An einem normalen Samstagabend im Oktober 2024 stand ich in einem Flur in London und wartete darauf, ins Schlafzimmer einer 23-Jährigen gerufen zu werden, die ich nur aus dem Internet kannte….

An einem normalen Samstagabend im Oktober 2024 stand ich in einem Flur in London und wartete darauf, ins Schlafzimmer einer 23-Jährigen gerufen zu werden, die ich nur aus dem Internet kannte....

Es ist Oktober 2024, und in einem Apartment in London, genauer gesagt in Notting Hill, läuft etwas an, das die Welt noch nicht gesehen hat. Draußen ziehen die Menschen durch die Straßen, die Cafés schließen langsam, und für die meisten ist es ein ganz normaler Abend. Kaum jemand ahnt, was hinter diesen verschlossenen Türen passiert. Drinnen, in einem Schlafzimmer, stehen Kameras aufgebaut.

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Im Flur warten Männer, viele Männer. Einige lachen nervös, andere schweigen, wieder andere gehen unruhig auf und ab. Sie alle warten auf ihren Moment, auf den Moment mit ihr. Die Tür geht auf.

Ein Mann wird hereingerufen, betritt den Raum, und dann geht die Tür wieder zu. Kurze Zeit später kommt er wieder heraus, und der Nächste wird hereingebeten. Und dann der Nächste. Und wieder der Nächste.

Die Stunden vergehen, draußen wird es dunkler, und irgendwann verschwimmen die Gesichter. Die Momente verschwinden, noch während sie passieren. Am Ende dieses Tages wird eine junge Frau sagen, dass sie sich nicht mehr wie ein Mensch gefühlt habe, sondern wie ein Roboter. Und trotzdem war all das geplant.

All das war freiwillig und öffentlich. Was bringt eine 23-Jährige dazu, sich so etwas anzutun? Wo verläuft die Grenze zwischen Selbstbestimmung und Selbstverlust? Und was sagt das über unsere Welt aus, über die Millionen Menschen, die zugesehen haben?

Die Frau heißt Lilli Philips. Sie ist jung, sie ist hübsch, und sie hat einen Plan, der sofort Aufsehen, Sorge und Wut erzeugt. Ein Plan, der alle Grenzen einreißen soll. Lilli will innerhalb von 24 Stunden mit 100 Männern schlafen, zwischen zwölf und fünfzehn Männern pro Stunde.

Jeder, der sie auf OnlyFans abonniert hat, über 18 Jahre alt ist und bereit ist, sich filmen zu lassen, kann sich bewerben. Sie sagt, es sei ihr egal, wie alt die Männer seien, von 18 bis 80 würde ihr alles passen, auch Größe oder Aussehen würden keine Rolle spielen. Interessierte müssen einfach nur einer Telefonnummer schreiben und ein Bild von ihrem Ausweis schicken. Das klingt total abstrus, und man könnte meinen, dass sich doch keiner meldet.

Aber die Wahrheit ist eine andere. Die Telefonnummer wird genutzt, und das viele Male. Eine Benachrichtigung nach der anderen ploppt auf dem Handybildschirm auf. Sie wollen alle dabei sein, Männer aus der ganzen Welt, aus Belgien, Barbados oder der Schweiz.

Tausende Bewerbungen landen in Lillis digitalem Postfach. Ein 18-Jähriger schreibt ihr, dass er spät dran sei, aber seine Jungfräulichkeit gerne mit ihr verlieren würde. Lillis Mission wird von Kameras begleitet, um ihre Geschichte in einer Dokumentation zu erzählen. Natürlich auch, um das Ganze zu monetarisieren und auf OnlyFans zu teilen.

Aber vor allem will sie damit ihren Abonnenten etwas zurückgeben. Im Moment läuft bei ihr eine Verlosung auf Instagram, ihre Art, etwas zurückzugeben. Lilli wählt eine andere Art. Ihre Fans lieben es zu sehen, wie sie wilde Dinge tut, und genau das bekommen sie mit dieser Challenge.

