Sie war eine der radikalsten Nationalsozialistinnen der Niederlande, so fanatisch, dass selbst die Führung der NSB sie für zu extrem hielt. Ihr Name: Florentine Rost van Tonningen. Als „Schwarze Witwe“ ging sie in die Geschichte ein – eine Frau, die bis zu ihrem Tod den Holocaust leugnete und Kontakt zu verurteilten Kriegsverbrechern pflegte.

Geboren am 14. November 1914 in Amsterdam als Florentine Sophie Houbolt, wuchs sie in einem angesehenen Bankiershaushalt in Hilversum auf. Ihr Vater war Deutscher, die Familie stand in hohem gesellschaftlichem Ansehen.
Selbst die junge Prinzessin Juliana spielte Tennis mit Florentine und ihrem Bruder Wim.
Doch schon früh wandte sich Florentine dem Nationalsozialismus zu. Sie las Hitlers „Mein Kampf“ und die Schriften des NS-Ideologen Alfred Rosenberg. Ihr deutsches Erbe, so vermuten Historiker, prägte ihre starke Orientierung an Deutschland.
In den 1930er Jahren wurde sie Mitglied der Nationale Jeugdstorm, der Jugendorganisation der niederländischen faschistischen Partei NSB.
Sie studierte Biologie an der Universität Utrecht mit Schwerpunkt Tierpsychologie. Im Sommer 1936 hielt sie sich in Berlin auf – und war tief beeindruckt von der Kameradschaft, Disziplin und Hingabe der NS-Bewegung. Ein Jahr später reiste sie nach Niederländisch-Indien.
Nach ihrer Rückkehr verließ sie die NSB aus einem bemerkenswerten Grund: Ihr waren die Rassenhygiene-Maßnahmen innerhalb der Partei nicht konsequent genug.
Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939. Die Niederlande blieben zunächst neutral, doch am 10.
Mai 1940 überfiel Hitler das Land ohne Kriegserklärung. Rotterdam wurde bombardiert, die historische Altstadt zerstört, Hunderte Zivilisten starben. Nach nur fünf Tagen kapitulierte die niederländische Armee.

Florentine arbeitete zu dieser Zeit in einem Zoo in Berlin. Als sie von der Besetzung erfuhr, kehrte sie in die Niederlande zurück – mit dem festen Willen, dem neuen Regime zu dienen. Kurze Zeit später besuchte sie eine „Befreiungsversammlung“ der NSB und traf dort den prominenten Nationalsozialisten Meinoud Rost van Tonningen.
Rost van Tonningen war der zweite Führer der NSB und trieb die Partei in eine radikale, antisemitische und rassistische Richtung. Florentine war sofort von ihm beeindruckt. Wenige Monate später machte er ihr einen Heiratsantrag.
Die Beziehung war kompliziert: Er war 20 Jahre älter, bereits verheiratet und hatte ein Kind. Zudem gab es Bedenken wegen seiner „Rassenreinheit“ – angeblich hatte er indische und schwarzafrikanische Vorfahren.
Letztlich genehmigte Heinrich Himmler persönlich die Heirat. Die Hochzeit fand im Dezember 1940 statt, in Anwesenheit führender NSB-Mitglieder. In den folgenden Jahren bekam Florentine drei Söhne und übernahm repräsentative Pflichten als Ehefrau eines hochrangigen Funktionärs.
Politisch waren die Eheleute einer Meinung: Beide wollten die Niederlande als verlorenen Teil Deutschlands in das Reich eingliedern. Andere Fraktionen der NSB hielten dagegen am niederländischen Nationalismus fest. Rost van Tonningen wurde im März 1941 zum Präsidenten der Niederländischen Zentralbank ernannt.
In dieser Rolle beseitigte er Währungshindernisse zwischen den Niederlanden und Deutschland und ermöglichte die Überführung niederländischer Goldreserven ins Dritte Reich.

