Ich habe den Abend nie vergessen: Es war der Moment, als ich erfuhr, dass mein eigener Vater als ehemaliger Vertragsarbeiter in der DDR in den Neunzigern in einer Welt lebte, in der über hundert…

Ich habe den Abend nie vergessen: Es war der Moment, als ich erfuhr, dass mein eigener Vater als ehemaliger Vertragsarbeiter in der DDR in den Neunzigern in einer Welt lebte, in der über hundert...

Mein Name ist Nhi Le. Ich wurde 1995 als Tochter ehemaliger vietnamesischer Vertragsarbeiter geboren. Als ich zum ersten Mal davon hörte, war ich schockiert. In den Neunzigern töteten vietnamesische Banden mehr als hundert Landsleute in Ostdeutschland.

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Es war mit das größte Massaker an Vietnamesen seit dem Vietnamkrieg. Meine Recherchen führten mich zunächst in die Provinz. Nach Burg in Sachsen-Anhalt, auf einen ehemaligen Truppenübungsplatz der sowjetischen Streitkräfte. Am 21.

Mai 1995 meldete sich eine vietnamesische Frau bei der Polizei, um ihren Mann und seinen Bruder als vermisst zu melden. Sie war aufgelöst, ständig den Tränen nah. Am Boden zerstört. Frank Knöppler war damals Leiter des zentralen Kriminaldienstes.

Er erinnert sich: „Die Vietnamesin führte die Beamten auf den Truppenübungsplatz hinter dem Asylbewerberheim. Nach kurzer Suche wurden zwei frische Erdhügel entdeckt. ”

Man fand eine große Blutlache. Dann gruben die Beamten.

Unter der ersten Leiche lag die zweite. Zwei Männer, gerade mal Anfang zwanzig, in einem Grab verscharrt. Do Chi Tang und Do Hung Tang. Sie kannten den Ort.

Es war ein Umschlagplatz für illegale Zigaretten. Die Ehefrau erzählte den Ermittlern, dass ihr Mann und sein Bruder einer Gruppierung angehörten. In der Nacht seien sie losgezogen, um Zigaretten zu beschaffen. Die Übergabe sollte hinter den Wohnheimen stattfinden.

Bernd Plaschek arbeitete damals als Staatsanwalt. Seine Mutmaßung: „Die beiden sind hingerichtet worden. Entweder, weil sie Geld einbehalten oder Zigaretten abgezweigt hatten. Diese Strafaktion sollte allen anderen zeigen, was mit denen passiert, die nicht gehorchen.

Und die anderen mussten zuschauen. ”

Bei der Hinrichtung wurden die nächsten Angehörigen gezwungen zuzusehen. Danach redete niemand mehr darüber. Bis heute nicht.

Eine Frau aus der Community, die unerkannt bleiben will, erinnert sich: „Es waren Personen aus Berlin. Sie hatten früher als Söldner oder in der nordvietnamesischen Volksarmee gekämpft. Die hatten Erfahrung mit brutaler Gewalt. ”

In Ost-Berlin lebte die größte Gemeinschaft der Vietnamesen.

Viele waren Vertragsarbeiter der DDR, andere waren ohne Papiere eingereist. Sie hatten keine Bleiberecht, keine Jobs. Aus der Not heraus begannen sie, unversteuerte Zigaretten zu verkaufen. Die Gewinnmarge war hoch.

Und wo Geld lockt, ist organisierte Kriminalität nicht weit. Georg Bauer ist bei der Staatsanwaltschaft Berlin zuständig für organisierte Kriminalität. „Es bildeten sich Banden, die Gewinne aus dem Zigarettenhandel abschöpften. Sie verlangten Schutzgeld, bis zu 4.

500 Mark im Monat von jedem Verkäufer. ”

Der Kampf um die besten Plätze wurde tödlich. Wer nicht zahlte, starb. In Berlin wurden allein seit Beginn der Bandenkämpfe 35 Menschen getötet.

Oft auf brutalste Weise: Keulen, Eisenstangen, Messer, Schusswaffen. „Man ist verblüfft über die Geringschätzung, die ein Menschenleben damals zählte”, sagt ein Ermittler. „Ich erkläre es mir mit den Spätfolgen des Vietnamkriegs. ”

Die meisten Erpresser waren Asylbewerber aus Zentralvietnam, einer besonders armen Gegend.

Sie kamen nach Deutschland auf der Suche nach einem besseren Leben. Im März 1995 gab es ein Blutbad in einem Wohnheim in Lichtenberg. Bandenmitglieder stürmten mit Schwertern und Messern durch die Gänge. Fünf Tote.

Eine Frau und drei Männer waren sofort tot. Eine weitere Frau starb später. Meine Informantin erlebte solche Gewalt direkt: „Bei einem Freund überfiel eine Bande das Wohnheim. Sie richteten im Flur ein Blutbad an.

Ich hatte Glück, weil ich einige kannte. Zwei Bewaffnete ließen mich stehen. Am nächsten Tag steckte mir jemand einen Zettel zu: ‚Behalte für dich, was du gesehen hast. ‘”

Die Polizei erwischte meist nur die kleinen Verkäufer.

Die Hintermänner blieben im Dunkeln. Dann führten die Ermittler in Burg nicht weiter. Ihre Kollegen in Berlin waren derweil dem wichtigsten Boss der vietnamesischen Mafia auf der Spur. Die größte Bande trug den Namen ihres Anführers: Ngoc Thien.

„Der Barmherzige”, übersetzt. Ein grausamer Hohn. „Er galt als äußerst rigoros und brutal”, sagt Kriminalhauptkommissarin Petra Hellbusch. „Als er den Raum betrat, war das ein ganz anderes Auftreten.

Das war ein Leader, ein Führungstyp, der andere massiv beeinflussen konnte. Ein Mensch ohne Skrupel, der über Leichen ging. ”

Ngoc Thien war erst 23, als er sich 1994 nach Deutschland aufmachte. Er kam aus einer armen Region in Zentralvietnam, zahlte 5.

000 Dollar für einen gefälschten Pass. In Berlin kämpften Banden um die besten Plätze. Er übernahm schnell die Führung. Seine Bande beherrschte bald 80 Prozent des illegalen Zigarettenmarkts.

Im Herbst 1994 geriet er zum ersten Mal ins Netz der Polizei. Er wurde verhaftet, weil er einen Mord in Auftrag gegeben haben soll. Doch der Zeuge, der ihn belastete, wurde abgeschoben, bevor es zum Prozess kam. Ngoc Thien wurde freigesprochen.

„Danach galt er als unbesiegbar”, sagt eine Anwältin. „Er stellte sogar einen Antrag auf Haftentschädigung – über 7. 000 Mark. Und er bekam sie.

Das hat zu seinem Mythos beigetragen. ”

Er hielt sich für unantastbar. Und die Gewalt ging weiter. Wenige Wochen nach dem Doppelmord in Burg wurden zwei junge Vietnamesen in Chemnitz getötet.

Es gab keine Einbruchspuren. Sie öffneten die Tür, weil sie mit nichts rechneten. Der Täter nutzte das aus. Fesselte sie.

Knebelte sie. Erdrosselte sie mit einem Elektrokabel. Für die Polizei trugen alle Morde die Handschrift der Zigarettenmafia.