Sie ist erst 23 Jahre alt, ein Alter, in dem viele noch herausfinden, wer sie wirklich sind und was sie vom Leben wollen. Aber Lilli ist schon lange nicht mehr bloß Lilli, nicht mehr das Mädchen von nebenan. Hinter ihr steht ein ganzes Team. Ende 2024 hat sie neun Mitarbeiter, die sie unterstützen, und sogar einen eigenen Pressesprecher.

Sie spürt den Druck, gut auszusehen, besonders bei dieser Challenge. Die Männer haben sie online gesehen, und Lilli will sie im realen Leben nicht enttäuschen. Dann geht es los. Es ist der 19.

Oktober 2024. Mit diesen Worten startet sie in die Doku. Für den Moderator wirkt die Atmosphäre nervös. Es scheint, als hätte niemand einen wirklichen Plan dafür, wie es gleich ablaufen wird, und das bei einem so sensiblen und gefährlichen Thema.

Auch Lilli gibt zu, dass sie nervös ist, aufgeregt. Dann stellt jemand aus ihrem Team ein Babyphone im Schlafzimmer auf, eine Art Sicherheitssystem, mit dem sie währenddessen überprüfen können, dass es Lilli gut geht. Sie sagt, sie würde nicht gehen, ohne die 100 Männer geschafft zu haben, und sie will die Männer nicht zu lange warten lassen. Die Tür zu Lillis Schlafzimmer öffnet sich.

Der erste Mann tritt ein. Lilli spricht kurz mit ihm, dann zieht er sich aus, und danach verlässt er den Raum. Der Nächste kommt herein, wieder ein kurzes Gespräch, wieder ausziehen, wieder geht es los. Mann für Mann.

Es muss anstrengend sein, nicht nur körperlich, sondern auch emotional und psychisch. Und es scheint, als würde sich ab einem gewissen Punkt etwas verändern. Lilli selbst beschreibt es später so, dass sie sich gesichtslos und robotisch gefühlt habe, nicht mehr wie ein fühlender Mensch, dem Dinge weh tun können, sondern wie eine Maschine. Sie habe sich von sich selbst distanziert, und es habe sich nicht mehr normal angefühlt.

Später erinnert sie sich an gerade mal fünf, vielleicht zehn Männer. Wenn sie die Videos nicht hätte, hätte sie nicht gewusst, dass sie mit 100 Männern zusammen war. Viele sehen darin ein klares Zeichen dafür, dass ihr Körper versucht, sie vor einem Trauma zu schützen. Sie selbst erzählt, dass sie zwei Jahre lang in Therapie war, und dabei sei aufgefallen, dass sie sich an viele einschneidende Erlebnisse gar nicht mehr richtig erinnern kann.

Ihr Gehirn habe versucht, sie zu beschützen, die Erinnerungen beiseitegeschoben oder komplett gelöscht. Ein ähnlicher Effekt scheint jetzt auch bei Lilli einzutreten. Und doch hört sie nicht auf. Fast wie geistesabwesend macht sie weiter, die große Zahl vor Augen, die sie unbedingt erreichen will.

Nach etwa 30 Männern ist es nur noch Routine. Lilli dissoziiert, und sie denkt sich, das ist überhaupt nicht normal. Wird sie abbrechen? Merkt sie, dass das alles zu viel ist?

Irgendwann hat sie die 40er Marke geknackt, und sie denkt sich, ich bin noch nicht einmal bei der Hälfte. Es dauert alles länger, als sie geplant hat. Eigentlich wollte sie eine Pause machen, um etwas zu essen, aber das klappt nicht mehr. Die geplante Zeit mit den Männern ist längst überschritten, die Mittagspause fällt aus.

Draußen ist es dunkel, und Security-Männer gehen los, um Elektrolyte und Snacks zu besorgen, damit Lilli bei Kräften bleibt und weiter funktionieren kann. Es geht sofort weiter, keine Zeit für Pausen, die Kameras für OnlyFans laufen einfach weiter. Jede kleine Pause wird genutzt, damit Lilli kurz duschen oder sich einen Snack genehmigen kann. Ruhe hat sie keine, durchatmen kann sie nicht.

