Der Schwiegersohn öffnete ein blaues Plastikfass in der Garage seines verstorbenen Schwiegervaters und fand zwei menschliche Beine und einen abgetrennten Arm. Es war der 10. September 2014, nur wenige Tage nach der Beerdigung von Manfred Seel, der einen Monat zuvor an Speiseröhrenkrebs gestorben war.

Der Fund in der Nordstraße 5 in Schwalbach am Taunus sollte eine der grausigsten Serienmordserien der deutschen Kriminalgeschichte ans Licht bringen.
vDie Polizei öffnete sofort das zweite Fass in der Garage und fand weitere Leichenteile. Die Identität der Toten war schnell geklärt, da die Fingerabdrücke trotz fortgeschrittener Verwesung noch erkennbar waren. Es handelte sich um Britta Simone Diallo, eine 43-jährige obdachlose und alkoholabhängige Frau, die im Herbst 2003 verschwunden war.
Sie war nie als vermisst gemeldet worden, nur ihre polizeilichen Registrierungen wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz ermöglichten die Identifizierung.
Die Ermittler standen vor einem Rätsel. Der mutmaßliche Täter, Manfred Seel, war bereits tot. Er starb am 26.
August 2014 im Alter von 67 Jahren, nur neun Monate nach seiner Krebsdiagnose. Seine Familie, Freunde und Nachbarn gaben an, nie einen blassen Schimmer von seiner mutmaßlichen Tat gehabt zu haben. Auch die Polizei war nie auf seine Schliche gekommen, weil die Ermordete nie als vermisst gemeldet wurde.
Die Leiche von Britta Diallo zeigte schockierende Verstümmelungen. Die Ermittler vermuten, dass ihr Mörder ihr mit einer Handsäge zunächst die Arme und dann die Beine abtrennte, während sie noch lebte. Zudem wurden ihr mehrere Schnitt- und Stichwunden zugefügt, und insgesamt acht Nägel wurden in ihre Knie, Brüste, das Becken und den Vaginalbereich geschlagen.
Ein Arm fehlt bis heute.
Die Polizei durchsuchte Seels Haus und fand Datenträger mit 10. 000 Bild- und Videoaufnahmen, darunter gewaltverherrlichende, nekrophile und kinderpornografische Szenen. In seinem Kellerraum wurden auch eine Fotoentwicklungsmaschine und einschlägige Hefte gefunden, die möglicherweise als Inspiration für seine Taten dienten.
Die Verletzungen seiner Opfer entsprachen fast eins zu eins den Inhalten dieser Filme.
Die Ermittler erstellten ein Täterprofil und kamen zu dem Schluss, dass es sich um einen Serientäter handeln musste. Die Kriminalpsychologin Lydia Benecke erklärte, dass solche Täter oft von Leid, Schmerz und Erniedrigung erregt werden und gleichzeitig ein geordnetes Leben führen können. Die Polizei konzentrierte sich auf Fälle mit diesem spezifischen Verletzungsmuster.
Der Fall Manfred Seel wurde zum größten Cold-Case-Komplex in Hessen. Die Polizei öffnete zahlreiche ungelöste Mordfälle wieder und brachte Seel mit bis zu zehn Morden in Verbindung. Die Ermittler stellten fest, dass in den späten 80er und 90er Jahren eine Häufung von Leichenfunden in und um Frankfurt stattfand, die zu Seels Profil passten.
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf dem Fall der 19-jährigen Gudrun Ebel, die im Februar 1971 in einer Holzhütte nahe der Friedberger Landstraße gefunden wurde. Sie war erdrosselt worden, und ihre Bauchdecke war aufgeschnitten. Der Täter hatte ihren Dünndarm, ihre Gebärmutter und ihren rechten Eierstock entfernt.
Seel war damals 24 Jahre alt und arbeitete in der Nähe der Tatortes.
Nur zwei Monate später wurde die 23-jährige Hatice ermordet, die ebenfalls in einem Seniorenheim arbeitete, in dem auch Gudrun Ebel beschäftigt war. Ihre Leiche wurde im Frankfurter Gutleutviertel gefunden. Sie hatte zahlreiche Stich- und Schnittverletzungen, und Teile ihrer linken Brust und ihre Schatten waren abgenommen.
Auch in diesem Fall fehlen Körperteile, die nie gefunden wurden.
Die Mordserie setzte sich in den 90er Jahren fort. Im Juni 1991 wurde die 36-jährige Gisela Sänger im Hofheimer Wald gefunden. Sie war wie Britta Diallo obdachlos, heroinabhängig und auf dem Frankfurter Straßenstrich tätig.
