„Den seht ihr nie wieder. “ – Das waren die letzten Worte, die Zeugen hörten, bevor die beiden Männer den 15-Jährigen in den Würgegriff nahmen und ihn in die Dunkelheit des Hafens schleiften. Es war halb zwei in der Nacht, als vor einer Gaststätte in Köln-Mülheim die Hölle losbrach. Dara K.

hatte versucht, sich in das Lokal zu retten, doch die beiden Verfolger ließen nicht locker. Der Wirt hatte noch versucht zu schlichten, aber als einer der Männer plötzlich eine Schrotflinte zog und der andere ein Messer, wagte niemand mehr einzugreifen. Sie schüchterten alle Zeugen ein, sodass niemand dem Jugendlichen zu Hilfe kommen konnte. Mit einem Schwitzkasten zerrten sie Dara K.
weg von der Kneipe, hinein in die Nacht. Einige Anwohner, die durch den Lärm geweckt worden waren, sahen noch, wie der Junge abgeführt wurde. Sie wählten sofort den Notruf. Die Polizei war früh informiert, doch es war bereits zu spät.
Noch in derselben Nacht nahmen die Beamten zwei Verdächtige fest: den 18-jährigen Joshua M. und den 19-jährigen Marcel M. Beide waren der Polizei bereits bekannt. Von Dara K.
fehlte jedoch jede Spur. Erst am Morgen, gegen acht Uhr, fand ein Fußgänger an einer entlegenen Stelle am Mülheimer Hafen die Leiche des Jugendlichen. Acht Messerstiche hatten sein Leben beendet. Seine Kleidung war bis auf die Unterhose geraubt worden.
Der Fall schlug bundesweit Wellen. Ein 15-Jähriger, der sein ganzes Leben noch vor sich hatte, war auf brutalste Weise ermordet worden. Die Ermittler begannen sofort mit der Spurensicherung, während die Fragen überall aufkamen: Wie konnte ein Junge in diesem Alter nachts um halb zwei an einem solchen Ort sein? Warum hatte niemand ihn schützen können?
Und was war in den Stunden vor der Tat passiert? Nur einen Tag später fahndete die Polizei nach einem dritten Verdächtigen: dem 26-jährigen Ahmet Y. , ebenfalls vorbestraft. Am 13.
März nahmen ihn die Beamten in einer Wohnung in Remscheid fest. Er sollte einer der Hauptbeschuldigten werden. Die Staatsanwaltschaft ging von Mord aus niedrigen Beweggründen aus und war überzeugt, dass die Tat gemeinsam begangen worden war. Doch mit drei Verdächtigen war es noch nicht getan.
Am 28. März, drei Wochen nach der Tat, wurde in Bayern ein vierter Mann festgenommen: Semih D. , 20 Jahre alt, aus Köln stammend. Er war im Landkreis Garmisch-Partenkirchen aufgegriffen worden und galt als einziger der vier ohne Vorstrafen.
Vier junge Männer saßen nun in Untersuchungshaft, während Dara K. im Irak beerdigt worden war. Die Ermittler rekonstruierten nach und nach das Geflecht aus Drogen, Konflikten und Rache, das zu dieser Bluttat geführt hatte. Dara K.
war Teil einer Drogenbande gewesen, die ab 2023 den organisierten Cannabis-Handel im Mülheimer Stadtgarten beherrschte. An der Spitze stand der älteste der Gruppe, Ahmet Y. , der für den Schutz und die Bestrafung innerhalb der Bande zuständig war. Dafür erhielt er monatlich 4.
000 Euro. Joshua M. und die anderen waren seine Diener, und auch Dara K. verkaufte als Läufer grammweise Gras für die Gruppe.
Doch Anfang 2024 kam es zum Bruch: Nach mehreren Konflikten verließ Dara K. die Bande und lief zu einem konkurrierenden Dealer über. Dieser Verrat sorgte für massive Spannungen. Es ging um Reviergrenzen, um Stammkunden und um verlorenes Geld.
Der Konflikt eskalierte, als Dara K. Ende Januar 2024 von der Polizei mit einer Schusswaffe und Betäubungsmitteln aufgegriffen wurde. Bei seiner Vernehmung belastete er Joshua M. , was zu einer Wohnungsdurchsuchung führte.
