Es ist der 17. Mai 2022, als das Landgericht Neubrandenburg sein Urteil spricht: Elfjahre Haft für den Polizisten Torsten B. wegen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung. Die Beweisaufnahme hat ergeben, dass er die 33-jährige Stefanie E.

in ihrer Wohnung niedergeschlagen, mit Brennspiritus übergossen und angezündet hat. Sein Motiv: Er wollte nicht als Vater ihres gemeinsamen Kindes gelten, denn das hätte sein makelloses Image zerstört. Torsten B. und Stefanie E.
lernen sich 2017 über eine Datingplattform kennen. Zwei Jahre später beginnen sie eine Affäre, die, wie das Gericht festhält, ausschließlich sexueller Natur ist. Sie treffen sich mindestens zehn Mal, meist in seinem Mercedes. Er ist Anfang 50, angesehener Polizeibeamter, sie ist 23 Jahre jünger und in einer deutlich schlechteren sozioökonomischen Lage.
Dass er sich ihr überlegen fühlt, macht er unmissverständlich klar: Sie sei, so sagt er, keine Person, die sich in irgendeiner Form unterhalten könne. Die Beziehung ist von Anfang an asymmetrisch. Torsten B. nutzt Stefanie E.
für seine sexuellen Bedürfnisse, ohne Interesse an ihr als Person. Als sie ihm sagt, dass sie nicht verhütet, reagiert er nicht etwa mit Eigenverantwortung, sondern fragt nur, ob sie nach ihrer Berechnung schwanger werden könne. Er, der bereits aus zwei Beziehungen Kinder hat, überlässt die Verhütung gänzlich ihr. Ein Mann mit seiner Lebenserfahrung müsste wissen, dass er selbst Verantwortung übernehmen müsste, wenn er keine weiteren Kinder will.
Aber er denkt nicht in Verantwortung, er denkt in seinem eigenen Vorteil. Im März 2020 beendet Stefanie E. die Beziehung per Chatnachricht. Sie deutet an, dass etwas Konsequenzen habe, doch Torsten B.
versteht ihre Signale nicht. Seine einzige Sorge ist, dass sie einen anderen Sexualpartner haben könnte. Empathie ist ihm fremd. Auch nach dem Kontaktabbruch bedrängt er sie weiter: „Ich will mit dir ficken“, schreibt er immer wieder.
„Es war immer geil. Also lass uns weitermachen. “ Stefanie E. reagiert nicht.
Dann kommt heraus, was sie belastet: Sie ist schwanger. 18 Monate nach ihrem letzten Treffen und neun Monate nach der Geburt ihrer Tochter schreibt sie ihm im August 2021: „Ich bin damals schwanger geworden von dir. Ich brauche deinen vollständigen Namen, Geburtsdatum und am besten Anschrift. “ Torsten B.
löscht sofort sein Profil auf der Datingplattform. „Wenn eine Frau mit einem Mann ein Kind möchte, dann spricht man gewöhnlich darüber“, erwidert er kalt. „Ich für meinen Teil hatte keine Absicht, noch welche zu bekommen. “
Stefanie E.
entgegnet: „Entscheidung Abtreibung oder bekommen liegt nicht allein bei ihr. Oder willst du mir gerade was unterstellen? “ Torsten B. beharrt auf einem Mitspracherecht, während er gleichzeitig die Verantwortung für die Verhütung allein bei ihr sieht.
Diese Doppelmoral durchzieht sein gesamtes Denken. Er ignoriert dabei, dass sein ungeschützter Verkehr auch seine feste Lebenspartnerin gefährdet, die in einer monogamen Beziehung zu leben glaubt. Als Mitarbeiter des Jugendamtes Torsten B. im Auftrag von Stefanie E.
kontaktieren, gibt er sich überrascht, will die Vaterschaft aber freiwillig anerkennen. Allerdings möchte er einen DNA-Test, denn, so behauptet er, es kämen drei bis vier andere Männer in Frage. Konkrete Anhaltspunkte dafür gibt es nicht. Er trifft Stefanie E.
und das Kind, gemeinsam nehmen sie eine DNA-Probe von ihm. Doch der erste Test lässt sich nicht auswerten. Stefanie E. besteht auf einer Wiederholung.