Ihr Team fragt sie angeblich ab und zu, ob sie eine Pause braucht, aber sie winkt nur ab und schickt den Nächsten rein. Ein Zauberkünstler versucht währenddessen, die Männer im Warteraum bei Laune zu halten, die dort Stunde für Stunde stehen, um einmal bei Lilli sein zu dürfen. Ein Mann nach dem anderen wird ungeduldig, manche verlassen das Gebäude, andere gehen hinein. Für viele Männer scheint es mehr zu sein als nur eine Challenge.

Sie glauben teilweise wirklich, Lilli zu kennen. Vielleicht haben sie ihr auf OnlyFans geschrieben, ihren Account abonniert, ihre Bilder gesehen, ihr Geld geschickt. Viele fühlen sich ihr sehr nah. Das Phänomen der parasozialen Beziehung ist bekannt.

Unser Gehirn kann nicht zwischen realen, beidseitigen und einseitigen Beziehungen unterscheiden. Manche Männer verlieben sich in die Models, und wenn sie sich Hoffnungen bei Lilli machen, gehen sie vielleicht über ihre eigenen Grenzen hinaus, vernachlässigen ihre echten Beziehungen oder riskieren, zu Hause rausgeworfen zu werden. Wieder andere geben viel zu viel Geld bei OnlyFans aus, für einen Chat, ein Bild, ein paar Minuten Aufmerksamkeit. Die meisten großen Creatorinnen schreiben gar nicht selbst mit ihren Abonnenten, sondern haben ein Social-Media-Team, das alles übernimmt.

Die Männer haben das Gefühl, mit Lilli zu schreiben, dabei sind es irgendwelche Assistenten, die antworten. Einer der Männer erzählt, dass er Lilli von Anfang an kennt und nie gedacht hätte, dass er sie in echt treffen würde. Dafür ist er extra aus der Schweiz nach London geflogen und hat insgesamt 800 Pfund ausgegeben, um einer von 100 zu sein. Ein anderer Mann gibt zu, nervös zu sein, weil sein Vater ihn rausschmeißen würde, wenn jemand davon erführe, was er hier tut.

Es steht einiges auf dem Spiel, und doch hat er es getan. Ein anderer Mann bringt Lilli sogar eine Rose mit, als wäre es ein erstes Date. Wer aber steckt wirklich hinter Lilli Philips? Hatte sie Probleme in ihrer Kindheit, oder ist es der Einfluss von Social Media?

Oder sehen wir das alles ganz falsch? Was, wenn es wirklich eine bewusste Entscheidung ist, wenn Lilli wirklich Spaß daran hat? Und wenn sie ihren Job selbstbewusst und reflektiert ausübt, dürften wir sie dann verurteilen? Lilli kommt in Derbyshire zur Welt, am 23.

Juli 2001. Ihr Sternzeichen ist der Löwe, und ein Löwe liebt das Rampenlicht, ist extrovertiert, energisch, beharrlich, kreativ, stolz und charismatisch. Das passt zu Lilli. Ihrer Familie ist der Glaube wichtig, sie sind sehr religiös, ein Familienmitglied ist sogar Pfarrer.

Die Familie besucht regelmäßig die Kirche, und die kleine Lilli wird katholisch getauft. In dem malerischen Dorf Denby wächst sie auf, macht ihre ersten Schritte, sagt ihre ersten Worte, und die Zeit vergeht. Die Familie hält zusammen, Lilli hat einen Bruder, und ihre Eltern wirken glücklich. Der Vater startet als Reinigungskraft und baut sich eine eigene Firma auf, als Lilli zehn Jahre alt ist.

Die Mutter arbeitet als Immobilienmaklerin. Das Ehepaar will seinen Kindern etwas Schönes bieten: ein geräumiges Haus mit vier Schlafzimmern, Zugang zu privater Bildung, zweimal im Jahr Urlaub. Im Winter geht es in den Skiurlaub, im Sommer steht die nächste Reise an. In der Einfahrt stehen teure Autos.

