Die Mutter des Tatverdächtigen stand unangemeldet vor meiner Tür. Sie wollte, dass ich ihren Sohn verteidige. Ich ging hinüber ins Gerichtsgebäude, um das erste Gespräch zu führen – und traf auf einen jungen Mann, der mir sehr entschlossen sagte, er habe mit dem Tatgeschehen nichts zu tun. Er war guter Dinge, dass sich das schnell klären würde.

Das war, wie wir wissen, nicht der Fall. Ich bin Martin Kretschmer, Strafverteidiger in Bonn. Dieser Fall war einer der prägendsten meiner Karriere. Man kann ihn nicht losgelöst betrachten von den Ereignissen der Silvesternacht 2015/2016 in Köln.
Damals kam es zu Übergriffen auf der Domplatte, von männlichen Migranten, die deutsche Frauen angefasst, angegriffen, sexuell belästigt haben sollen. Seit dieser Nacht lag eine bestimmte Stimmung in der Bevölkerung: Da kommen fremde Männer in unser Land, die leben auf unsere Kosten. Und jetzt greifen die den guten deutschen Jungen an, und der wird totgeschlagen. Die Stimmung in Bad Godesberg nach dem Tod von Niklas war aufgeheizt.
Der Pfarrer, Dr. Picken, stellte am Rondell ein Kreuz auf. Meine Freundin hatte mir gesagt, ich solle hinkommen. Ich bin zum Rondell gefahren und habe von Weitem einen Pfarrer stehen sehen.
Er hat mich direkt erkannt, obwohl wir uns vorher nie gesehen hatten. Ich hatte sofort das Gefühl, dass er begreift, was mit mir los ist – mit Niklas, mit dem schlimmen Ausmaß. Er wollte einfach tätig werden. Als gesichert galt, dass Niklas einen Faustschlag gegen den Kopf bekommen hatte.
Dann kursierte das Gerücht, es sei ein massiver Tritt gewesen. Aber wenn man sich das Verletzungsbild anschaute – äußerlich am Kopf –, konnte man für einen festen Tritt nichts finden. Keine Schwellung, keinen Nasenbeinbruch, keinen Jochbeinbruch. Sein Gesicht war nahezu unversehrt.
Das passte nicht zusammen. Es blieb für mich ein fester Faustschlag. Aber ich verteidige seit 30 Jahren Tötungsdelikte. Dass ein einzelner Schlag jemanden tödlich verletzt, ist mehr als ungewöhnlich.
Der Burgfriedhof in Bad Godesberg ist sehr bekannt. Wenn man in der Situation ist, sein eigenes Kind begraben zu müssen, ist es eine Ehre, dass er dort liegt. Wir haben in Bad Breisig gewohnt, aber das war nur eine Übergangssituation. Dr.
Picken hat sich um alles gekümmert, ich brauchte mich um nichts zu kümmern. Die Kirche war proppevoll, mindestens 400 Leute. Es war kein Platz mehr frei, nach außen wurden Kameras aufgestellt, damit die Menschen draußen die Zeremonie verfolgen konnten. Ein Rapper hatte ein Lied für Niklas kreiert und trug es in der Kirche vor.
Es war ein total feierlicher Rahmen. Würdiger hätte man es für Niklas nicht machen können. Aber an dem Tag lief alles an mir vorbei. Ich habe die ganzen Menschen ausgeblendet, man ist in seinem eigenen Film.
Ich erinnere mich nur, dass ich meinen Gefühlen freien Lauf gelassen habe. Besonders, als wir vor dem Grab standen und ich den Strauß hinunterwerfen wollte. Ich konnte nicht mehr runtergucken. Ich habe geweint wie ein Wasserfall.
Der Verdächtige gab an, sich zum Tatzeitpunkt nicht am Rondell befunden zu haben, sondern am Ententeich im Kurpark. Dort verbrachte er mit Freunden und Bekannten regelmäßig die Abende, trank viel Alkohol, konsumierte Cannabis. Irgendwann fuhr er zu einer Tankstelle. Anhand der Registrierkasse konnte man nachvollziehen, wann er dort war – 1:20 Uhr, der Einkauf war klar feststellbar.
Aber die Tat sollte um 0:20 Uhr gewesen sein. Sein Alibi half ihm nichts, weil die Tatzeit eine andere war. Er blieb in Haft. Kurz nach dem Begräbnis liefen wir auf Fronleichnam zu.
Das war in Bad Godesberg immer ein Riesenfest, ein großer Open-Air-Gottesdienst auf dem Panoramaplatz, direkt mit Blick auf den Rhein. In diesem Jahr war eine Sondersituation. Dr. Picken hatte die Idee, die Prozession zum Tatort zu führen.