Spätestens jetzt ist Torsten B. entschlossen, den Test zu manipulieren. Er will eine fremde DNA-Probe als seine eigene ausgeben. Dafür sucht er sich einen Kollegen aus, der in einer anderen Schicht arbeitet und die Entnahme nicht persönlich überwacht.
Dieser Kollege fühlt sich geschmeichelt, dass der angesehene Torsten B. ihn ins Vertrauen zieht. Als er zum Treffen erscheint, ist die Probe bereits eingetütet. Torsten B.
sagt, alles sei schon erledigt. Der Kollege hat ein ungutes Gefühl, unterschreibt aber trotzdem. Torsten B. ist doch der vorbildliche Polizeibeamte, der korrekte, ehrliche Mensch.
Wer würde ihm misstrauen? Das Manöver gelingt. Der manipulierte Test schließt Torsten B. als Vater aus.
Doch Stefanie E. wendet sich ans Jugendamt und strebt ein gerichtliches Vaterschaftsfeststellungsverfahren an. Für Torsten B. ist das eine existenzielle Bedrohung.
Sein ganzes Leben basiert auf dem Ansehen, das er genießt. Er ist ein Mensch, dem dieser Schein wichtiger ist als alles andere, wichtiger als jedes reale Leben. Als narzisstisch akzentuierte Persönlichkeit nimmt er die Situation als Angriff auf sich wahr. Wut und Hilflosigkeit mischen sich zu einer gefährlichen Explosion.
Seine Entscheidung ist logisch aus seiner verzerrten Wahrnehmung heraus: Er muss Stefanie E. töten. Dann wird das Jugendamt den gefälschten Test akzeptieren, und niemand wird ihm etwas nachweisen können. Er glaubt, so sein Leben und seinen Status zu retten.
Am 11. Oktober 2021, um 11:30 Uhr, beendet Torsten B. seinen Frühdienst auf der Polizeidienststelle in Rostock. Er packt Motorradhandschuhe und eine Flasche Spiritus ein.
Sein Handy lässt er zu Hause, damit seine Bewegungen nicht über Funkmasten nachvollzogen werden können. Dass sein Mercedes dies selbstständig tut, ist ihm nicht bewusst. Er fährt nach Neubrandenburg, wo Stefanie E. lebt.
An ihrer Wohnung angekommen, trägt er die Handschuhe, um die Tür aufdrücken zu können. Doch Stefanie E. ist nicht allein: Ihre Mutter und das gemeinsame Kind sind bei ihr. Das hält ihn nicht ab.
Er bringt beide Frauen gewaltsam zu Boden. Dann übergießt er Stefanie E. mit Spiritus und zündet sie an. Am helllichten Tag, in einem Mehrfamilienhaus, mit Zeugen.
Für ihn zählt nur sein Plan. Stefanie E. erleidet Verbrennungen zweiten und dritten Grades über 14 Prozent ihres Körpers. Sie wird per Hubschrauber in eine Spezialklinik geflogen und wird für den Rest ihres Lebens gezeichnet bleiben.
Vor Gericht präsentiert Torsten B. eine völlig andere Version: Er habe nur reden wollen, sie habe plötzlich um Hilfe geschrien. Er habe sie nicht geschlagen, nur weggestoßen. Der Brennspiritus sei zufällig vor Ort gewesen, er habe damit Fußspuren verwischen wollen.
