der Dritte. Natürlich suchte ich mir zuerst die schönsten und kräftigsten Pflänzchen heraus, um sicherzugehen, dass die den Platz in der Mitte bekamen. Die kleineren und schwächeren durften dann an den Rand.

Das war das übliche Vorgehen beim Pikieren. Konzentriert arbeitete ich die gesamte Schale durch, bis alle Wintersalate ihren neuen Platz in der Multitopfplatte gefunden hatten. Dann kam das Angießen. Aber nicht von oben, nein.

Hätten wir von oben gegossen, wäre die empfindliche Erde zusammengeschwemmt worden und die zarten Blättchen hätten auf dem feuchten Substrat kleben bleiben können. Das wollten wir nicht. Die Multitopfplatte hatte einen Untersetzer, und so gossen wir das Wasser einfach von unten ein. Das Wasser wurde dann von der Erde durch die Löcher im Boden der Töpfe nach oben gesogen.

Das funktionierte hier wunderbar. Und in das Gießwasser kam wie immer bei uns der Gartenbodenaktivator, das EM-Produkt, das das Bodenleben anregt. Aber, und das war wichtig, diesmal nur die halbe Dosis. Man muss es mit dem Düngen bei so jungen, geschwächten Pflänzchen einfach nicht übertreiben.

„Weißt du, warum ich jetzt keinen Dünger nehme? “, fragte ich in die Runde, während ich das Wasser anrührte. „Die sind zwar ein bisschen blass und schwach, aber die brauchen jetzt erstmal Ruhe. In zwei Wochen werden wir uns die anschauen und dann entscheiden, ob sie Flüssigdünger brauchen.

Und wenn, dann nur in halber Dosis. “

So, dann stellte ich die ganze Platte rüber zu den Pflanzenleuchten. Die Salate sollten dort die nächsten Wochen verbringen, wo sie genug Licht bekamen, um endlich kräftig zu werden. Wieder ins Büro stellen wäre das Todesurteil gewesen.

Sie wären weiter in die Höhe geschossen und wären endgültig wackelig geworden. Nein, die Rettung hieß jetzt Licht, Licht und nochmals Licht. Jetzt kamen die Kohlpflänzchen dran. Ich holte die passende Multitopfplatte, die etwas größere Pflanzlöcher hatte als die für den Salat.

Das machte Sinn, denn Kohl wird eine größere Pflanze und gehört zu den Starkzehrern, also zu den Pflanzen, die viele Nährstoffe brauchen. Die Kohlpflänzchen hatten auch schon lange, dünne Stiele. Wichtig war beim Einpflanzen, sie vorsichtig an den Herzchenblättern anzufassen und darauf zu achten, dass der Stiel heil blieb. Es durfte nichts brechen.

Und weil die Stiele teilweise so lang waren, musste ich sie schräg in die Erde legen, fast wie bei vergebenen Tomaten. Wenn das Pöttchen zu kurz war, dann legte ich die Pflanze einfach in einer leichten Kurve hinein, so dass sie dann an den Rand rutschen konnte. Wichtig war, dass die Erde bis zu dem Punkt kam, wo die Keimblätter saßen. Das war das Ziel.

Beim ersten Pflänzchen rutschte mir das noch nicht ganz richtig. Die Pflanze stand zu hoch, die Keimblätter ragten zu weit über den Rand, die Wurzeln waren noch nicht genau dort, wo sie sein sollten. Also musste ich sie wieder vorsichtig herausbuddeln und das Loch neu formen. Mit dem Pikierstäbchen schabte ich die Erde in der Tiefe noch ein wenig weiter auf, um mehr Platz zu schaffen.

Dann setzte ich sie erneut, diesmal tief genug, und drückte die Erde sachte an. Es war wie eine kleine Operation, die viel Feingefühl verlangte. Aber es klappte. Nummer eins war drin.

Und so arbeitete ich mich durch die ganze Schale. Die Kohlpflänzchen wurden einzeln herausgeholt, tief eingesetzt und vorsichtig angedrückt. Es war schon eine Herausforderung, diese zarten Gebilde zu behandeln, ohne dass etwas brach. Aber es war machbar, Pflanze für Pflanze.

Als die gesamte Platte gefüllt war, goss ich sie ebenfalls von unten an, wieder mit dem Wasser, das mit dem Gartenbodenaktivator in halber Dosis angemischt war. Jetzt würde das Bodenleben wieder aktiviert, damit die Wurzeln der jungen Kohlpflanzen gute Bedingungen vorfanden. Und auch diese Platte stellte ich zu den Salaten unter die Pflanzenleuchten. „Kohl braucht später ordentlich Dünger“, erklärte ich, „aber jetzt noch nicht.

Erst in zwei, drei Wochen. Und dann nehmen wir unseren Flüssigdünger, den Mikrodünger mit EM. Das hat sich bei uns für Jungpflanzen richtig gut bewährt. Der Tomaten-EM-Dünger kommt erst später bei den größeren Pflanzen zum Einsatz.

Wir benutzten für die Anzucht im Haus unsere eigene Aussaaterde, die wir vorher gedämpft und gesiebt hatten. Das war einfach optimal, um Pilzkrankheiten zu vermeiden und den Pflanzen einen guten Start zu ermöglichen. Die beiden Platten standen jetzt also unter den LED-Leuchten. Ich betrachtete sie einen Moment lang.

