Ich habe gerade in meiner Handyhülle ein Foto gesehen, das mir alles wieder hochgeholt hat. Ein ganz normaler Samstag, ich war auf dem Weg zur Arbeit, als mich der Anruf meiner Schwester…

Ich habe gerade in meiner Handyhülle ein Foto gesehen, das mir alles wieder hochgeholt hat. Ein ganz normaler Samstag, ich war auf dem Weg zur Arbeit, als mich der Anruf meiner Schwester...

Es ist ein ganz normaler Samstag, der 12. September 2009. In nur 90 Sekunden schlagen zwei Jugendliche Dominik Brunner brutal zusammen. Er hatte vier Schüler vor ihnen schützen wollen.

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Er bezahlt seine Zivilcourage mit dem Leben. Dominik wird in Ergoldsbach in Niederbayern groß. Für seine Eltern ist er ihr ein und alles. Sein Vater sagt später: „Dominik war ein Wunschkind und unser einziges.

“ Schon früh zeigt er soziales Engagement, im Schützenverein und bei den Wirtschaftsjunioren. Seine große Leidenschaft aber gilt Filmen – er dreht selber welche mit Freunden und träumt davon, sein Hobby zum Beruf zu machen. Doch sein Vater rät ihm, erst etwas Vernünftiges zu lernen. Dominik macht Abitur, studiert Rechtswissenschaften in München und arbeitet später als Anwalt quer durch die Welt, in den USA, in Frankreich, bis er nach Deutschland zurückkehrt.

In seinem Leben gibt es eine Frau, Petra. Blonde Haare, ein strahlendes Lächeln. Für sie ist er nicht nur Partner, sondern bester Freund. „Er hat immer einen Schalk im Nacken gehabt“, sagt sie später.

Nach 14 Jahren trennen sich ihre Wege, aber nicht als Menschen. Aus Liebe wird Freundschaft. Dominik kümmert sich weiter um sie, meldet sich, fragt nach. Auch als Petra einen neuen Partner hat, bleibt er ihr Verbündeter.

Mittlerweile ist Dominik 50. Auf Fotos sieht man einen eleganten Mann im Anzug, graue Haare, hinter der Brille freundliche Augen. Er ist sportlich, schwimmt zweimal die Woche tausend Meter, geht joggen, hat in den 90ern Boxtraining gemacht und 2008 noch einen Selbstverteidigungskurs besucht. Er sorgt für alles vor, vom Einkaufszettel bis zur Patientenverfügung.

Und er hat ein Herz für Menschen, die es schwer haben. Selbst an seinem 50. Geburtstag will er keine Geschenke – seine Freunde sollen stattdessen für eine soziale Einrichtung spenden. Er ist Jurist mit einem starken Gerechtigkeitssinn, freundlich, aber bestimmt.

Bei einem großen Unternehmen arbeitet er als Manager. Sein bester Freund Klaus, den er seit Kindertagen kennt, sagt: „Ich kann mich auf ihn verlassen wie auf einen Bruder. “ Für Klaus ist Dominik ein Filmlexikon, besonders wenn es um Independent-Filme geht. Seinen eigenen Traum vom Filmemachen hat er nie aufgegeben.

Am 12. September 2009 ist Dominik mit Petra in München verabredet. Sie essen etwas, schlendern durch die Innenstadt, kaufen Geschenke. Dann trennen sich ihre Wege – nur für kurze Zeit.

Sie wollen sich später in Solln treffen, wo Dominik eine Wohnung hat. Bei Hugendubel kauft er drei Bücher, eines für seine Mutter. Bei Pfeifenhuber im Tal eine Schachtel Zigarren. Um 12:32 Uhr hebt er 250 Euro ab.

Danach entspannt er im Müllerschen Volksbad, schwimmt Bahn um Bahn. Um 15:51 Uhr steigt er in die Straßenbahn. Petra soll später kommen. Doch ihre Bahn wird umgeleitet – wegen eines Vorfalls auf der Strecke.

In Solln angekommen, öffnet Petra die Tür zu Dominiks Wohnung. Er ist nicht da. Sie wählt seine Nummer, doch er nimmt nicht ab. Ihr Bauchgefühl schlägt Alarm, sie geht zur Polizei.

Und dort bekommt sie die Bestätigung ihrer Angst: Dominik ist etwas zugestoßen. Der Vorfall, wegen dem die Bahn umgeleitet wurde – es ging um ihn. Was genau passiert ist, rekonstruieren die Ermittler so: In der S-Bahn sitzen zwei Jugendliche gegenüber von Dominik, und sie haben es auf vier Schüler abgesehen, zwei Mädchen und zwei Jungs, 13 bis 15 Jahre alt. „Wann schlagen wir sie?

Wann rauben wir sie aus? “, tuscheln sie. Die anderen Fahrgäste schauen weg. Nur Dominik nicht.

