Am Montag, dem 19. August 2013, klingelte ich vergeblich bei meinem Nachbarn Dieter. Drei Tage lang keine Antwort, keine Spur von ihm oder seiner Hündin Luna. Das war so gar nicht seine Art. Also…

Am Montag, dem 19. August 2013, klingelte ich vergeblich bei meinem Nachbarn Dieter. Drei Tage lang keine Antwort, keine Spur von ihm oder seiner Hündin Luna. Das war so gar nicht seine Art. Also...

Am Montag, dem 19. August 2013, versucht Martha Weber vergeblich, ihren Nachbarn Dieter Hoffmann zu erreichen. Seit drei Tagen geht niemand ans Telefon, seit Tagen hat sie den Rentner nicht mehr mit seiner Hündin Luna Gassi gehen sehen. Das ist völlig ungewöhnlich.

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Dieter Hoffmann, 76 Jahre alt, ist ein Mann der Gewohnheit. Er lebt bescheiden und zurückgezogen in seinem Elternhaus in einem vornehmen Wiesbadener Viertel, obwohl er durch Patente als Maschinenbauingenieur über Jahrzehnte ein Millionenvermögen angehäuft hat. Zeigen will er davon nichts. Er schläft im Wohnzimmer, um Heizkosten zu sparen, steckt den Kühlschrank aus, wenn er verreist, und fährt einen alten Kleinwagen.

Sein einziger Luxus ist seine Hündin Luna, ein Weimaraner. Als Martha Weber mit ihrem Zweitschlüssel das Haus betritt, findet sie eine Tasse Kaffee, Töpfe mit ungekochtem Essen, sein Handy am Ladekabel – aber keinen Dieter. Auch das Bettzeug fehlt. Sein Auto steht noch in der Garage.

Der Mieter der Einliegerwohnung ist im Urlaub und weiß nichts. Auf gut Glück ruft Martha im Tierheim an. Sie ist alarmiert. Und tatsächlich: Luna wurde dort abgegeben, mit der Begründung, ihr Herrchen habe einen Schlaganfall erlitten und könne sich nicht mehr um sie kümmern.

In keinem Krankenhaus der Umgebung ist Dieter Hoffmann jedoch als Patient gemeldet. Am 21. August meldet Martha Weber ihn als vermisst. Die Polizei nimmt den Fall ernst, auch wenn der Rentner alt genug ist, um freiwillig zu verschwinden.

Zwei Beamte sehen sich das Haus an. Sie finden ein heruntergekommenes Anwesen inmitten von Millionärsvillen, Einrichtung aus den Fünfzigerjahren, Chaos. Im Schlafzimmer, das als Büro genutzt wird, steht ein Bett ohne Matratze. Darunter liegen Scherben von kleinen Keramikfiguren, wie sie auf dem Regal darüber stehen.

Ein Bauchgefühl, mehr nicht. Erst als die Spurensicherung am nächsten Tag Blutspuren im Schlafzimmer, am Bett, im Regal und im Bad findet, wird klar: Hier stimmt etwas nicht. Das Blut stammt zweifelsfrei von Dieter Hoffmann. Die Ermittler überprüfen seine Konten.

Am 18. August, einen Tag bevor Martha Weber die Vermisstenmeldung aufgeben will, wurde mit seiner EC-Karte am Geldautomaten 1. 000 Euro abgehoben. Die Kamera zeigt: Der Mann trägt Latexhandschuhe und eine Maske, die wie ein alter Mann aussieht.

Eine Opermaske, wie sie im Karneval getragen wird. Das deutet auf ein Kapitalverbrechen hin. Dann kommt die Sache mit dem Hund ins Spiel. Alexander Kemmerer, 39 Jahre alt, hat Luna im Tierheim abgegeben.

Er behauptet, Dieter Hoffmann habe ihm geschrieben und ihn beauftragt, den Hund zu bringen, weil er in die Schweiz reisen wolle. Von Schlaganfall keine Rede mehr. Für die Ermittler passt das nicht zusammen. Der Rentner hätte seinen Hund niemals einem Fremden anvertraut.

Er ließ ihn immer bei der Nachbarin. Und niemand in Hoffmanns Umfeld kennt diesen Alexander Kemmerer – bis auf einen Umstand: Der Mann war bis vor Kurzem Bankberater am Standort Wiesbaden und damit einer der wenigen Menschen, die über das Vermögen von Dieter Hoffmann genau Bescheid wussten. Der Rentner hatte sich 2012 von ihm beraten lassen, um sein nicht sauber versteuertes Vermögen aus der Schweiz zurückzuholen. Alexander Kemmerer ist den Ermittlern schnell verdächtig.

Er ist arbeitslos, verschuldet, nur noch Teilzeit beschäftigt. Sein Einkommen von höchstens 1. 200 Euro im Monat steht Fixkosten von 1. 800 Euro gegenüber.

Zwei Kredite über je 70. 000 Euro, ein weiteres Darlehen, ein Inkassoverfahren läuft. Und ausgerechnet am 19. August zahlt er exakt 1.

000 Euro auf sein eigenes Girokonto ein. Dieselbe Summe, die der Mann mit der Maske am Tag zuvor abgehoben hat. Dann entdecken die Ermittler ein Schreiben: Die Vollmachten über Hoffmanns Konten, die eigentlich beim Nachbarssohn Thomas Weber lagen, sollen auf jemand anderen übertragen werden. Das Schreiben sieht aus, als stamme es von Dieter Hoffmann – unterschrieben, datiert, perfekt.

