November 1878, Neumagen an der Mosel. Ich gehörte zu den Arbeitern, die die Fundamente der römischen Festungsmauer freilegten. Eine einfache Routinearbeit, nichts weiter – bis meine Spitzhacke an…

November 1878, Neumagen an der Mosel. Ich gehörte zu den Arbeitern, die die Fundamente der römischen Festungsmauer freilegten. Eine einfache Routinearbeit, nichts weiter – bis meine Spitzhacke an...

Im Jahr 1878 ließen die Behörden von Neumagen die Fundamente einer spätrömischen Festungsmauer freilegen. Eigentlich ging es nur um den baulichen Zustand der Anlage. Doch die Arbeiter stießen auf etwas, das ihre Vorstellung von der eigenen Heimatgeschichte für immer verändern sollte. Die Mauer, unter Kaiser Konstantin im frühen vierten Jahrhundert errichtet, bestand nicht aus gewöhnlichen Steinblöcken.

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Ihre Erbauer hatten kunstvoll gemeißelte Grabdenkmäler aus früheren Jahrhunderten als billiges Baumaterial verbaut – ohne jede Rücksicht auf ihren künstlerischen oder religiösen Wert. Unter den Fragmenten fanden sich Teile von drei Steinreliefs mit demselben Motiv: ein Ruderschiff, beladen mit gewaltigen Weinfässern, sechs Ruderer, zwei Steuermänner. Das am besten erhaltene Stück, heute weltberühmt als das Neumagener Weinschiff, hatte einst das Grabmal eines wohlhabenden römischen Weinhändlers geschmückt. Er lebte um das Jahr 220 nach Christus und ließ sich für die Ewigkeit bei der Ausübung seines Berufs darstellen: beim Transport von Moselwein.

Der Fund machte Neumagen bis heute zum ältesten Weinort Deutschlands. Doch hinter diesem Relief steckt eine Geschichte, die weit über den Zufallsfund hinausreicht. Sie beginnt mit einer praktischen Frage: Warum Wein über Jahrtausende die sicherere Wahl war als Wasser. In der Antike war Wasser aus Brunnen und Flüssen nahe menschlicher Siedlungen oft verseucht.

In Trockenperioden sank der Grundwasserspiegel, die Konzentration von Abfällen stieg – und niemand wusste etwas von Mikroorganismen. Wenn nach dem Trinken aus einem Brunnen plötzlich das halbe Dorf an Ruhr oder Typhus erkrankte, fehlte jede Erklärung. Wein dagegen bot Bakterien mit Alkohol und natürlicher Säure ein feindliches Umfeld: eine Erkenntnis, die Menschen rein empirisch gewannen, lange bevor sie jemand wissenschaftlich hätte erklären können. Sie findet sich bei ägyptischen Pharaonen, griechischen Ärzten und mittelalterlichen Mönchen – Kulturen, die unabhängig voneinander zu ähnlichen Schlüssen kamen.

Für die römischen Legionen an Rhein und Mosel war Wein deshalb kein Luxus. Er gehörte zur militärischen Grundversorgung, vergleichbar mit Getreide, Öl und Salz. Selbst einfache Soldaten erhielten eine tägliche Weinration – meist als saurer, einfacher Trank, näher an der Posca, dem Essig-Wasser-Gemisch, als am edlen Tropfen der Offiziere. Diese Zweiklassenstruktur des Weins zog sich durch die Geschichte: saurer Landwein für Bauern, erlesene Weine für Adel und hohe Geistlichkeit.

In den frühen Jahren der römischen Besatzung kam der Wein für die Garnisonen am Rhein mühsam aus dem Mittelmeerraum. Über Rhône und Saône quer durch Gallien bis an die Mosel: ein logistischer Kraftakt, der Wochen dauerte, enorme Kosten verschlang und in Kriegszeiten zusammenbrechen konnte. Jede Fuhre, die die Mosel erreichte, war teuer. Einfache Soldaten konnten sie sich kaum leisten; die Oberschicht Triers zahlte bereitwillig hohe Preise.

