Für die Russen war es Rache. Für die deutschen Frauen die Hölle

Für die Russen war es Rache. Für die deutschen Frauen die Hölle

Das war die Hölle auf Erden. Eine Welle unvorstellbarer Gewalt rollte über Ostdeutschland hinweg, als die Rote Armee im Januar 1945 erstmals den Boden des Dritten Reiches betrat. Was folgte, war kein Befreiungszug, sondern ein Rachefeldzug, der sich mit brutaler Systematik gegen die Zivilbevölkerung richtete, vor allem gegen Frauen und Mädchen.

Schätzungen zufolge wurden zwischen Januar und August 1945 bis zu zwei Millionen deutsche Frauen von Soldaten der Roten Armee vergewaltigt. Es handelt sich um das größte dokumentierte Massenvergewaltigungsereignis der Geschichte.

Die Ursprünge dieser beispiellosen Gewalt liegen in der beispiellosen Brutalität des deutschen Angriffskrieges gegen die Sowjetunion. Am 22. Juni 1941 überfiel Nazi-Deutschland unter dem Decknamen „Unternehmen Barbarossa“ seinen ehemaligen Verbündeten.

Es war kein gewöhnlicher Krieg. Hitler hatte einen Vernichtungskrieg befohlen, einen Rassenkrieg, der die slawischen und jüdischen Bewohner der Sowjetunion als Untermenschen betrachtete und ihre systematische Vernichtung vorsah. Die Wehrmacht, die SS und die Einsatzgruppen mordeten sich durch das Land.

Ganze Dörfer wurden ausgelöscht, Millionen sowjetischer Kriegsgefangener dem Hungertod preisgegeben. Städte wie Leningrad wurden monatelang belagert und ausgehungert. Die Deutschen hinterließen eine Schneise der Verwüstung und des Völkermords.

Als die Rote Armee nach der verlustreichen Schlacht von Stalingrad im Februar 1943 zur Gegenoffensive überging und die deutsche Wehrmacht Stück für Stück nach Westen zurückdrängte, wuchs in den sowjetischen Reihen der unbändige Drang nach Vergeltung. Die sowjetische Propaganda schürte diesen Hass, zeigte die zerstörten Städte und die Leichenberge in der Heimat. Jeder Soldat hatte Freunde oder Familie verloren.

Diese Wut entlud sich, als die Front im Oktober 1944 erstmals die Grenze zu Ostpreußen erreichte und die Rote Armee tief in das deutsche Kernland eindrang.

Das Ausmaß der Racheakte war monströs. Es ging nicht um spontane Exzesse, sondern um eine geduldete, oft erwartete und systematische Gewalt. In vielen Städten und Dörfern waren die ersten Tage nach der Einnahme inoffiziell für Plünderungen und Vergewaltigungen reserviert.

Die Soldaten, so ein ehemaliger Offizier, seien jung und stark gewesen und vier Jahre ohne Frauen. Ein sowjetischer Major sprach offen davon, dass die Männer so sexuell ausgehungert gewesen seien, dass sie Großmütter vergewaltigt hätten. Die sowjetische Kriegsberichterstatterin Natalia Gesse beschrieb die Rote Armee als eine Armee von Vergewaltigern, die jede Frau von acht bis achtzig Jahren vergewaltige.

Besonders schlimm traf es Ostpreußen, Schlesien und Pommern. Dort wurden mindestens 1,4 Millionen Frauen Opfer dieser Gewalt. Die Zahl der Todesopfer durch die Vergewaltigungen selbst, durch Folgeerkrankungen und vor allem durch Selbstmord wird auf bis zu 240.

000 geschätzt. Viele Frauen wurden mehrfach vergewaltigt. Manche berichteten von 60 oder 70 Übergriffen.

In Berlin dokumentierten Krankenhäuser zwischen 95. 000 und 130. 000 Vergewaltigungsopfer.

Zehntausend Frauen starben in der Hauptstadt in der Folge, viele durch Selbstmord. Die Schreie der Frauen hallten durch die Trümmer der zerbombten Stadt.

Die Täter kamen aus allen Teilen der riesigen Sowjetunion. Besonders häufig aber wurden von den Überlebenden Männer mit asiatischen oder mongolischen Gesichtszügen genannt. Die Nazi-Propaganda hatte über Jahre das Bild der barbarischen mongolischen Horden gezeichnet, um den deutschen Widerstand zu stärken.

Nun wurde dieses Feindbild für die deutschen Zivilisten zur grausamen Realität. In Kellern und Bunkern hockten die Frauen in Todesangst, während die Soldaten mit Taschenlampen durch die Straßen patrouillierten und nach Verstecken suchten.