Lilli selbst sagt einmal, ihre Eltern liebten es, sie zu verwöhnen, sie habe ein sehr angenehmes, glückliches Leben gehabt, eine perfekte Kindheit mit tollen Eltern. Sie habe die Kreativität und die Arbeitsmoral von ihrem Vater geerbt. Lillis Bruder besucht eine Privatschule, sie selbst entscheidet sich für eine normale Schule, weil sie Privatschulkinder ein bisschen komisch findet und Angst hat, dass die anderen dort schlauer wären als sie. Auf der John Flamsteed Community School ist sie eines der beliebten Mädchen, hat einen engen Freundeskreis und wird als sehr lustig beschrieben.

Sie träumt davon, eines Tages wie ihre Tante eine eigene Brautkleiderboutique zu haben, einen Ort, an den verliebte Menschen kommen, um das perfekte Kleid für den perfekten Tag zu finden. Auch als Jugendliche wirkt Lilli eher konventionell, sitzt gerne vor dem Fernseher, schaut SpongeBob Schwammkopf, spielt mit Freunden Netball, und ihre Eltern fahren sie zum Sportverein oder ins örtliche Kletterzentrum. Ein Nachbar erinnert sich an die Familie Philips als nett, freundlich und fleißig, sie hätten ein bisschen Geld gehabt, aber nicht großspurig gewirkt. Zu Weihnachten hängen Lilli und ihr Bruder ihre Strümpfe für den Weihnachtsmann auf, auch später noch, als sie schon erwachsen sind.

Kurz vor ihrem 18. Geburtstag verliebt sich Lilli zum ersten Mal und verliert ihre Jungfräulichkeit in ihrer ersten Beziehung. Sie wollte warten, bis sie soweit ist, und das hat sie getan. Nach der Schule beginnt sie ihr Studium an der University of Sheffield, Ernährungswissenschaften.

Das Leben an der Uni ist aufregend, neue Freunde, neue Erfahrungen. Dann kommt die Coronapandemie. Die Kurse finden nur noch online über Zoom statt, und das funktioniert nicht so richtig, oft scheitert es schon am Einloggen. Viele Menschen fühlen sich einsam, auch Lilli.

Sie überlegt sich eine Nebenbeschäftigung, um etwas Geld dazu zu verdienen. Sie hat schon mehrere Nebenjobs gehabt und ein bisschen Social Media gemacht, aber der Job, den sie jetzt im Sinn hat, hat nichts mit Regale auffüllen oder E-Mails beantworten zu tun. Sie erzählt einmal, dass sie ihr erstes Erwachsenenfilmchen schon mit 13 gesehen und sich schon in jungen Jahren für Sexualität interessiert habe, mehr als ihre Freunde. In der Schule habe sie immer darüber gesprochen.

Jetzt überlegt sie, aus ihrer aufgeschlossenen Art Gewinn zu machen. Wenn sie während der Pandemie schon nicht in ihre Kurse kann, kann sie ihre Zeit in OnlyFans investieren. Es fängt harmlos an, mit Fotos in Bikinis, in Unterwäsche, in einem schicken BH. Sie denkt sich, sie könnte ein paar hundert Pfund verdienen, ein paar Runden Drinks spendieren.

Aber schnell merkt sie, dass dieser Nebenjob Potenzial hat. Allein im ersten Monat verdient sie fast 2300 Euro. Als sie damit anfing, dachte sie, sie hätte einen Fehler in der Matrix gefunden und könnte Geld verdienen mit dem, was sie liebt. Sie beschreibt es später so, als würde sie wie eine Schauspielerin eine Rolle einnehmen.

Also trifft sie eine Entscheidung: Das Studium wird abgebrochen, direkt neben den Traum von der Brautkleiderboutique. Aus dem Nebenjob wird ein Vollzeitjob. Ihre Eltern haben angeblich von Anfang an gewusst, was Lilli tut. Sie habe es ihnen nie verheimlicht, sondern sei ihnen gegenüber sehr offen gewesen.

Aber Eltern bleiben Eltern, und sie machen sich Sorgen. Sie wollen ihrer Tochter nicht verbieten, aber sie hoffen, dass sie sicher ist und gute Entscheidungen trifft. Am 19. Oktober 2024 setzt Lilli ihren Plan in die Realität um.