Die Beamten stellten über 100 Gramm Cannabis sicher, das Joshua M. später ersetzen musste. Er war außer sich vor Wut und verlangte, dass Dara K. für den Verlust aufkommen sollte.
Ein Monat vor seinem Tod saß Dara K. erneut vor Gericht, diesmal auf der Anklagebank, und beschuldigte wiederum Joshua M. Ahmet Y. und Joshua M.
erfuhren davon, und ihr Zorn wuchs weiter. Der Konflikt spitzte sich zu. Am frühen Abend des 9. März traf Joshua M.
zufällig auf den Vater von Dara K. und drohte ihm: Sie würden Dara K. suchen, weil der Schulden bei ihnen hätte. Der Vater berichtete später, er habe daraufhin angerufen – bei der Polizei, auf einer Wache.
Doch dort habe man nichts unternommen. Die Polizei selbst kann diesen Anruf bis heute nicht bestätigen. Es sei nicht nachweisbar, dass ein solches Gespräch stattgefunden habe. Der Vater sei lediglich aufgefordert worden, eine Anzeige zu erstatten, was er nicht tat.
Was die Polizei überhaupt hätte tun können, bleibt eine offene Frage. Der Pressesprecher erklärte, dass Anrufer nicht verpflichtet seien, Beweise vorzulegen. Bei einer ernsthaften Bedrohungslage gebe es mehrere Möglichkeiten: eine Gefährderansprache etwa, bei der die Beamten den mutmaßlichen Täter direkt mit aller Deutlichkeit warnen und darauf hinweisen, dass sie ihn im Auge behalten. Doch in diesem Fall blieb es bei einem Anruf, der nie nachgewiesen werden konnte.
Die Ermittler gehen davon aus, dass die Eltern Dara K. über den Zwischenfall informierten. Dara soll außer sich vor Wut gewesen sein und telefonisch Kontakt zu seiner alten Gruppe aufgenommen haben. Beide Seiten verabredeten ein klärendes Gespräch für ein Uhr nachts in der Kneipe.
Kurz bevor Dara K. ging, schrieb er seinem Vater eine Nachricht: Er solle sich keine Sorgen machen. Was Dara nicht wusste: Ahmet Y. und Joshua M.
hatten die Schrotflinte und das Messer dabei. Sie waren entschlossen, als Sieger aus der Sache hervorzugehen. Doch am Treffpunkt tauchten sie zunächst nicht auf. Dara K.
wartete mit seinen Leuten ungefähr zwanzig Minuten, dann gingen alle davon aus, dass die andere Gruppe nicht kommen würde, und verabschiedeten sich. Dara K. bestellte sich ein Taxi und wartete davor. Genau in diesem Moment kamen Ahmet Y.
und Joshua M. doch noch. Ahmet versteckte sich hinter einem Stromkasten, Joshua hinter einem Auto. Ob sie wirklich zu spät gekommen waren oder ob alles geplant war, bleibt bis heute unklar.
Die Lage eskalierte blitzschnell. Ahmet Y. und Joshua M. zogen ihre Waffen, während auch Dara K.
eine Schreckschusspistole bei sich trug. Ahmet Y. befahl ihm mit vorgehaltener Schrotflinte, die Waffe in einen Blumenkübel zu legen. Die Polizei fand sie später genau dort.
In diesem Moment soll Ahmet Y. so wütend gewesen sein über den erneut empfundenen Ungehorsam, dass er entschied, Dara K. zu verschleppen und ihn mit Gewalt zu bestrafen. Zu den Gästen der Kneipe rief er noch: „Den seht ihr nie wieder.
“ Ein Satz, der ihn später vor Gericht schwer belasten sollte. Die beiden Männer zerrten Dara K. wenige hundert Meter weiter an den Mülheimer Hafen. Was dort geschah, ist kaum zu ertragen.
