„Sie können doch nicht glauben, dass ich eine Frau wegen einer Tasse Kaffee umbringe“, dachte Manfred Genditzki jeden Abend, wenn er in seiner Zelle lag. Und genau mit diesem Gedanken wachte er auch jeden Morgen wieder auf. Vierzehn Jahre lang. Vierzehn Jahre, in denen er zweimal wegen Mordes verurteilt wurde.

Vierzehn Jahre, in denen er alles verlor: seine Freiheit, seinen Ruf, sein altes Leben. Seine Frau Mariya aber verlor nie den Glauben an ihn. Sie kämpfte. Und sie fand Verbündete, die ebenfalls davon überzeugt waren, dass hier ein Justizirrtum vorlag.
Es begann alles an einem kalten Oktobertag im Jahr 2008. In Rottach-Egern am Tegernsee, einem der wohlhabendsten Orte Bayerns, lebte die 87-jährige Lieselotte Kortüm zurückgezogen in ihrer Zweizimmerwohnung. Die alte Dame war alleinstehend, hatte keine Kinder, keine Geschwister, keine nahen Verwandten. Mehrere Erkrankungen machten sie hilfsbedürftig, und so kam täglich ein Pflegedienst vorbei, um nach ihr zu sehen.
Auch am 28. Oktober 2008 sollte eine Mitarbeiterin des Pflegedienstes am Abend vorbeikommen. Doch als die junge Frau gegen 18. 30 Uhr vor der Wohnungstür stand, stockte ihr der Atem.
Im Türschloss steckte von außen ein Schlüsselbund. Das war ungewöhnlich. Bisher hatte sie immer klingeln oder klopfen müssen, und Frau Kortüm hatte geöffnet. Diesmal aber kam niemand.
Die Pflegerin betrat die Wohnung und rief nach der alten Dame. Keine Antwort. Sie durchsuchte die Räume, bis sie ins Badezimmer kam. Dort bot sich ihr ein grauenvoller Anblick.
Lieselotte Kortüm lag kopfüber und vollständig bekleidet in der Badewanne. Das Wasser lief noch. Die junge Frau, gerade erst zwanzig Jahre alt und offenbar überfordert mit der Situation, handelte nicht wie geschultes Personal. Sie rief nicht den Notarzt, sondern erst ihre Kollegin an.
Erst als die erfahrenere Schwester eintraf, wurde der Notarzt alarmiert. Doch da war es bereits zu spät. Manfred Genditzkis Bruder, der in der Nähe wohnte, erinnerte sich später bitter: „Die hätte eigentlich Erste Hilfe machen sollen. Aber die Frau war überfordert.
Die hat die da drin liegen lassen. Bis dann die richtige Schwester da gekommen ist, da war’s zu spät. “ Auch Genditzkis Frau Mariya packte die Wut, wenn sie daran dachte: „Einerseits verstehe ich das, dass ein junges Mädchen reinkommt, einen Schock bekommt. Aber sie ist geschultes Personal.
Da muss ich doch erst mal den Notarzt anrufen und nicht meine Kollegin! Die Frau hat meines Erachtens zu der damaligen Zeit noch gelebt. “
Der Notarzt, der kurz darauf eintraf, konnte nur noch den Tod von Lieselotte Kortüm feststellen. Er alarmierte die Einsatzzentrale der Polizei.
Zwanzig Minuten später wurde die Kripo in Miesbach informiert: In Rottach-Egern liege eine Frau tot in der Badewanne. Als die Kripobeamten um 20. 30 Uhr in der Wohnung eintrafen, kam ihnen die Lage der Leiche merkwürdig vor. Die alte Dame lag seltsam verrenkt in der Wanne, das Gesicht nach unten.
Die Beamten entschieden, die Situation so zu belassen, wie sie war, und die Leiche bis zur Entscheidung der Kriminalpolizei in der Wanne zu lassen. Es sollte drei Stunden dauern, bis die Tote aus dem Wasser gehoben wurde. Raumtemperatur, Wassertemperatur und Leichentemperatur wurden nicht gemessen. Auch ein Rechtsmediziner wurde nicht zum Fundort gerufen.