Einige Quellen schreiben von 100, andere von 101 Männern, innerhalb von 14 Stunden. Auf dem Boden liegen überall Kondompackungen, der Raum ist verwüstet, der Geruch unangenehm. Lilli ist müde, ihre Augen brennen. Sie sagt, nach stundenlangen Stellungen hätten ihr Körper und Glieder wehgetan, sie fühle sich, als wäre sie von einem Bus überfahren worden.

Die Doku über ihre Mission geht online, moderiert von Josh Peters, und das Video geht durch die Decke. Aktuell hat es fast 13 Millionen Aufrufe. Das Video beginnt fast harmlos, sympathisch, freundlich. Lilli erzählt, wie sie zu ihrem Job gekommen ist, zeigt ihr Setup im Schlafzimmer, stellt ihre Kamera auf oder lässt sich von ihrer Assistentin filmen, um die besten Winkel einzufangen.

Für sie sei es nicht seltsam, dabei gefilmt zu werden. Dann präsentiert sie ihre Spielzeugsammlung, lacht und lächelt. Zu dem Zeitpunkt wirkt es, als wäre sie wirklich glücklich und hätte ernst Spaß daran. Josh begleitet sie bei den Vorbereitungen für den großen Tag, sie gehen zusammen Unterwäsche shoppen.

Sie gibt Einblicke in ihr Leben als OnlyFans-Creator, sagt, sie würde personalisierte Aufträge priorisieren, Videos, in denen sie den Namen eines Kunden sagt. Einige Männer, die ihr schreiben, würde sie kennen, sie seien zusammen zur Schule gegangen oder Freunde ihres Vaters. Und doch würde sie immer versuchen, professionell zu bleiben. Manchmal würden sich die Männer nur unterhalten wollen, aber andere Male sei ihr Job beängstigend.

Einige Anfragen seien zu viel, so solle sie einmal gefragt worden sein, ob sie sich eine Tüte über den Kopf ziehen und so tun könne, als würde sie ersticken. In der Doku sieht man auch, wie es Lilli nach den 100 Männern geht. Von der Leichtigkeit und dem Lächeln ist nichts mehr zu erkennen. Leise sagt sie, ehrlich gesagt sei es nichts für schwache Nerven, es sei echt hart gewesen, sie wisse nicht, ob sie es empfehlen würde.

Ihr fehlen die Worte, sie kann es nicht richtig erklären. Am Ende der Doku steht sie vor der Kamera, sieht erschöpft und mitgenommen aus, die Augen blutunterlaufen, ihr Körper zittert. Es sei ein ganz anderes Gefühl gewesen, einfach einer rein, einer raus, es fühle sich intensiver an. Dann laufen Tränen ihre Wangen herunter, sie zieht sich zurück, aber man kann ihr Schluchzen noch hören.

Hat Lilli gemerkt, dass es ein Fehler war? Bereut sie es? Sie selbst sagt später, dass sie kein Opfer sei. Die Tränen seien nicht wegen der Männer geflossen, sondern wegen des Stresses, wegen der Kameras.

Sie sei nach alldem extrem überfordert gewesen. Es sei sehr intensiv gewesen, nachdem sie einen vierzehnstündigen Stunt beendet hatte, und dann sei das Kamerateam hereingekommen und hätte angefangen, sie mit Fragen zu bewerfen. Sie sei einfach erschöpft gewesen. Sie spricht aber auch von dem Druck, den sie gespürt hat, den Druck, die Männer befriedigen zu müssen.

Doch sie hatte nicht genug Zeit, einige musste sie wegschicken, bevor sie fertig waren. Das habe ihr Leid getan. Einige Männer hätten gesagt, du bringst mich nicht zum Höhepunkt, ich bin extra so weit gereist. Das habe ihr ein schlechtes Gewissen gemacht.

Sie habe den Männern fünf Minuten versprochen, aber es wären nur zwei oder drei gewesen, und anschließend habe sie sich Vorwürfe anhören müssen. Es sei hart gewesen, die Menschen zu enttäuschen. Die Kritik ist laut, nicht nur gegen Lilli, sondern vor allem gegen die Männer. Es wird geschrieben, dass jeder Mann, der an der Folter dieser Frau beteiligt ist, eingesperrt werden sollte.