Sie wurde erdrosselt, ihr Bauchraum war aufgeschnitten, und ihr Dünndarm sowie Teile ihrer Haut fehlten. Nur einen Tag nach dem Fund flog Seel in den Urlaub nach Florida.
Im Dezember 1993 wurde der Torso der 31-jährigen Dominique Monrose in blauen Müllsäcken nahe der A661 gefunden. Sie war mit einem Stich ins Herz getötet worden. Auch sie war drogenabhängig, obdachlos und auf dem Straßenstrich tätig.
Ihr Kopf und ihr rechtes Bein fehlen bis heute.
Die Parallelen zwischen den Fällen waren frappierend. Allen Opfern wurden Körperteile oder Organe entfernt, was in Deutschland extrem selten ist. Die Ermittler gingen davon aus, dass sie es mit einem Serientäter zu tun hatten, der seine Opfer nach einem bestimmten Muster auswählte und verstümmelte.
Auch der Fall des 13-jährigen Tristan, der 1998 in Frankfurt brutal ermordet wurde, wurde untersucht. Seine Leiche wurde nur sieben Kilometer von Seels Wohnort gefunden, und seine Schuhe waren auf seinen Körper gestellt, ähnlich wie bei Gisela Sänger. Ein Fingerabdruck des Täters auf einem Schulheft stimmte jedoch nicht mit Seels Fingerabdrücken überein, sodass er offiziell als Täter ausgeschlossen wurde.
Die Polizei untersuchte auch den Fall der 1996 verschwundenen Bankangestellten Pia Heim. Ihr abgetrennter Kopf wurde fünf Monate später in der Nähe der Straßenbahnhaltestelle am Mühlberg gefunden. Der Rest ihrer Leiche fehlt bis heute.
Auch sie hielt sich oft am Frankfurter Hauptbahnhof auf.
Die Liste der Fälle, die neu untersucht wurden, war lang. Die Polizei überprüfte auch die Vermisstenfälle von Julia Schröder und Gabriele de Haas aus den Jahren 1998 und 1999. Beide Frauen waren zuletzt auf dem Frankfurter Straßenstrich tätig, und kurz nach ihrem Verschwinden unternahm Seel USA-Reisen.
Ein großer Konflikt im Fall Manfred Seel ist, dass er zum Zeitpunkt der Anschuldigungen bereits verstorben war. Er starb einen Monat vor dem Fund der Leiche in seiner Garage. Gegen ihn konnte weder Anklage erhoben werden noch konnte er jemals rechtskräftig als Mörder verurteilt werden.
Die Unschuldsvermutung gilt über den Tod hinaus.
Die Polizei untersucht jedoch die Möglichkeit, dass Seel einen Komplizen hatte. Einige Medienberichte bringen seinen ebenfalls verstorbenen Geschäftspartner Werner Lederer ins Spiel. Der Besitzer der Garage, die Seel und Lederer gemeinsam angemietet hatten, gab an, beide zusammen in der Garage herumwerkeln gesehen zu haben.
Ein gemeinsamer Bekannter berichtete von einem symbiotischen Verhältnis zwischen den beiden.
Da Lederer ebenfalls verstorben ist, kann auch gegen ihn nicht mehr ermittelt werden. Die Polizei bleibt jedoch überzeugt, dass Seel die Morde begangen hat. Ein Beamter sagte während eines Pressetermins, dass man sich aus den fehlenden Körperteilen aller Opfer tatsächlich einen neuen Körper zusammensetzen könnte.
Der Profiler Axel Petermann ordnete Seel als einen mutmaßlichen Lustmörder ein, der während seiner Taten sadistische Fantasien ausgelebt habe. Die Aufbewahrung der Leichenteile habe ihm immer präsent gehalten, dass er derjenige war, der getötet hat und die Macht hatte.
Die Arbeitsgruppe wurde mittlerweile aufgelöst, doch die Mordkommission ermittelt weiter. Die kriminalakte Manfred Seel ist noch nicht geschlossen. Von der Presse wird er als Hessenretter oder Jack the Ripper von Schwalbach bezeichnet.
Juristisch wird man ihn für seine mutmaßlichen Taten nie belangt, aber durch das Auftauchen der blauen Fässer in seiner Garage konnten neue Ermittlungen beginnen, die grausame Mord- und Vermisstenfälle ans Licht brachten, die in der Öffentlichkeit leider schon lange keine Rolle mehr gespielt haben.