Ob Kaiser Probus Ende des dritten Jahrhunderts das Weinbauverbot in den Provinzen tatsächlich aufhob, ist bis heute umstritten. Fest steht: Genau in dieser Zeit entstanden große Rebflächen an den steilen Südhängen der Mosel. Trier entwickelte sich zur Kaiserresidenz der Tetrarchie – und das Militär konnte sich zunehmend selbst versorgen. Eine technische Besonderheit prägte den Weintransport auf der Mosel: Anders als im Mittelmeerraum, wo Wein in Tonamphoren reiste, übernahmen die Römer die keltische Tradition der Holzfässer.

Sie fassten mehr, hielten rauerem Klima stand und zersprangen nicht im Frost. Pragmatisch, wenn die lokale Lösung besser war als die eigene. Das Neumagener Weinschiff selbst, fast 18 Meter lang, zeigt vier große Holzfässer, fest verzurrt auf offenem Deck. Dazu sechs Ruderer und zwei Steuermänner, mit dem Rücken zum Heck – typisch für die antike Rudertechnik, bei der die Männer mit voller Kraft zogen und die Fahrtrichtung im Blick behielten.

Der Bug ist als Rammsporn gestaltet, die Vorschiffe sind mit Drachenköpfen verziert: Details, die eher an ein Kriegsschiff erinnern. Möglicherweise gingen militärische Schiffe später in zivile Hände über. Der Weinhändler, dessen Grabmal das Relief schmückte, wollte seinen Reichtum und Berufsstolz über den Tod hinaus zeigen. Grabmäler dienten in der römischen Oberschicht weniger der Trauer als der Selbstdarstellung.

Anders als viele andere Reliefs, die mythologische Szenen zeigten, wählte er eine dokumentarische Darstellung seines Alltags. Ein seltenes Geschenk für die Forschung. Die Archäologen fanden ab 1877 Fragmente von über 40 Grabdenkmälern aus dem zweiten Jahrhundert, verziert mit Szenen aus dem Leben wohlhabender Handwerker und Kaufleute. Dass diese Kunstwerke als Baumaterial endeten, hängt mit dem Aufstieg des Christentums zusammen: Die neue Bestattungskultur setzte auf Erdbestattung statt Verbrennung, die alten heidnischen Grabmäler verloren ihre Bedeutung.

Die Bautrupps Konstantins verwendeten sie bedenkenlos als fertig behauene Steine für die Festungsmauer – in einer Zeit wachsender Bedrohung durch germanische Stämme. Das Original des Weinschiffs liegt heute im Rheinischen Landesmuseum Trier. Im Hafen von Neumagen ankert seit 2007 ein originalgetreuer Nachbau, die Stella Noviomagi: aus Eiche, Lärche und Douglasie gebaut, fast 18 Meter lang, vier Meter breit, rund 14 Tonnen schwer. Wer will, kann darauf über die Mosel rudern und selbst spüren, wie beschwerlich der antike Weintransport gewesen sein muss.

Während die Römer an der Mosel den Grundstein für eine jahrtausendelange Weinkultur legten, entstand weiter östlich in Franken eine eigene Tradition. Am 7. Januar 777 schenkte Karl der Große dem Kloster Fulda seine Besitzungen rund um Hammelburg – in der bis heute erhaltenen Urkunde werden ausdrücklich die dortigen Weinberge erwähnt. Das älteste zweifelsfrei datierbare Zeugnis fränkischen Weinbaus, ausgestellt von einem Herrscher, der später genaue Vorschriften zur Kultivierung von Reben erlassen sollte.

Zwei Jahre zuvor war Weinbau für das Kloster Holzkirchen erwähnt worden – allerdings nur in einer späteren Abschrift. Die Hammelburger Schenkung gilt deshalb als der tatsächlich älteste Beleg. In den folgenden Jahrhunderten wuchs Franken zum größten zusammenhängenden Weinanbaugebiet des Heiligen Römischen Reiches, zeitweise über 40. 000 Hektar, von Forchheim bis Kulmbach.

Klöster und Stifte förderten Anbau und Handel. Die Grundherrschaft bestimmte die Struktur: Adlige und kirchliche Institutionen stellten den Boden, die Bauern gaben einen festgelegten Anteil ihrer Ernte ab. Ein System, das über Generationen für kontinuierliche Pflege der Weinberge sorgte. Etwa in derselben Zeit gründete Bernhard von Clairvaux im abgelegenen Kisselbachtal des Rheingaus gemeinsam mit dem späteren Abt Ruthard und zwei Zisterziensermönchen ein neues Kloster, unterstützt vom Mainzer Erzbischof Adalbert.