Ein Artikel geht sogar so weit, von 100 Vergewaltigern für Lilli zu sprechen. Durch die Teilnahme an dem Projekt würden Männer unterstützen, dass eine Frau sexualisiert und zum Objekt gemacht wurde. Lilli selbst macht klar, dass sie kein Opfer sei und dieses Mitgefühl nicht verdiene. Alles sei einvernehmlich passiert.

Eine andere Frage steht im Raum: Wie gefährlich war das Ganze? Lilli macht in der Doku ein erschreckendes Geständnis. Sie habe nicht gewusst, dass HIV theoretisch auch durch Oralverkehr übertragbar sei, auch wenn das Risiko geringer ist. Sie habe sich darüber vorher keine Gedanken gemacht.

Dabei ist diese Krankheit nicht zu unterschätzen. Man könnte meinen, dass solche Dinge vor so einem Projekt besprochen werden. Lilli gibt zu, naiv gewesen zu sein, aber sie sei sich der möglichen Konsequenzen bewusst. Sie sagt, sie wisse, was passieren kann, wenn man es hat, aber schlimme Dinge könnten jeden Tag passieren.

Sie könnte Krebs bekommen und morgen sterben. Die Männer hätten sich auf Geschlechtskrankheiten testen lassen müssen, aber eben nicht alle. Einige Männer haben kurz vorher abgesagt, und so mussten andere, nicht getestete Männer einspringen. Laut Lilli sei ein solcher Rekord ohne Kompromisse sowieso nicht möglich.

Außerdem haben sie die Männer nicht wirklich überprüft, ihre Strafregister nicht gecheckt, und das bei Männern, die so nah an Lilli dran waren. Es hätten potenziell gefährliche Männer sein können, mit Rachegelüsten oder Frauenhass. Vor einer Schwangerschaft hat sich Lilli geschützt, sie nimmt die Pille, und die Männer haben Kondome getragen, zumindest meistens. Einige Tage nach der Aktion soll Lilli ein Kondom gefunden haben, das einer der Männer in ihr verloren hat.

Finanziell hat sich der Stunt für Lilli auf jeden Fall gelohnt. Allein in dem Monat, in dem die Leute ihre Doku und ihre Tränen gesehen haben, hat sie fast eine Million Euro verdient, und vermutlich hat ihr das Ganze auch einen richtigen Follower-Boost beschert. Einige Zeit vergeht, doch die Menschen reden noch immer über Lilli. Dann verkündet die 23-Jährige die nächste große Neuigkeit.

Es soll noch skandalöser werden, noch extremer. Sie möchte ihren eigenen Rekord brechen. Die 100 Männer seien bloß ein Warm-up gewesen. Auf TikTok sagt sie, dass sie Anfang Februar nächsten Jahres den Weltrekord angehen wird, auf 1000.

Sie möchte die erste Person sein, die an einem Tag mit 1000 Männern zusammen ist. Der bisherige Rekord liegt bei 919 Männern an einem Tag. Die Vorbereitungen sind im Gange, ihre Assistentin klickt sich durch die Bewerbungen, und es sind wieder einmal nicht wenige. Etwa 5000 Männer haben sich gemeldet, die mit Lilli schlafen wollen.

Lilli sagt, das Ganze solle so schnell wie möglich gehen, ein Rein und Raus, sie vergleicht es mit einem Förderband, mit einem Abarbeiten. Doch dann kommt jemand dazwischen: Bonnie Blue. Bonnie schläft mit 1057 Männern in 12 Stunden, ein neuer Weltrekord. Damit hat sie Lillis Plan und ihren Rekord geklaut.

Zwischen den beiden wird es hitzig, ein absurder Machtkampf entbrennt. Dann, Ende Juni 2025, die Ankündigung: Lilli erzählt auf TikTok, dass sie gestern mit 1113 Männern in nur 12 Stunden zusammen war, 56 Männer mehr als ihre Konkurrentin. Wenn das stimmt, hätte sie 38 Sekunden pro Mann gehabt. Drei Minuten, die sie brauchte, um zu trinken, zu essen oder zur Toilette zu gehen, waren da nicht.