Nur ist Hoffmann zu diesem Zeitpunkt längst verschwunden. Am 28. August wird Kemmerer als Zeuge vorgeladen. Er erzählt eine Geschichte von einem gemeinsamen Jagdpächter, über den er Hoffmann vor Jahren kennengelernt haben will.

Von dessen Vermögen habe er nichts gewusst. Doch der Jagdpächter ist seit mehr als zehn Jahren tot. Stefan Lange, der leitende Ermittler, sieht Kemmerer zum ersten Mal, als dieser ins Präsidium geführt wird. Er erkennt sofort die Körperhaltung wieder: Das ist der Mann von den Überwachungskameras.

Die Durchsuchung seiner Wohnung bringt keine Spur des angeblichen Briefes. Auf dem Laptop finden sich gelöschte Dokumente, die wiederhergestellt werden – darunter das Schreiben zur Aufhebung der Vollmachten. Kemmerer behauptet, er habe es nur für Hoffmann aufgesetzt und es blanko geschickt. Kurz darauf meldet sich ein Notar aus Wiesbaden: Ein neues Testament von Dieter Hoffmann sei eingetroffen, datiert auf den 24.

August 2013, abgeschickt aus der Schweiz. Hoffmann, den der Notar nie gesehen hat, setzt darin weiterhin Thomas Weber als Haupterben ein, bedenkt einen Kirchenmusikverein und einen Tierschutzverein – und Alexander Kemmerer mit 500. 000 Euro. Die Unterschrift ist mit hoher Wahrscheinlichkeit gefälscht.

Auf dem Testament findet sich ein Handflächenabdruck von Kemmerer. Er erklärt, er habe Hoffmann mal Briefpapier vorbeigebracht. Die Mobilfunkdaten zeigen schließlich die entscheidende Spur: Kemmerer ist am 27. August nach Frankfurt gefahren, hat sein Auto auf dem Messeparkplatz abgestellt und ein Bahnticket nach Zürich gekauft – bar, untypisch, auffällig.

Während er in der Schweiz ist, bleibt sein Handy im Auto. Er will die Überreste des Testaments so aussehen lassen, als wäre Hoffmann selbst in der Schweiz gewesen. Doch für die Ermittler ist der Plan zu durchsichtig. Am 5.

September 2013 wird Alexander Kemmerer festgenommen. DNA-Spuren im Schlafzimmer des Opfers, ein gefälschtes Testament, der maskierte Mann am Geldautomaten, die Bargeldeinzahlung, die Lügen über den Ursprung der Bekanntschaft – die Indizienkette ist dicht. Der Prozess beginnt am 30. Juni 2014 vor dem Landgericht Wiesbaden.

Die Anklage lautet auf Mord aus Habgier, Urkundenfälschung und Computerbetrug. Kemmerer schweigt. Eine forensische Anthropologin untersucht die Überwachungsbilder vom Geldautomaten: Der Täter trägt zwar Handschuhe, aber die zeichnen die Adern auf dem Handrücken deutlich ab. Das Venenmuster des Unbekannten entspricht dem von Alexander Kemmerer.

Kaum zu widerlegen. Am 4. November 2014 gibt Kemmerer sein Schweigen auf. Er legt ein Geständnis ab – aber es klingt nicht nach Mord.

Er habe Hoffmann am 16. August besucht, erzählt er. Als er die schmutzige Toilette kommentierte, habe der Rentner aggressiv reagiert, es sei zu einem Gerangel gekommen. Hoffmann habe auf ihm gelegen und ihn gewürgt.

In Not habe er nach einer Keramikfigur gegriffen und zugeschlagen. Ein Unfall. Dann habe er die Leiche verbrannt und die Überreste im Wald nordöstlich von Wiesbaden vergraben. Er habe nur die Chance genutzt, an das Geld zu kommen.

Die schlimmste Summe: Er wollte eigentlich nichts weiter als einen ruhigen Leben. Einen Tag später führt Kemmerer die Polizei zu der Stelle. Die Beamten finden Knochenteile. Eine genaue Todesursache lässt sich nicht mehr feststellen.

Das Gericht glaubt seine Version nicht. Kemmerer wollte sich wegen Totschlags verurteilen lassen, nicht wegen Mordes. Doch das Landgericht Wiesbaden verurteilt ihn am 8. Januar 2015 zu lebenslanger Haft.

Gestützt auf die DNA, das Wehengutachten, den Handabdruck, das gefälschte Testament und die enorm hohe Indizienbelastung. Die Kammer glaubt nicht, dass Kemmerer planmäßig mit Tötungsabsicht zu Hoffmann gefahren ist. Der Entschluss, ihn zu töten, sei gefallen, als der Rentner sich weigerte, ihm finanziell zu helfen. Stefan Lange, der Ermittler, sieht den Schlüssel des Falls in der Hündin Luna.

Sie war die erste Spur, die zu Kemmerer führte. Der Mann, der sie im Tierheim abgab, unterschrieb mit seinem Klarnamen. Genau das wurde ihm zum Verhängnis. Was aus Luna wurde?

Sie kam zu Bekannten aus dem Wohnviertel, die Dieter Hoffmann und die Hündin gut kannten. Schon während der Ermittlungen hatte sich ein Mann aus der Nachbarschaft um sie gekümmert und sie am Ende übernommen. Vermittelt hatte den Kontakt ausgerechnet Martha Weber, die Frau, die ihren Nachbarn als Erste vermisst hatte.