Diese Versäumnisse sollten später eine entscheidende Rolle spielen. Manfred Genditzki war zu dieser Zeit Hausmeister in genau jener Wohnanlage, in der Lieselotte Kortüm wohnte. Er lebte mit seiner Frau Mariya und seiner Familie in der Hausmeisterwohnung in derselben Straße. Die alte Dame hatte niemanden, und so klammerte sie sich besonders an ihn.
Er erledigte für sie Einkäufe, fuhr sie zum Friseur oder zum Arzt, kochte ihr Kaffee und machte ihre Abrechnungen. Sie rief ihn manchmal mehrmals am Tag an. Dafür honorierte sie seine Dienste auch. „Sie war schon speziell“, erinnerte sich sein Bruder.
„Aber er hat immer geholfen. Immer. Nicht nur seine Hausmeistertätigkeit, sondern auch privat. “ Die Friseurin Brigitte Gloggner, die Lieselotte Kortüm zwanzig Jahre lang betreut hatte, beschrieb die alte Dame als wohlhabend und bestimmend.
„Sie war von einer guten Familie. Sie hat mir Bilder von früher gezeigt, was sie früher alles gehabt haben. Firma, große Wagen, Chauffeur. Aber sie hat den Tod ihres Mannes nicht gut verkraftet und gesundheitlich sehr abgebaut.
“ Die Bekannte Jutta Bönecke ergänzte: „Frau Kortüm war eine total nette Person. Sie war eine Geschäftsfrau. Ihr Auftreten war sehr bestimmend. Aber wenn man Leute kennt, die Geschäfte haben, dann weiß man: Ja, die haben so ein Auftreten.
“
Am Tag ihres Todes, dem 28. Oktober 2008, holte Manfred Genditzki die alte Dame mittags aus dem nahegelegenen Krankenhaus Agatharied ab. Sie war einige Tage dort gewesen. Er fuhr sie nach Hause, half ihr aus der Tiefgarage die drei Treppen hinauf in ihre Wohnung, kochte ihr Kaffee und machte mit ihr die Abrechnung für die Ausgaben, die er für sie getätigt hatte.
Dann verabschiedete er sich, weil er am Nachmittag seine eigene Mutter im Krankenhaus besuchen wollte. Er versuchte noch, den Pflegedienst zu benachrichtigen, dass Frau Kortüm wieder zu Hause sei. Doch er hatte die Nummer nicht parat. Er rief beim Hausarzt an, hörte aber nur den Anrufbeantworter und legte wieder auf.
Zehn, zwanzig Sekunden später versuchte er es erneut, wieder nur der Anrufbeantworter. Schließlich rief er aus dem Auto die Auskunft an und ließ sich mit dem Pflegedienst verbinden. Dieses Gespräch wurde registriert. Gegen 15.
30 Uhr kaufte er in einem nahegelegenen Supermarkt für die alte Dame ein, unter anderem Damenbinden und Schokolade. Ein Kassenbon belegte später exakt die Uhrzeit. Danach fuhr er mit seiner Familie erneut ins Krankenhaus, diesmal um seine eigene Mutter zu besuchen. Gegen 20.
30 Uhr kehrte die Familie zurück. Als Mariya Genditzki an diesem Abend mit ihrem Mann nach Hause kam, wunderte sie sich. Vor der Wohnung von Frau Kortüm stand der Wagen des Pflegedienstes. „Wir haben uns noch gewundert, wieso sie so spät ist“, erinnerte sie sich.
Und dann sah sie etwas Komisches: In der Wohnung der alten Dame brannte noch Licht. „Um diese Uhrzeit hat sie eigentlich das Licht aus. “ Kurze Zeit, nachdem das Ehepaar die eigene Wohnung erreicht hatte, meldete sich die Polizei bei ihnen. Der Hausmeister solle zur Wohnung von Frau Kortüm kommen.
Manfred Genditzki ging hinüber. Er wollte helfen, wollte seinen Beitrag dazu leisten, herauszufinden, was der alten Dame passiert war. Also redete er. Und redete.
Er erzählte den Beamten ungefragt von seinem Tagesablauf, holte sogar den Kassenbeleg vom Supermarkt hervor, um zu belegen, wo er zu welcher Zeit gewesen war. Er plapperte wie ein Buch, wie es später in den Akten hieß. Die Polizisten wurden misstrauisch. Warum rechtfertigte sich dieser Mann so ausführlich, ohne dass ihn jemand beschuldigt hatte?