Duschen konnte sie zwischen den Männern angeblich nicht. Und mit dieser Aktion ist scheinbar immer noch nicht genug. Bald folgt die nächste Ankündigung: Sie werde mit 10. 000 Personen in einer Woche schlafen, oder in ein paar Tagen, oder wie lange sie auch immer brauchen werde.

Lillis Job hat ihr Leben verändert. Sie soll bereits ihr erstes Haus im Wert von 1,7 Millionen Euro besitzen, in der Nähe einer malerischen Kirche, mit großem Garten und riesigem Esszimmer, bar bezahlt. Auch ihren Eltern kann sie etwas zurückgeben, sie kauft ihr Traumauto, einen eleganten, schwarz glänzenden Porsche. Aber ist es das wert?

Manchmal, wenn Lilli bei ihren Freunden sitzt, alle mit ihren Partnern, und sie liest Kommentare wie „Dich wird nie jemand heiraten“, dann fühlt sie sich einsam. In solchen Momenten fragt sie sich, ob sie wirklich das Richtige tut. Jeden Tag wird ihr Aussehen kritisiert, sie selbst spricht von Unsicherheiten. Im Dezember 2025 kündigt sie eine Operation an, um etwas gegen ihre langen Zehen zu tun.

Und es wäre nicht das erste Mal, dass Lilli sich unters Messer legt. 2021 hat sie eine Labioplastik machen lassen, 6000 Euro, dazu ein Kinnimplantat für 16. 000 Euro. Nach der OP sei ihr Kiefer lange geschwollen gewesen.

Es folgt eine Fettabsaugung mit Bauchkonturierung für 13. 500 Euro, ein Brazilian Butt Lift für 16. 000 Euro. Und das, obwohl Lilli gerade mal Anfang 20 ist und wunderschön.

Und doch scheint es nie genug zu sein, immer muss das nächste Level erreicht werden. Viele Menschen kritisieren Lilli, und das sei für sie der schwerste Part. Menschen würden über sie urteilen, ohne sie jemals kennengelernt zu haben. Banken wollten sie nicht als Kundin, ihr Instagram-Account wurde gesperrt.

Sie sagt, niemand möge, was du tust, und alle denken schlecht von dir. Außerdem sei es schwer, echte Freunde zu finden, die meisten würden sie nur als Online-Star sehen, nicht als den Menschen dahinter. Trotz der Kritik geht es für Lilli weiter, weitere Challenges werden aufgestellt, die Grenzen immer weiter nach oben verschoben. Sie ruft dazu auf, dass sich Männer in ihren 80ern bei ihr melden sollen, und kündigt eine Challenge in einem Altenheim an.

Dieser Stunt scheint allerdings gefälscht gewesen zu sein, die älteren Herren waren Darsteller, und es war kein richtiges Pflegeheim, sondern ein Filmset. Bei einer weiteren Challenge schläft Lilli angeblich mit LKW-Fahrern, die sie einfach an einer Tankstelle rekrutiert, mit Schildern, auf denen steht, dass horny LKW-Fahrer gesucht werden. Es gibt auch ein Projekt an einer Universität, bei dem sie mit einer Kollegin frischen Abiturienten etwas übers Leben beibringen will. Ihren Bodycount kennt Lilli selbst nicht mehr, sie schätzt ihn im hohen Tausenderbereich.

Und da stellt sich noch einmal die Frage: Wie freiwillig kann das alles sein? Wie freiwillig sind Schönheitsoperationen? Der Druck in der Branche ist enorm, man muss sich abheben, höhere Zahlen erreichen, noch attraktiver aussehen. Josh Peters spricht mit dem OnlyFans-Model Alex Le Tiser, die erzählt, dass sie mit OnlyFans angefangen habe, weil sie sehr arm war.

Es sei komplettes Neuland für sie gewesen, sie habe noch nie jemandem ein Nacktbild geschickt, und plötzlich zieht sie sich vor der Kamera für fremde Männer aus. Am Anfang waren es nur Bikini-Fotos, doch es sei schnell mehr geworden, bis sie sogar vor der Kamera masturbierte. Sie sagt, es gibt vieles, was sie bereut. Sie findet es beängstigend, dass andere immer höher, immer schneller und immer weiter gehen mit unglaublichen Aktionen, die Erwartungen würden immer größer.