Er habe ihn mit Streichhölzern am Boden entzündet, sei dann aber gegangen, ohne ein Feuer zu sehen. Spuren und Gutachten widerlegen seine Geschichte vollständig. Doch Torsten B. glaubt offenbar, seine Erzählung sei so schlüssig, dass objektive Beweise sie nicht erschüttern könnten.
Diese Geschichte dient nicht nur seiner Verteidigung, sondern auch dem Schutz seines Selbstbildes: Torsten B. , der ehrliche, anständige, ethisch einwandfreie Mensch. Er stellt sich selbst als Opfer dar, behauptet, Stefanie E. habe ihn erpressen wollen und 5.
000 Euro gefordert, um seine Vaterschaft geheim zu halten. Beweise kann er keine vorlegen. Selbst seine Entschuldigung ist nur ein weiteres Werkzeug seines Narzissmus. In dem Brief an die Familie E.
schreibt er: „Ich denke, wir stehen alle noch unter dem Eindruck des Geschehens. “ Als wäre er ein Mitbetroffener eines Unglücks, nicht der Täter. Sein Schlusswort „in tiefer Betroffenheit“ klingt wie eine Trauerkarte, nicht wie ein Schuldeingeständnis. Die Familie schickt den Brief ungeöffnet an die Staatsanwaltschaft.
Vor Gericht schafft es Torsten B. weitgehend, seine Fassade aufrechtzuerhalten. Doch einmal bricht sie auf. Da nennt er Stefanie E.
eine Frau, die ihm „hinterfotzig in die Seite gegrätscht“ sei und ihn habe „abmelken“ wollen. In diesen Worten zeigt sich die ganze Verzerrung seiner Realität: Er sieht sich als Opfer einer aggressiven Frau, die ihm etwas nehmen wollte. Die Wahrheit, dass er über Monate hinweg eine Affäre mit einer 23 Jahre jüngeren Frau hatte, dass er ungeschützt mit ihr schlief, dass er ihre Schwangerschaft bewusst ignorierte und den Vaterschaftstest fälschte, spielt in seinem Weltbild keine Rolle. Seine anderthalbjährige Tochter erwähnt er mit keinem Wort, als er der Befangenheit des Gerichts beschuldigt.
Als ihm klar wird, dass seine Verteidigungsstrategie scheitert, wirft er dem Gericht Befangenheit vor. Er ist nicht in der Lage, aus seiner eigenen Perspektive herauszutreten und zu verstehen, wie seine Handlungen auf andere wirken. Die Psychologen, die ihn begutachten, finden keine Persönlichkeitsstörung im engeren Sinne, stellen aber eine narzisstisch akzentuierte Persönlichkeit fest. Ihm ist wichtiger als anderen Menschen, vor anderen gut dazustehen.
Sein Ansehen ist ihm wichtiger als alles andere. Er glaubt, besser zu sein als andere, und ist darauf bedacht, seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, ohne Rücksicht auf andere. Dieses Selbstbild hat er über Jahrzehnte perfekt gepflegt. Kollegen beschreiben ihn als korrekt, kameradschaftlich, ehrlich und zuverlässig.
Seine Partnerinnen glauben, mit einem zutiefst anständigen Mann zusammen zu sein. Er betrügt sie über Jahre, während sie absolut überzeugt sind von seiner Integrität. Er lebt eine Doppelrolle: Nach außen der aufrechte Polizist, nach innen ein egozentrischer Triebtäter, der Frauen als Objekte betrachtet und Menschen täuscht, wo immer es ihm nützt. Seine gesamte Biografie ist geprägt von dieser Diskrepanz.
In der DDR aufgewachsen, wird er 1987 Polizist. Er macht Karriere bei der Rostocker Kriminalpolizei. Seine erste Frau verlässt er, als sie schwanger ist, weil sie, so sagt er, psychisch auffällig sei. Eine zweite Beziehung endet nach zwei Kindern.