Wenig später übergab er den Ermittlern auch noch Schmuck, den er angeblich von Frau Kortüm geschenkt bekommen hatte. Das alles machte ihn in den Augen der Beamten verdächtig. Hans Holzhaider, 40 Jahre lang Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und 25 Jahre davon Gerichtsreporter, sagte später über diesen Fall: „Das Besondere am Fall Genditzki ist die einzigartige Art und Weise, wie sich das Gericht über den Grundsatz ‚Im Zweifel für den Angeklagten‘ hinweggesetzt hat. Das war etwas, wie ich es in dieser Form in den vielen Jahren, die ich Gerichtsreporter war, nicht erlebt habe.
“
Noch in derselben Nacht wurde Lieselotte Kortüm in die Rechtsmedizin München gebracht. Am nächsten Tag, um 14. 20 Uhr, wurde sie obduziert. Die Münchener Rechtsmediziner führten die Sektion routiniert durch.
Sie protokollierten lediglich zwei Einblutungen unter der Kopfhaut, maßen ihnen aber keine Bedeutung bei. Sie gingen von einem Unfall in der Badewanne aus, von einem häuslichen Sturz. Es gab keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden. Deshalb wurde die Leiche noch am selben Tag für die Einäscherung freigegeben.
Lieselotte Kortüm wurde eingeäschert. Es gab keine zweite Untersuchungsmöglichkeit mehr. Doch die Kripo gab nicht auf. Drei Wochen nach der Obduktion beauftragte eine ermittelnde Kriminalbeamtin den zuständigen Münchener Rechtsmediziner, sich das Badezimmer noch einmal genau anzuschauen.
Die Leiche war zu diesem Zeitpunkt bereits eingeäschert. Der Rechtsmediziner besichtigte den Tatort. Er legte sich sogar selbst in die Badewanne, um nachzuspielen, wie der Sturz gewesen sein könnte. Und plötzlich fiel ihm ein, dass die zwei Blutergüsse am Kopf von Frau Kortüm vielleicht doch nicht von einem Sturz, sondern von einer massiven Gewalteinwirkung stammen könnten.
Er korrigierte sein Gutachten. Aus einem Unfall wurde Fremdverschulden. Regina Rick, die spätere Strafverteidigerin Genditzkis, kritisierte diese Vorgehensweise scharf: „Er macht erst die Obduktion und findet dann nichts. Dann wird er von der Kripo gebeten, noch mal den Tatort zu besichtigen, was dann damit endet, dass er sich selbst in die Wanne legt, um nachzuspielen, wie das gewesen sein könnte.
Und plötzlich weiß er ganz genau, dass da zwei frische Blutungen unter der Kopfhaut von Frau Kortüm sind. Das fällt ihm also drei Wochen später ein, und zwar Einblutungen, die auf eine massive Gewalteinwirkung hindeuten. “
Die Ermittler brauchten nun ein Motiv. Sie konstruierten eines: Der Hausmeister habe sich an der alten Dame bereichern wollen.
Er habe etwas aus der Wohnung mitgenommen oder gehofft, etwas zu erben. Deshalb habe er sie umgebracht. Peter Janssen, damals Bürgermeister von Tegernsee und später Rechtsanwalt, fasste die Ermittlungsthese zusammen: „Die Ermittler haben angenommen, der Herr Genditzki, der als Hausmeister dort gearbeitet hat, der hätte sich bereichern wollen, der hätte irgendetwas aus der Wohnung mitgenommen oder irgendwas erben wollen. Jedenfalls hätte er aus Bereicherungsgründen sie umgebracht.
“
Manfred Genditzki wurde immer wieder von der Polizei befragt. Bereits im Januar 2009 sollte er nicht mehr als Zeuge, sondern als Beschuldigter bei der Kripo aussagen. Die Familie wurde überwacht. „Wir wurden alle abgehört.
Alle. Sogar meine ältere Tochter. Alle“, erinnerte sich Mariya Genditzki. „Dann kam immer so ein Knacken im Telefon.