Sie erzählt, das Problem sei, dass, wenn man sich entscheidet, sich selbst zu objektifizieren, es ist, als würde man einen Pakt mit dem Teufel eingehen. Niemand wird einen mehr als Menschen sehen, man ist wie eine Melkkuh. Lilli behauptet, am Ende des Tages vergessen die Leute, dass es auch ihre Fantasie ist und dass sie das wirklich genießt und möchte. Sie wollte das schon immer mal machen, bevor sie überhaupt in der Branche war.

Psychologin und Psychotherapeutin Dania Schiftan sagt in einem Interview, dass es auch eine Art Selbstverletzung sein könne, wenn Sexualität dazu genutzt wird, sich selbst zu schaden oder emotionale Wunden zu betäuben. Wenn die Intimität nicht mehr aus dem eigenen Bedürfnis entsteht, sondern aus dem Ziel, Erwartungen zu erfüllen, dann könnte es zu einer Belastung werden. Lilli meinte ja selbst, dass sie sich nicht an alle Männer erinnern kann. Die Psychologin erklärt, dass das Gefühl, die Erlebnisse nicht verarbeiten zu können, darauf hindeuten würde, dass sie sie vielleicht als bedrohlich oder belastend empfunden hätte.

In einem Gespräch mit der BBC erzählen Lillis Eltern, dass sie sich wünschen würden, dass sie OnlyFans endlich verlässt. Ihr Vater sagt, wenn es etwas gäbe, das sie tun könnten, um ihren Beruf zu ändern, würden sie es über Nacht tun. Manchmal denken sie, dass sie mit ihrer Erziehung etwas falsch gemacht haben. Sie hätten nichts als schöne Zeiten und Liebe gehabt.

Wenn es um Geld ginge, würden sie ihr Haus verkaufen. Du kannst alles haben, was du willst, Lilli, wenn du das jetzt aufgibst. Bei all dem wird ein Mensch schnell vergessen, der Mensch hinter Lilli Philips. Lilli, eine ganz normale junge Frau.

Eine Frau, die gegen ihren inneren Schweinehund kämpfen muss, um sich fürs Gym aufzuraffen. Eine Frau, die gerne auf der Couch sitzt und Harry Potter schaut, die ihren Hund überall hin mitnimmt. Sie kocht gerne Nudeln und lässt sie verbrennen. Ab und zu läuft sie in Jogginghose im Gammel-Look herum, zeigt die Unordnung in ihrem Zimmer, und gibt zu, dass es ihr peinlich ist, Toilettenpapier zu kaufen.

Mit 50 sieht sie sich verheiratet, mit Kindern, in einem schönen Haus auf dem Land. Es ist schwer, zu einem klaren Fazit zu kommen. Es ist nicht schwarz-weiß. Lilli sagt, sie würde es aus eigener Entscheidung tun.

Frauen, die ihr Ding machen, ihren Weg wählen, egal was andere sagen. Aber ab wann ist etwas wirklich frei gewählt? Wir alle werden täglich beeinflusst von unserem Umfeld, von unseren Sorgen, von Social Media. Vielleicht hat man im Kopf, was sich die Eltern wünschen, oder man sieht jemanden auf Instagram, der super erfolgreich ist, und möchte das nachahmen.

Und es gibt Tage, an denen man vergisst, dankbar für das zu sein, was man hat, weil man mit so viel anderem konfrontiert wird. Vielleicht verliert man sich dann in solchen Stunts und Challenges, konkurriert mit einer Bonnie Blue, und auf einmal hat man das Gefühl, man muss noch mehr machen, noch weitergehen. Kann man dabei wirklich noch auf die eigenen Grenzen aufpassen? Oder ist es Teil des Berufs, sie permanent einzureißen?

Man hofft von Herzen, dass Lilli wirklich glücklich und zufrieden ist. Doch die Bilder aus der Doku zeigen eine andere Seite.