Das Anzuchtregal füllte sich wieder mit vielen kleinen Pflanzenbabys. Da machte es mir einfach Freude, das zuzusehen. „So, jetzt habt ihr euch also eure Wurzeln neu sortiert und könnt loswachsen“, murmelte ich ihnen zu, während ich das Wasser in den Untersetzern checkte. Aber es gab noch eine Kultur, die wir retten wollten.

Die italienischen Zwiebeln. Ich holte die Anzuchtschale herüber und stellte sie auf den Tisch. Die Pflänzchen waren zwar gekeimt, das sah man auf den ersten Blick, aber der zweite Blick war ernüchternd. Die Halme waren dünn, standen nicht aufrecht, sondern knickten um.

Sie wirkten wabbelig, instabil und von der Farbe her viel zu hell. Schön, dass sie gekeimt waren, aber so konnte das auf keinen Fall bleiben. Die Zwiebelplatte hatte auch im Schlafzimmer gestanden. Das Keimen hatte zwar funktioniert, aber für eine gesunde Weiterentwicklung hatte das Licht bei Weitem nicht gereicht.

„Pikieren macht hier keinen Sinn“, erklärte ich. „Zwiebeln kann man nicht tiefer setzen. Das funktioniert einfach nicht. Und nach dem Pikieren haben die Pflanzen immer so einen Wachstumsstopp von ein bis zwei Wochen.

Die Wurzeln müssen sich erst neu sortieren. Das passiert übrigens auch bei unserem Kohl und Salat, die wir eben gepikert haben. Da dürfen wir jetzt nicht erwarten, dass die in ein, zwei Tagen weiterwachsen. Das dauert schon seine Zeit.

Aber dann legen sie los. “

Bei den Zwiebeln war die Lösung also eine andere. Es brauchte einfach mehr Licht. Die Temperatur war im Zimmer in Ordnung gewesen.

Also würde auch diese Schale jetzt unter die Pflanzenleuchten wandern. Aber vorher machte ich noch ein paar Bemerkungen zur Beleuchtungsdauer. Ein Tag hat 24 Stunden. Und Pflanzen brauchen ihre Dunkelphase, unbedingt.

Diese acht Stunden Pause sollten wir ihnen auf jeden Fall gönnen, für ihren Biorhythmus und eine gesunde Entwicklung. Bei uns liefen die Leuchten sechzehn Stunden, aber unser Erfahrungswert war, dass auch vierzehn Stunden ausreichten und die Pflanzen trotzdem gut wuchsen. Alles darunter, so zwölf, dreizehn Stunden, war besser als nichts, aber optimal war es nicht. Mit vierzehn Stunden wuchsen die Pflanzen bei uns wirklich am besten.

Aber es gab noch einen Trick, um die Pflanzen vitaler, kräftiger, widerstandsfähiger und fester zu machen. Man konnte die Natur nachahmen. Nämlich den Wind. Also entweder pustete man die Pflanzen ab und zu selbst an, wedelte mit der Hand darüber oder stellte am besten einen Ventilator mit Zeitschaltuhr daneben, der immer mal wieder für ein paar Minuten lief und dann wieder Pause machte.

Das war ein echter Impuls für die Pflanze. Sie reagierte darauf, indem sie stabiler wurde, stärkere Stiele ausbildete. „Oh, der Wind ist da, ich muss mich wappnen“, dachten die Pflanzen dann. Nicht zu viel, aber in guten Dosen half das tatsächlich.

Ich schob das Gestell unter den Leuchten zurecht, um Platz für die letzte Schale zu schaffen. Es war immer ein bisschen wie Tetris, wenn man die ganze Anzuchtstation bestücken wollte. Aber schließlich hatten auch die Zwiebeln ihren Platz gefunden, direkt neben Kohl und Salat. Wir hatten diese Zwiebeln übrigens extra früh ausgesät, für dieses Video.

Nicht, weil wir das im normalen Anbau so machen würden, nein. Für die Zwiebel reicht der Anbau auch Ende Januar oder sogar Ende Februar völlig aus. Aber wir wollten genau diese Situation zeigen – was passiert, wenn die Bedingungen nicht stimmen, und wie man die Pflanzen wieder aufpäppeln kann. Unser Ziel war es ja, dass nicht nur bei uns die Beete bunt und die Erntekörbchen voll und vielfältig waren, sondern auch bei euch.

Wenn ihr unser Saatgut kauft – biologische, samenfeste, bunte Sorten –, dann solltet ihr in den Videos nicht nur sehen, wie toll die Pflanzen aussehen. Ihr solltet die Erfahrung selbst machen, sie bei euch im Garten, in den Kübeln, auf dem Balkon oder der Terrasse anzubauen. Dafür waren diese Videos da. Wir wollten zeigen, was schiefgehen kann und wie man es wieder richtet.

Ich ließ meinen Blick noch einmal über die Reihe der Schalen unter den Leuchten schweifen. Der Salat, neu gepflanzt, die Kohlpflänzchen ebenfalls, und ganz am Rand die italienischen Zwiebeln. Jetzt hieß es warten, beobachten und in zwei Wochen Bilanz ziehen. Ob wir sie wirklich retten konnten, würde sich zeigen.

Die ersten Schritte waren getan: die richtigen Töpfe, die richtige Erde, die richtige Lichtmenge und die halbe Dosis Bodenaktivator. „So, ihr Lieben“, sagte ich schließlich, „dann warten wir mal gespannt, was in zwei Wochen daraus geworden ist. Die Pflanzen wissen, was sie zu tun haben.