Die müssen uns schon, glaube ich, ab Oktober abgehört haben. “ Auch der gut befreundete Fred Vespermann geriet ins Visier der Ermittler. Die Beamten fanden heraus, dass Genditzki ihm kurz vor Lieselotte Kortüms Tod eine größere Summe Geld zurückgezahlt hatte. Vespermann wurde beschuldigt, Genditzki aufgefordert zu haben, der alten Dame den Schmuck abzunehmen, und er würde ihn dann zu Geld machen.
Sein Haus wurde durchsucht, von Polizisten aus Bayern und aus Neubrandenburg. „Ich war beschuldigt der Beihilfe zum Betrug und der Anstiftung zu einem Vergehen“, erinnerte sich Vespermann traumatisiert. Am 14. Januar 2009, 78 Tage nach dem Tod von Lieselotte Kortüm, ordnete der Staatsanwalt die Durchsuchung der Wohnungen der Familie Genditzki an.
Auch bei Genditzkis Mutter wurde die Wohnung durchsucht. Sie fanden nichts. Manfreds Bruder, der die Durchsuchung miterlebte, nahm es zunächst nicht ernst: „Natürlich nichts gefunden. Und ich habe das alles noch so ein bisschen locker gesehen, weil ich dann so Verstecke hatte, wo ich dann gesagt habe: Wollt ihr nicht auch mal hier reinschauen, ob da noch vielleicht Schmuck liegt?
Ich habe das wirklich alles noch ein bisschen ins Lächerliche gezogen, weil ich mir nie vorstellen konnte, dass mein Bruder beschuldigt wird. “ Seine Frau Mariya kämpfte mit den Tränen: „Wenn du sprachlich begrenzt bist und nie mit Polizei zu tun gehabt hast. Du kennst den Mann, wie er ist. Für meinen Mann würde ich die Hand ins Feuer legen.
Komplett. Das kommt nicht zusammen. “
Während die Durchsuchungen liefen, wurde Manfred Genditzki auf der Polizeiwache vernommen. Immer wieder fühlte er sich von der einen Beamtin in die Enge getrieben.
Mehrfach fragte sie ihn, ob er außer dem Schmuck weitere Geschenke von Lieselotte Kortüm erhalten habe. Genditzki verneinte. Doch während des Verhörs betrat ein Beamter mit zwei Pelzmänteln in der Hand den Raum. Sie waren bei den Hausdurchsuchungen sichergestellt worden.
In einem Aktenvermerk der Kriminalpolizei Miesbach wurde festgehalten: „Manfred Genditzki ist zunächst erschrocken, als ihm die Mäntel präsentiert werden. Er muss einen Moment überlegen. Und nachdem er sich etwas gesammelt hat, räumt er ein, dass die Pelzmäntel von Frau Kortüm stammen könnten. “ Für die Ermittler war das ein weiterer Beleg seiner Schuld.
Für seine Verteidigerin war es ein Beleg für die Einseitigkeit der Ermittlungen: „Man wollte einen Täter haben. Man wollte partout einen Täter haben, und dann ermittelt man nicht zugunsten Genditzkis, sondern weil er ja angeblich die einzige Bezugsperson war von dieser alten Dame. Er war der Letzte, der bei ihr gewesen ist. Er redet zu viel.
Irgendwie komisch alles. So ist dieser Verdacht zustande gekommen. “
Am 26. Februar 2009 wurde Manfred Genditzki verhaftet.
Mariya Genditzki erinnerte sich an diesen Tag mit Schrecken: „Die kamen und fragten: Wo ist mein Mann? Ich habe gesagt, dass er auf Arbeit ist. Ich habe den Manni angerufen und gesagt, dass Polizisten da sind und ein paar Fragen haben. Die sind dann runter gegangen.
Manni ist gar nicht hochgekommen nach Hause, und die haben ihn mitgenommen. Dann wurde sehr lange nichts von ihm gehört. Irgendwann hat Manni abends angerufen, dass er verhaftet wurde. Und seit dem 26.
Februar ist er nicht nach Hause gekommen. “
Der Prozess begann. Die Staatsanwaltschaft warf Manfred Genditzki vor, Lieselotte Kortüm nach einem Streit geschlagen und anschließend in der Badewanne ertränkt zu haben. Das Gericht folgte dieser Darstellung.
Genditzki wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Urteil wurde später in einem zweiten Verfahren bestätigt. Zweimal wurde er verurteilt. Zweimal lebenslänglich.