Jede Frau, mit der er zusammen ist, wird von ihm betrogen, während alle ihn für einen ehrlichen Menschen halten. Es ist eine perfide Dynamik: Er will beide Leben führen – das des angesehenen Beamten und das des heimlichen Liebhabers mit ungebundener Sexualität. Solange die Realität diese beiden Leben nicht zusammenführt, funktioniert sein System. Doch die Schwangerschaft von Stefanie E.
droht die Mauern einzureißen. Deshalb manipuliert er erst den Test, dann entscheidet er, das Problem endgültig zu beseitigen. Sein Plan ist so gut wie durchdacht, glaubt er. Und doch scheitert er an der Realität: Stefanies Mutter ist anwesend, Nachbarn werden Zeugen, sein Auto verrät ihn.
Ein Mann, der so sehr von sich überzeugt ist, überschätzt seine Fähigkeiten. Er entwickelt einen Plan, der in der Realität nicht so abläuft, wie er es sich vorstellt. Dieser Gedanke, dass etwas anders sein könnte als erdacht, kommt ihm nie. Er ist überzeugt von seinem „genialen Plan“, wie so viele Täter mit narzisstischen Zügen.
Stefanie E. überlebt den Angriff. Sie muss den Rest ihres Lebens mit den körperlichen und seelischen Narben dieses Tages leben. Torsten B.
wird zu elf Jahren Haft verurteilt – ein Urteil, das angesichts von versuchtem Mord und Körperverletzung als milde erscheint. Das Gericht erkennt seine Schuld, doch seine Persönlichkeit, die ihm das Verbrechen erlaubte, bleibt unverändert. Torsten B. verbüßt seine Strafe.
Er hält an seinem Selbstbild fest, die Geschichte, die er sich zurechtgelegt hat, ist für ihn so schlüssig, dass er sie nicht hinterfragt. Er sieht sich nicht als Täter, sondern als Opfer eines Unglücks, das ihn getroffen hat. Die Frage bleibt: Wie viel Selbsttäuschung braucht es, um einen Menschen anzuzünden? Torsten B.
hat gelernt, sich selbst zu belügen, bis er seine eigene Lüge glaubt. Dieser Selbstbetrug ist seine Verteidigung und sein Verderben. Er hat eine Frau fast getötet, um ein Bild zu schützen, das so fragil war, dass nur das Schweigen einer anderen Person es bewahren konnte. Sein Ansehen, sein Ruf, seine Fassade – alles stand auf dem Spiel, weil ein Kind zur Welt kommen sollte.
Und in diesem Moment, als seine Welt zu zerbrechen drohte, wählte er das Äußerste. Er entschied, dass das Leben einer anderen Person weniger wert war als sein eigenes Ansehen. Er entschied, dass eine Mutter, die sichtlich überfordert mit ihrer Schwangerschaft war, eher sterben sollte, als seine Karriere zu gefährden. Er tat es mit der Kaltblütigkeit eines Mannes, der in seinem Kopf schon alle Rechtfertigungen zurechtgelegt hatte.
Stefanie E. hat überlebt. Torsten B. wird für lange Zeit im Gefängnis bleiben.
Aber die Frage, die über diesem Fall schwebt, ist eine, die sich nicht vor Gericht verhandeln lässt: Wie kann ein Mensch, der von allen als ehrlich, tolerant und respektvoll beschrieben wird, zu solch einer Tat fähig sein? Die Antwort liegt in einer Persönlichkeit, die so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, dass das Leben anderer nur noch als Bedrohung oder Werkzeug wahrgenommen wird. In einem Mann, der so sehr etwas sein will, dass er sich selbst betrügt, um an seinen Anspruch zu glauben. In einem Täter, der dem Gericht mit tiefer Betroffenheit schreibt, während er die Frau, die er verbrannt hat, als die eigentliche Aggressorin bezeichnet.
Vielleicht ist der Anfang von Betrug immer der Selbstbetrug. Und Torsten B. ist ein Meister darin, sich selbst zu täuschen.