Um 16:05 Uhr geht sein Anruf bei der Polizei ein. Er berichtet von den Jugendlichen, die Jüngere ausrauben wollen. „Ich steige jetzt mit denen aus. Ich nehme die jungen Leute mit“, sagt er am Telefon.

Er bittet um einen Streifenwagen zum S-Bahnhof Solln. Dort steigt er gemeinsam mit den Schülern aus. Am Bahnsteig legt er Jacke und Rucksack ab. Dann eskaliert die Situation.

Die beiden Jugendlichen sind gefolgt, wütend. Erst kann sich Dominik wehren, scheint den beiden sogar überlegen. Doch dann schlagen sie, 19 Faustschläge, einer nutzt einen Schlüsselbund. Sie drängen ihn in die Ecke beim Wartehäuschen.

Er stürzt, schlägt mit dem Kopf gegen das Metallgeländer. Und sie hören nicht auf, sie treten auf ihn ein, immer wieder. Umstehende schreien: „Hört auf! “ Bei der Polizei gehen mehrere Notrufe ein.

Nach 66 Sekunden fliehen die Jugendlichen über die Gleise in ein Gebüsch. Ihr Opfer versucht aufzustehen und bricht wieder zusammen. Um 16:11 Uhr liegt Dominik blutüberströmt auf dem kalten Stein. 12 Minuten nach seinem Notruf trifft die Polizei ein.

Ersthelfer versuchen, sein Leben zu retten. Der Rettungsdienst reanimiert, schließt einen Defibrillator an. Das EKG zeigt Kammerflimmern. Dominik wird in eine Klinik gebracht.

Um 18:20 Uhr dann die traurige Gewissheit: Er ist verstorben. Sein Herz hat versagt. Doch der Rechtsmediziner sieht einen klaren Zusammenhang zwischen den Schlägen, den Tritten und dem Tod. „Es gibt keinen Anlass zu glauben, dass dieser Mann genau an diesem Tag verstorben wäre“, sagt er – auch wenn Dominik seit Jahren ein vergrößertes Herz hatte.

Währenddessen sucht die Polizei die Täter. Über eine Stunde lang. Dann hört eine Frau ein Rascheln im Gebüsch, gibt einer Beamtin Bescheid. Sie haben sie, die Angreifer – Markus und Sebastian, noch Jugendliche.

Sie haben das Gebüsch nie verlassen, konnten dabei zusehen, wie Dominik um sein Leben kämpfte. Sie sind keine Fremden für die Polizei. Drogenprobleme, Vorstrafen. Einer der beiden erzählt zuerst, sie hätten die Schüler nur provozieren wollen.

Dominik habe sich eingemischt, sei gestolpert, und er danach auf ihn drauf. Danach habe er einen Filmriss gehabt. Nach einem Telefonat mit seinem Anwalt verweigert er jede weitere Aussage. Auf den Tod von Dominik reagieren sie kaum.

Am 20. September zeigen die Menschen, was ihnen dieser Fall bedeutet. 2000 Menschen versammeln sich am S-Bahnhof Solln. Unter einem blauen Zeltdach steht ein Bild von Dominik, daneben eine Kerze und eine weiße Rose.

Ein Redner sagt: Was Dominik getan hat, hätte die Spirale der Gewalt unterbrochen. Man solle nicht seinen Tod in Erinnerung behalten, sondern das, was er getan hat. In ganz München stoppen Busse und Bahnen für eine Gedenkminute. Der Bahnsteig versinkt in Blumen und Kerzen.

In seiner Heimat Ergoldsbach wird er im kleinen Kreis beerdigt, die Familie bittet die Medien, sie allein zu lassen. Auf einem Kranz steht: „Dank unserem Bürger für Zivilcourage. “

Posthum bekommt Dominik das Bundesverdienstkreuz und den Bayerischen Verdienstorden verliehen. Bei der Aufarbeitung zeigt sich: Dominik hat zwar den ersten Schlag getätigt, aber aus Notwehr.

Die Staatsanwaltschaft wertet das genauso. Die Situation war bedrohlich – zwei Jugendliche, die Kinder bedrohen, die sich nicht einschüchtern lassen, die ihm sogar auf den Bahnsteig folgen. Ein 15-jähriger Schüler, den Dominik beschützen wollte, sagt vor Gericht aus: „Wir waren erleichtert, als sich Herr Brunner in der S-Bahn eingemischt hat. “ Er erzählt, wie Dominik in Kampfhaltung gegangen sei, aber stehen geblieben sei.

Zur Verteidigung, nicht zum Angriff. Er erzählt, wie die beiden Jugendlichen sich kurz zurückzogen, etwas besprachen und dann von vorne und von der Seite angriffen. Doch als Dominik am Boden lag, rief der Junge verzweifelt um Hilfe – niemand half. Die Menschen gingen teilweise einfach weiter.