Dabei sprach nichts gegen ihn. Es gab keine belastenden Spuren, keine Zeugen, kein Geständnis. Der Kassenbon vom Supermarkt belegte, dass er um 15. 30 Uhr einkaufte.
Die Telefonate mit dem Pflegedienst waren registriert. Seine Familie bezeugte, dass er den Nachmittag bei seiner kranken Mutter im Krankenhaus verbracht hatte. Doch das Gericht glaubte ihm nicht. Regina Rick, die Strafverteidigerin, war überzeugt von seiner Unschuld.
Sie war Anwältin aus München, die schon als Kind ein Gerechtigkeitsfanatiker gewesen war. Das Strafrecht hatte sie angezogen, weil es eine David-gegen-Goliath-Situation hervorruft: Da steht einer, der kann sich gegen die Staatsmacht nicht wehren. Sie übernahm den Fall und suchte Verbündete. Sie fand ihn in Professor Klaus Püschel, einem renommierten Rechtsmediziner aus Hamburg, der in seinem Leben mehr als 40.
000 Tote obduziert hatte. Püschel wurde als Gutachter beauftragt. „Dieser Fall beschäftigt mich seit nunmehr insgesamt schon fünf Jahren“, sagte er. „Es geht um den Tod einer alten Dame.
“ Zusammen mit Regina Rick wollte er herausfinden, was vor 14 Jahren in der Wohnung der Rentnerin wirklich passiert war. Sie setzten auf neue wissenschaftliche Methoden und auf die alte Aktenlage. Püschel erklärte: „Ich lese mir zunächst einmal die wesentlichen Teile der Akten durch, sprich, das Urteil und die rechtsmedizinischen Untersuchungsbefunde, die spurenkundlichen Untersuchungsbefunde. Und dann gebe ich den Auftraggebern, in der Regel der Verteidigung, eine erste Einschätzung, zu welchen Ergebnissen ich komme.
Es geht um Fakten, Fakten, Fakten, und überhaupt nicht um persönliche Glaubensbekenntnisse oder um allgemeine Einschätzungen. Das nützt überhaupt nichts. Es geht darum, dass ich mit ganz kühlem Sachverstand bis ins Innerste, ohne Ansehen der Person versuche, objektiv relevante Anknüpfungspunkte zu finden. “
Püschel untersuchte die Obduktionsberichte der Münchener Rechtsmediziner.
Er fand entscheidende Widersprüche. Die Leichenflecken von Frau Kortüm waren vollständig umlagerbar gewesen. Das bedeutete: Sie hatte zunächst in Bauchlage gelegen, und die Leichenflecken hatten sich vorne ausgebildet. Dann, nachdem sie in der Rechtsmedizin auf den Rücken gedreht worden war, hatten sich die Flecken vollständig verlagert und waren am Rücken sichtbar.
Püschel erklärte: „Das ist schon wichtig, weil man von daher sagen muss: Diese Situation hat man noch nie festgestellt bei einer Situation über sechs Stunden. Und das ist auch ein starker Hinweis darauf, dass sie eben erst deutlich später verstorben ist, als Genditzki schon lange nicht mehr in der Wohnung war. Das Besondere bei den Leichenflecken von Frau Kortüm war ja vor allem, dass die vollständig umlagerbar waren. Die hatte ja zunächst in Bauchlage gelegen, teilweise Bauchlage, sodass sich die Leichenflecke dann vorne ausgebildet haben.
Und die haben sich noch vollständig verlagert, sodass sie dann vollständig am Rücken waren. “ Für Püschel war klar: Der Todeszeitpunkt müsse deutlich später liegen, als die Staatsanwaltschaft angenommen hatte. Und er müsse in einem Zeitraum liegen, als Genditzki längst nachweislich nicht mehr in der Wohnung war. Auch die Versäumnisse am Tatort kritisierten Rick und Püschel scharf.
Die Anwältin sagte: „Ich denke, dass da schon am Tatort alles Mögliche unterblieben ist, was man normalerweise macht, wenn man eine Leiche findet. Sie ist um 18. 30 Uhr gefunden worden. Dann hat die Pflegerin das Wasser abgedreht, was man ja noch irgendwie verstehen kann.