Sie zwangen den 15-Jährigen über die sogenannte Katzenbuckel-Brücke, bis zu einer Landzunge vor dem Hafenbecken. Dort ließen sie ihre Wut an ihm aus. Zuerst schlugen sie ihm ins Gesicht, dann stach einer der Männer viermal mit dem Messer auf seine Beine ein. Dara K.
gelang es trotz seiner schweren Verletzungen, sich loszureißen und wegzulaufen. Doch sie holten ihn ein. Vier weitere Messerstiche in den Oberkörper trafen ihn tödlich. Dara K.
verblutete noch am Tatort. Die Rechtsmedizin stellte später fest, dass der Jugendliche sich beim letzten Angriff nur die Hände vors Gesicht gehalten hatte, ohne sich weiter zu wehren. Möglicherweise aus Angst, dass Ahmet Y. ihn sonst mit der Schrotflinte erschossen hätte.
Rund ein halbes Jahr später erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen die vier Männer. Ihnen allen wurden gemeinschaftlicher Mord sowie Freiheitsberaubung mit Todesfolge vorgeworfen. Am 29. Oktober 2024 begann der Prozess im Kölner Landgericht.
Schon am ersten Verhandlungstag zeigte sich, wie tief die Wunden der Familie waren. Dara K. s Mutter nahm mit dem Vater und der jüngeren Schwester als Nebenklägerin am Prozess teil. Immer wieder rief sie am Vormittag den Namen ihres Sohnes laut in den Saal – ein Schrei aus Trauer und Verzweiflung.
Als der erste Angeklagte den Saal betrat, verloren auch andere Angehörige die Fassung. Saal 210 musste geräumt werden. Erst als alle Angeklagten versammelt waren, konnte die Verhandlung mit Publikum fortgesetzt werden. Markus Schmitz, ein Journalist des WDR, berichtete damals über den Prozess.
Auch Monate später beschäftigte ihn der Fall noch. „Das war eine Art von Emotionsausbruch, den haben wir so noch nicht erlebt“, erinnerte er sich. „Diese Art von Trauer, die sich hinterher in Wut übertrug. Die Familie hat versucht, ganz direkt zu zeigen, was dieser Mord für sie bedeutet.
Das war eine kleine Eruption in diesem Saal. “ Er habe bewusst diese Emotionen in seinen Fernsehbeitrag aufgenommen, weil er deutlich machen wollte, wohin Jugendliche geraten können, wenn ihnen niemand hilft. Dara K. habe sich bereits mitten in kriminellen Machenschaften befunden und wäre womöglich eines Tages ein größerer Dealer geworden.
„Da haben viele Leute nicht aufgepasst. Sachen, die mit einem 15-Jährigen nicht passieren dürfen, sind passiert“, so Schmitz. Die Reaktionen der Angeklagten auf diese emotionalen Ausbrüche waren unterschiedlich. Joshua M.
habe immer kerzengerade, fast steif, den Saal betreten und verlassen. „Man hat gemerkt, dass ihm in solchen Momenten klar wurde, was er damals angerichtet hat“, sagte Schmitz. Ahmet Y. dagegen trat viel selbstbewusster auf.
Er habe versucht, die Ereignisse der Tatnacht nicht allzu genau zu schildern, wohl auch, weil ihm von Anfang an die höchste Strafe drohte. Laut Gericht hatten die Angeklagten am Abend der Tat Drogen genommen, jedoch nur in geringen Mengen. Deshalb galten sie als voll schuldfähig. Das Gericht ging von Mord aus niedrigen Beweggründen aus: Wut, Rache und Revierstreitigkeiten hatten zur Tat geführt.
Doch die Angeklagten schwiegen zunächst über die genauen Abläufe. Die Staatsanwaltschaft wusste zwar, dass alle vier irgendwie beteiligt waren, konnte aber lange nicht klären, wer die tödlichen Stiche gesetzt hatte. Es blieben Vermutungen. Dann kam die überraschende Wende: Ahmet Y.
ließ über seinen Verteidiger eine Erklärung verlesen, nach der Joshua M. in der Tatnacht zugestochen hatte. Joshua habe völlig ausgerastet und gesagt: „Ich habe es zu Ende gebracht. Er hat es verdient.
“ Ahmet Y. selbst habe Dara K. und dessen neuem Drogenboss nur Angst machen und sogar einen Krankenwagen rufen wollen. Seine Drohung in der Kneipe sei nicht wörtlich gemeint gewesen.