Der Legende nach brach ein wilder Eber aus dem Wald und wühlte mit seinem Rüssel den Boden auf, um die Grenzen des künftigen Klosterbezirks zu markieren. Er gab dem Kloster seinen Namen: Eberbach. Die strengen Armutsideale der Zisterzienser überdauerten die wirtschaftliche Realität nicht. Wein war so profitabel, dass das Kloster im Hochmittelalter nach zeitgenössischen Beschreibungen das florierendste Weinhandelsunternehmen der damals bekannten Welt betrieb, mit Niederlassungen entlang des Rheins, Handelswegen bis nach England und in den Ostseeraum.

Zwölf historische Weinkeltern zeugen bis heute von den Erträgen. Über 700 Jahre, von der Gründung bis zur Säkularisierung 1803, kultivierten die Mönche ununterbrochen Wein. Danach ging das Gut an den Herzog von Nassau, dann an Preußen, seit 1945 gehört es dem Land Hessen – und zählt bis heute mit rund 200 Hektar zu den größten Weingütern Deutschlands. Weltweit bekannt wurde die Anlage 1986, als Jean-Jacques Annaud die romanischen und frühgotischen Räume als Kulisse für die Verfilmung von Umberto Echos „Der Name der Rose“ mit Sean Connery nutzte.

Millionen Kinobesucher sahen unwissentlich einen der bedeutendsten Schauplätze deutscher Weingeschichte. Die dritte Station führt ins 19. Jahrhundert – wieder ein Zufall. 1830 wurde im rheinhessischen Dromersheim bei Bingen erstmals gut dokumentiert Wein aus gefrorenen Trauben gekeltert.

Die Winzer hatten die Lese hinausgezögert, bis ein früher Wintereinbruch die Trauben am Stock gefrieren ließ. Ein Ereignis, das normalerweise als Ernteverlust gegolten hätte. Doch sie pressten die gefrorenen Trauben trotzdem – aus Verzweiflung oder Pragmatismus. Das Ergebnis überraschte alle: Beim Pressen gefrorener Trauben tritt nur das hochkonzentrierte, zuckerreiche Fruchtfleisch aus, das gefrorene Wasser bleibt als Eis zurück.

So entsteht ein außergewöhnlich süßer, intensiver Wein, den man auf herkömmlichem Weg nicht erzeugen könnte. Achtundzwanzig Jahre später, 1858, wagte sich auch das Weingut Schloss Johannisberg an die Eisweinherstellung. Das Gut hatte schon Jahrzehnte zuvor durch Zufall die Spätlese entdeckt: Ein reitender Bote des Fürstbischofs von Fulda, der die Erlaubnis zum Beginn der Weinlese bringen sollte, war aufgehalten worden. Die Trauben hingen wochenlang länger am Stock, schrumpften, wurden von Edelfäule befallen – und lieferten einen ungewöhnlich süßen, konzentrierten Wein.

Diese Struktur zieht sich durch die deutsche Weingeschichte: Die bedeutendsten Innovationen entstanden nicht aus geplanter Forschung, sondern aus Verzögerung, Verzweiflung oder Zufall – und wurden zu einigen der angesehensten und teuersten Weinspezialitäten. So schließt sich der Kreis: bei den Bauarbeitern von 1878, die im Fundament einer Festungsmauer das Grabmal eines Weinhändlers fanden, der 1700 Jahre zuvor gelebt hatte. Er konnte nicht ahnen, dass sein Grabmal einst als Baumaterial enden, nach anderthalb Jahrtausenden wieder ans Licht kommen und schließlich als hölzerner Nachbau erneut über dieselbe Mosel fahren würde. Die Zisterziensermönche, die ihr bescheidenes Kloster im Kisselbachtal gründeten, konnten nicht ahnen, dass daraus ein Weinhandelsimperium und später eine Filmkulisse werden würde.

Und die Winzer von Dromersheim konnten nicht vorhersehen, dass ihre Notlösung einmal in kleinen edlen Fläschchen zu Preisen verkauft würde, von denen sie nicht zu träumen gewagt hätten. Nicht schlecht für ein Getränk, das ursprünglich eine schlichte Antwort auf eine viel einfachere Frage war: wie man an einer Militärgrenze, in einem abgelegenen Klostertal oder auf einem plötzlich vom Frost überraschten Weinberg überlebt.