Aber als dann die Polizei kam, wurde weder die Raumtemperatur noch die Temperatur des Wassers noch die Leichentemperatur gemessen. Die Leiche ist erst mehrere Stunden später aus dem Wasser gehoben worden, fast drei Stunden später. Und da fehlen einem ja schon Anknüpfungstatsachen. “ Püschel ergänzte diplomatisch: „Na ja, in gewisser Hinsicht ist mehr gemacht worden, als man bei einem banalen häuslichen Unfall macht.
Immerhin, später wurde die Wassertemperatur gemessen, und es wurde auch die Temperatur des Leichnams gemessen, verzögert. Es gibt auch eine relativ sorgfältige Protokollierung von dem, was die Polizei festgestellt hat. Aber zum Beispiel war es ein Fehler, dass nicht gleich ein Rechtsmediziner gerufen wurde, der für die Todeszeiteingrenzung noch weitere Untersuchungsmethoden zur Verfügung hat, die hier gar nicht zum Einsatz gekommen sind. “
Regina Rick fragte sich bis heute, warum ihr Mandant überhaupt verdächtig geworden war.
„Den Grund dafür, warum der Herr Genditzki verdächtig geworden ist? Den kenne ich eigentlich bis heute nicht. Mag sein, dass es daran lag, dass ein Polizeibeamter eine Äußerung getätigt hat über eine Beule am Kopf, die es nicht gab. Und er hat es später auch korrigiert und gesagt, er hat das wohl mit einem anderen Fall verwechselt.
Es kann auch sein, dass es Äußerungen dieses Pflegepersonals waren, die gesagt haben, dass es bisher nicht vorkam, dass der Schlüssel außen steckte. Letztlich kann man das aus der Akte nicht genau nachvollziehen. Ich habe aber den Eindruck, dass eine Beamtin der Kripo besonders dahinter her war, dass Genditzki strafverfolgt wird. Aber ich kann den Akten nicht entnehmen, warum er eigentlich verdächtigt worden ist.
“ Püschel pflichtete bei: „Keiner der Polizeibeamten, die hier tätig geworden sind, wird einräumen, dass er voreingenommen gewesen ist oder dass er einseitig Aussagen oder Begleitbefunde bewertet hat. Und es sind diverse Befunde aus dem weiteren Umfeld herangezogen worden, um die Person Genditzki in einem zweifelhaften Licht erscheinen zu lassen, in einer Situation, wo man wirklich sagen musste: Die Beweislage hat das nicht hergegeben. “
Trotz mehrfacher Anfragen wollten sich die zuständigen Polizeibehörden zu dem Fall Genditzki nicht mehr äußern. Auch der Münchener Rechtsmediziner, der sein Gutachten korrigiert hatte, schwieg mit Verweis auf ein laufendes Verfahren.
Im März 2022, nach 13,5 Jahren Haft, genehmigte die JVA Landsberg ein Tonband-Interview mit Manfred Genditzki. Eine Kamera war nicht erlaubt. Er saß inzwischen seit über einem Jahrzehnt hinter Gittern. Zweimal war er wegen Mordes verurteilt worden.
Seine Frau Mariya, die ihn nie aufgegeben hatte, sagte über ihre Ehe: „Wir haben noch nie gestritten, gar kein einziges Mal. Wir haben immer Diskussionen, sind immer einen Kompromiss eingegangen. Immer. Der liest jeden Wunsch von den Lippen.
Das ist mein Mann. “ Sie war im dritten Monat schwanger gewesen, als Lieselotte Kortüm starb. Ihr Kind, das gemeinsame Kind, war inzwischen zwölf Jahre alt und kannte den Vater fast nur aus dem Besuchsraum des Gefängnisses. Im Mai 2022 flog Klaus Püschel von Hamburg nach München.
In der Maschine saß ein Mann, der einen Mordfall aus dem Jahr 2008 neu aufrollen wollte. Zusammen mit Regina Rick wollte er vor Gericht ziehen und die Wiederaufnahme des Verfahrens erreichen. Sie hatten neue Gutachten, neue wissenschaftliche Methoden und eine klare Botschaft: Manfred Genditzki ist unschuldig. Die Leichenflecken, die Todeszeit, die fehlenden Spuren, das Alibi – alles sprach für ihn.
Die beiden Experten kämpften David gegen Goliath. Und sie hatten einen Plan.