Am 27. November legte dann auch Joshua M. ein Geständnis ab und gab die tödlichen Messerstiche zu. In seiner Aussage belastete er Ahmet Y.
schwer: Dieser habe direkt daneben gestanden und die Waffe auf Dara K. gehalten, damit der 15-Jährige sich nicht wehrte. Joshua habe nur zugestochen, weil er dachte, Ahmet Y. würde das von ihm erwarten.
Die beiden Hauptbeschuldigten belasteten sich also gegenseitig, waren sich aber darin einig, dass Semih D. und Marcel M. bei der Tat selbst nicht dabei waren. Diese beiden hätten nur geholfen, die Kleidung von Dara K.
zu verbrennen, um Spuren zu verwischen. Damit war der Mordvorwurf gegen sie vom Tisch. Am 18. Dezember 2024 fällte das Landgericht Köln seine Urteile.
Extra viele Wachleute sicherten den größten Saal im Gerichtsgebäude, denn es hatte in den vergangenen Tagen bereits Drohungen und Anfeindungen gegeben, auch von Zuschauern. Vor der Verkündung betete die Familie unter Tränen. Dann die Urteile: Ahmet Y. wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.
Joshua M. , der die tödlichen Stiche gesetzt hatte, erhielt neun Jahre nach Jugendstrafrecht – nicht die Höchststrafe von zehn Jahren, weil er geständig war und half, die letzten Minuten von Dara K. zu rekonstruieren. Das Gericht war sich sicher: Beide hatten den Mord gemeinsam geplant und begangen, weil sie die Auseinandersetzungen mit Dara K.
leid waren. Doch der Prozess endete nicht friedlich. Die Verteidigung von Joshua M. kündigte eine Revision an, und auch Marcel M.
legte Rechtsmittel ein. Als die Urteilsbegründung beendet war und der Richter sich verabschiedet hatte, schlug Ahmet Y. plötzlich mit der flachen Hand auf den Tisch und schrie noch einmal in den Raum: Er sei es nicht gewesen, er habe Dara K. nicht umgebracht.
Daraufhin kam ein Echo von der Gegenseite: „Was sagst du hier? Das stimmt nicht. Du hast dein Urteil bekommen. Wie benimmst du dich eigentlich?
“ Es blieb bis zum Schluss nicht hundertprozentig klar, was in dieser Nacht wirklich geschah. Es gab keine neutralen Zeugen der Tat am Hafen. Die drei Angeklagten vor Ort waren die einzigen, die es wissen konnten. Letztlich wies der Bundesgerichtshof am 20.
August 2025 die Revisionen zurück, und das Urteil des Landgerichts Köln wurde rechtskräftig. Marcel M. wurde wegen Beihilfe zu zwei Jahren Haft verurteilt. Semih D.
konnte das Gericht als freier Mann verlassen, musste sich aber einer sechsmonatigen Betreuung unterziehen. Für seine Zeit in Untersuchungshaft wurde er aus der Staatskasse entschädigt. Bis zuletzt gab es im Gerichtssaal Tumulte und Drohungen. Der Vorsitzende Richter mahnte alle Verfahrensbeteiligten, nun sei die Zeit der Trauer angekommen, und diese müsse friedlich erfolgen.
Er bat sie, sich nicht zu unbedachten Handlungen hinreißen zu lassen. Der Prozess hatte nicht nur die Machenschaften sehr junger Drogendealer offenbart, sondern auch gezeigt, was eine solche Tat bei den Hinterbliebenen anrichten kann. Dara K. s Familie wird mit diesem Verlust leben müssen – ein 15-Jähriger, der niemals erwachsen werden durfte, dessen Leben in einer Nacht im März am Mülheimer Hafen brutal beendet wurde.
Die Bilder von der Leiche, die erst Stunden später gefunden wurde, die Messerstiche, das Ausziehen seiner Kleidung – all das bleibt unauslöschlich in den Köpfen derer, die davon erfuhren. Und die Frage, ob die Polizei hätte eingreifen können, wenn der Anruf des Vaters anders behandelt worden wäre, wird die Familie wohl für immer begleiten.

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