Er hatte dafür gesorgt, dass das mediale Interesse nicht erlosch. Ich hatte Zweifel, dass das gute Absichten waren. Es war Selbstdarstellung, in meinen Augen. Der damalige Kandidat für das Ministerpräsidentenamt, Armin Laschet, kam extra nach Bad Godesberg und ging mit mir durch die Straßen.
Ich hatte den Eindruck, er war sehr betroffen. Aber ich bin nicht mitmarschiert. Das katholische Hochfest zu instrumentalisieren und noch einen Spitzenpolitiker vorne dranzuschnallen, der sich im Wahlkampf befand – das habe ich als sehr falsch empfunden. Ich war weiterhin überzeugt, dass mein Mandant unschuldig ist.
Aber dann passierte eine Geschichte, wie in einem schlechten Film. Plötzlich wurde zu Hause im Zimmer meines Mandanten eine Jacke gefunden. Der Mandant hatte der Polizei gesagt, er habe nie die Luft mit Niklas geatmet, keinen Kontakt gehabt. Dann hieß es: Wir haben bei Ihnen ein Kleidungsstück gefunden, mit einer minimalen Blutspur, die stammt von dem Verstorbenen.
Als ich das gelesen habe, habe ich ein Magengrummeln bekommen. Wenn das stimmt, ist es wie im schlechten Film. Mein Mandant erklärte, er habe in der Nacht ohne Jacke das Haus verlassen. Am Ententeich sei ihm kalt geworden, und eine andere Person, die mit der Tat nichts zu tun habe, habe ihm die eigene Jacke gegeben.
Auf dem Weg nach Hause hätten sie den Mann wieder getroffen, der seine Jacke zurückverlangte. Also tauschten sie die Jacken. So blieb die fremde Jacke bei meinem Mandanten hängen. Eine verworrene Geschichte.
Dann hieß es auf einmal, die Jacke würde ihm nicht gehören, er hätte sie geliehen, und der andere hätte sie geliehen. Halb Deutschland hätte sie geliehen. Es war nicht nachweisbar. Da habe ich langsam gedacht: Das sieht nicht mehr gut aus.
Die Stimmung in Bad Godesberg war aufgeheizt. Man nutzte bestimmte Wege nicht mehr. Eine Bushaltestelle ohne Laterne war ein No-Go. Eltern brachten ihre Kinder zur Schule und holten sie ab.
Auf Partys von Jugendlichen stand Security vor der Tür. Die Sorgen waren real, auch wenn viele Straftaten nie angezeigt wurden, aus Angst oder Scham. Die Politik reagierte, ein runder Tisch wurde gegründet, Polizei und Ordnungsamt verstärkten ihre Einsätze an kritischen Punkten. Man fühlte sich wieder sicherer.
Dann rief mich mein damaliger Anwalt an. Er sagte, ich solle nicht erschrecken, aber Niklas sei ohne sein Gehirn beerdigt worden. Das Gehirn lag weiterhin in der Rechtsmedizin. Ich habe sofort gesagt: Nein, ich möchte, dass das Gehirn dahin kommt, wo es hingehört – zu meinem Sohn.
Ich habe Dr. Picken angerufen. Er hat gesagt, ich solle da nicht dabei sein, er kümmere sich mit dem Bestattungsunternehmen. Sie würden das Gehirn ins Grab dazulegen.
Die Gerichtsmedizin hatte bei Niklas eine Gefäßwandaufbauschwäche im Gehirn festgestellt. Bestimmte Arterien hatten nicht die normale Dicke. Eine Belastung des Kopfes – schon ein Kopfball beim Fußball – hätte ein Gehirnbluten auslösen können. Für mich war das nicht glaubwürdig.
Ich kannte mein Kind. Niklas war immer wild, er wollte Stuntman werden. Wenn er das wirklich gehabt hätte, wäre schon lange etwas passiert. An der eigentlichen Stelle der Blutung konnte man es nicht mehr feststellen, aber es war naheliegend, zu erklären, warum jemand nach einem Faustschlag so in sich zusammensackt.
Die Gewalteinwirkung war wohl nicht so hoch wie angenommen. Der Tatvorwurf wurde auf Körperverletzung mit Todesfolge geändert. Ich fand es lächerlich. Der potenzielle Täter hatte jahrelang Kickboxen gemacht.
Er wusste, was ein Schlag gegen die Schläfe bewirken kann. Ich sehe Tötungsvorsatz. Die Mehrheit der Menschen war gleicher Meinung. Wer einen anderen gegen den Kopf tritt, nimmt den Tod billigend in Kauf, unabhängig von Vorerkrankungen.
Die Wut war groß. In den sozialen Medien gab es Reaktionen gegen mich. Menschen posteten, man solle mir die Kinder töten, damit ich wisse, wie man sich als Elternteil fühlt – vorher foltern, Arme und Beine abhacken. Drohungen von Glatzen: „Unsere Springerstiefel und Baseballschläger werden dich und den Kameltreiber bei Dunkelheit sprechen lassen.
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