Die Verzweiflung der Frauen war grenzenlos. Sie beschmierten ihre Gesichter mit Dreck, zogen Lumpen an und versteckten ihre Töchter tagelang in Schränken und Speisekammern. Mütter verrieten manchmal die Verstecke anderer Frauen, um ihre eigenen Kinder zu retten.

Manche Frauen boten sich einem einzelnen Soldaten an, in der Hoffnung, einer Gruppenvergewaltigung zu entgehen. Die junge Schauspielerin Mark Daviland in Berlin wurde von einem 16-jährigen Soldaten aus Zentralasien aus ihrem Versteck gezerrt. Ihre jüdische Freundin, die ihnen folgte, wurde trotzdem vergewaltigt.

Als Nachbarn den Soldaten sagten, das Mädchen sei Jüdin, zuckten sie nur die Achseln und sagten: „Frau ist Frau. “ Die nationalsozialistische Rassenideologie war für die Soldaten der Roten Armee bedeutungslos geworden. Der Hass galt allen Deutschen.

Ein besonders tragischer Fall wurde erst viele Jahre später bekannt. Hannelore Kohl, die erste Frau des späteren Bundeskanzlers Helmut Kohl, war im Mai 1945 gerade zwölf Jahre alt, als sie von sowjetischen Soldaten brutal vergewaltigt wurde. Sie wurde wie ein Zementsack aus einem Fenster im ersten Stock geworfen.

Sie erlitt eine lebenslange Rückenverletzung und chronische Krankheiten. Im Jahr 2001 nahm sie sich das Leben. Ihr Leiden war ein Symbol für das Schicksal einer ganzen Generation von Frauen, die nie über das Erlebte sprechen konnten oder durften.

Die physischen und psychischen Folgen waren verheerend. Die medizinische Versorgung existierte nicht mehr. Frauen litten an unbehandelten Infektionen, inneren Verletzungen und schweren Traumata.

Unzählige Schwangerschaften waren das Ergebnis dieser Vergewaltigungen. Abtreibungen wurden unter lebensgefährlichen Bedingungen durchgeführt. Frauen, die ihre Kinder austrugen, brachten sogenannte „Russenkinder“ zur Welt.

Diese Kinder waren stigmatisiert, wurden oft ausgesetzt oder wuchsen in äußerster Armut auf. In Berlin stieg die Kindersterblichkeit drastisch an. Schätzungen zufolge überlebten bis zu 90 Prozent der Neugeborenen in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht.

Die seelischen Wunden waren noch tiefer. Tausende Frauen begingen Selbstmord, weil sie mit der Scham und dem Trauma nicht fertig wurden. Hinzu kam eine grausame gesellschaftliche Reaktion.

Viele Frauen wurden von ihren eigenen Ehemännern oder Vätern verstoßen oder sogar ermordet, weil ihnen vorgeworfen wurde, die Vergewaltigung nicht verhindert zu haben. In einer Gesellschaft, die selbst in Trümmern lag und nach moralischer Orientierung suchte, wurde das Leid der Frauen oft mit Stillschweigen oder Verachtung beantwortet. Sie wurden in der Öffentlichkeit beschimpft und gedemütigt, anstatt Trost und Hilfe zu finden.

Es war ein Tabu, das jahrzehntelang weder im Osten noch im Westen offen thematisiert wurde. In der Sowjetunion durfte die Dunkelheit der Roten Armee nicht erwähnt werden. In der jungen Bundesrepublik Deutschland war das Thema zu beschämend, zu schmerzhaft.

Die Opfer blieben allein. Eine Überlebende formulierte es später so: „Wir haben den Krieg überlebt, aber den Frieden danach haben wir nie wirklich überstanden. “ Der Historiker und die Forschung haben erst in den letzten Jahrzehnten begonnen, dieses Kapitel aufzuarbeiten.

Die Zahl von bis zu zwei Millionen vergewaltigten Frauen und zehntausenden Selbstmorden allein in Berlin zeigt das unfassbare Ausmaß des Leids, das den deutschen Frauen im Frühjahr 1945 zugefügt wurde. Es war ein Akt der Vergeltung, der die Grenzen des Humanitären sprengte und Narben hinterließ, die bis heute nicht vollständig verheilt sind. Die Erinnerung an diese Hölle darf nicht vergehen, denn nur wer das ganze Ausmaß des Schreckens kennt, kann verhindern, dass sich solche Verbrechen jemals wiederholen.