Nur geschrien hätten sie alle. Und als die Angreifer flohen, war es der 15-Jährige, der als erster zu Dominik rannte. Er hob dessen Brille auf, gab sie ihm. „Ich glaube, er hat sie noch genommen, aber ich weiß es nicht mehr.

Dann hat er gesagt: ‚Oh, das war hart. ‘ Plötzlich kippt er einfach zusammen. “

Die beiden Täter, das sind Kinder aus schwierigen Verhältnissen. Sebastian, der mit einer Krankheit lebt, dessen Mutter nach einer Hirnblutung zum Pflegefall wurde, dessen Vater 2008 starb.

Danach das Jugendamt, Heim um Heim, betreute WG. Kein Schulabschluss, keine abgeschlossene Ausbildung. Alkohol, Joints, Abwärtsspirale. Seine Ex-Freundin sagt: „Er ist eigentlich ein lieber Mensch.

Er würde niemals einen Menschen mit Absicht töten. “ Er war im Kopf ein Kind, das einfach nur Spaß haben wollte. Markus wächst mit Geschwistern in einer Doppelhaushälfte auf, auf Familienfotos sieht er glücklich aus, auf dem Spielzeug-Polizeimotorrad, beim Trampolinspringen. Doch hinter der Fassade sei es eine Katastrophe gewesen.

Auch er bricht die Schule ab. In seinem Zimmer finden sich Songtexte: „Was ist der Sinn meines Lebens? Ich finde ihn nicht. Ich habe kein Vertrauen, bin deswegen unberechenbar.

Mein Leben ist am Ende. “ Der forensische Psychiater Norbert Nedopiel sieht in der Aggression einen Hilferuf: „Aggression ist häufig bei Jugendlichen ein Zeichen von Depression. “ Sein großer Bruder, ein Vorbild, kommt wegen eines Drogendelikts ins Gefängnis – das zieht Markus runter. Ein Freund erzählt, Markus habe manchmal wegen seiner Familie einfach nur geweint, immer und immer wieder.

Vor Gericht werden Aufnahmen abgespielt – Dominik hatte versehentlich die Wiederwahltaste gedrückt, auf den Aufnahmen ist der Angriff zu hören. Worte wie „Du Sau, du Bastard, du Arschloch“, Schreie von Dominik, Rufe von Passanten: „Aufhören, hört auf, ihr Idioten. “

Beide Angeklagten gelten als voll schuldfähig, trotz Alkohol und Drogen. Markus sagt in seinem Schlusswort: „Ich weiß, dass das, was ich getan habe, nicht zu entschuldigen ist und dass ich absolut falsch reagiert habe.

Mir tut der Tod des Herrn Brunner so unendlich leid. “ Das Gericht verurteilt ihn wegen Mordes und versuchter räuberischer Erpressung zu neun Jahren und zehn Monaten Haft. Sebastian, der hätte aufhalten können, verurteilt das Gericht wegen Körperverletzung mit Todesfolge und versuchter räuberischer Erpressung zu sieben Jahren. 12 Jahre später sieht Dominiks Büro noch so aus wie damals.

Das Regal mit den Akten, der Schreibtischstuhl. In Ergoldsbach gibt es heute das Dominik-Brunner-Haus, eine Skulptur zeigt eine Person, die sich schützend vor ein Kind stellt. Auch eine Realschule und ein Weg tragen seinen Namen. Am Bahnhof hängt ein schlichtes graues Metallschild mit seinem Namen und dem Tag, der alles verändert hat.

Petra findet es gut, dass es so schlicht ist – mehr hätte Dominik nicht gewollt. Ein Mahnmal trägt die Worte: „Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun. “

2014 wird Sebastian wegen guter Führung vorzeitig entlassen. 2019 auch Markus.

Doch er verstößt zweimal gegen seine Weisungen, wird in einer Disco mit zu viel Alkohol erwischt, sitzt erneut drei Monate. 2025 steht er wieder vor Gericht, mittlerweile 34 Jahre alt. Kein Alkohol, keine Drogen, elektronische Fußfessel – und dennoch hat er weiter konsumiert. Er hat seinen Job verloren, seine Beziehung ist zerbrochen.

„Ich bin kein krimineller Mensch mehr“, sagt er vor Gericht. Die Richterin sieht eine positive Entwicklung und verhängt eine Geldstrafe von über 10. 000 Euro. Sie gibt ihm mit auf den Weg, sich in Zukunft auf den richtigen Weg zu bewegen.

Der Fall Dominik Brunner geht unter die Haut. In der Bahn zu sitzen, war für viele damals Alltag – und ist es heute noch. Menschen, die in ihren Gedanken kreisen, an den Einkauf denken, an den Sport, an die Oma, die sie anrufen müssten. Genau in diesem Moment geschieht etwas Schreckliches neben einem.

Und man muss sich entscheiden: Schaut man hin, oder schaut man weg? Dominik hat hingeschaut. Für diese eine Sekunde hat er sein Leben gegeben.