1944, als die Niederlage Deutschlands absehbar war, trat er der Waffen-SS bei. Im März 1945 wurde er als Obersturmführer an die Front geschickt. Florentine floh mit ihren Kindern nach Goslar in Deutschland, wo auch ihre Eltern lebten.
Der Krieg endete am 8. Mai 1945. Meinoud Rost van Tonningen starb kurz darauf im Gefängnis, angeblich durch einen Sprung über das Treppengeländer.
Florentine bestritt stets den Selbstmord – sie behauptete, er sei ermordet worden, weil er als Zentralbankpräsident zu viel über Schwarzmarktgeschäfte prominenter Persönlichkeiten gewusst habe. In einem Buch beschuldigte sie sogar Prinz Bernhard, den Ehemann von Königin Juliana, für den Tod verantwortlich zu sein.
Im Juli 1948 kehrte Florentine in die Niederlande zurück. Sie wurde sofort verhaftet, aber nach einem Monat freigelassen. Ohne Einkommen lebte sie zunächst bei einem Cousin und führte dessen Haushalt.
Ab 1950 besserte sich ihre Lage: Sie erhielt eine Witwenrente vom niederländischen Staat, weil ihr Mann als NSB-Abgeordneter im Parlament gedient hatte. Zudem erbte sie einen Teil des deutschen Familienvermögens, kaufte eine Villa in Velp und gründete ein Elektrounternehmen.
Florentine pflegte lebenslang Kontakte zu prominenten Ex-Nazis und Sympathisanten wie Gudrun Himmler, der Tochter Heinrich Himmlers, und Paula Hitler, der Schwester Adolf Hitlers. In den 1950er und 1960er Jahren trat sie mehrfach im Fernsehen auf, um die Größe Hitlers und Himmlers zu preisen und die Umstände des Todes ihres Mannes zu bestreiten. Auch die Leugnung des Holocaust setzte sie öffentlich fort.
In den 1970er Jahren wurde sie politisch aktiver. Ihre Villa in Velp wurde zum Treffpunkt für alte und neue Rechtsextremisten. Besonders berüchtigt waren die Sonnenwendfeiern im Stil des Dritten Reiches, die ihr den Spitznamen „Schwarze Witwe“ einbrachten.
Anfang der 1980er Jahre gründete ein kleiner Kreis treuer Anhänger das „Consortium de Levensboom“, das die germanische Kultur fördern und den Nationalsozialismus wiederbeleben wollte. Die Zeitschrift „Manuskripte“ hatte eine Auflage von 450 Exemplaren.
Sie war indirekt an der Gründung der rechtsextremen Centrumpartij beteiligt und sammelte Unterschriften für die Wahlen 1982. Zur Finanzierung nutzte sie Gelder aus ihrem Unternehmen, was schließlich zur Insolvenz führte. Florentine war fast ununterbrochen in rechtliche Auseinandersetzungen verwickelt.
1986 entbrannte eine öffentliche Debatte über ihre fortlaufende Witwenrente. Eine Parlamentsabstimmung entschied, dass kein spezielles Gesetz nötig sei, um diesen Ausnahmefall zu regeln – sie durfte die Rente behalten. Ihre Kinder distanzierten sich stets von ihrer nationalsozialistischen Ideologie.
Florentine Rost van Tonningen starb am 24. März 2007 im Alter von 92 Jahren in der belgischen Stadt Wassenberg, wohin sie gezogen war, nachdem sie in den Niederlanden keine Wohnung mehr gefunden hatte. Sie hinterließ hohe Schulden; für ihre Beerdigung war kein Geld da.
Um einen Ansturm von Neonazis zu verhindern, wurde sie still im niederländischen Rheden beigesetzt, wo sie bereits in den 1990er Jahren ein Grab gekauft hatte.
Bis zuletzt blieb sie unbelehrbar. Ihr Leben ist ein düsteres Kapitel der niederländischen Kollaborationsgeschichte – eine Frau, die selbst unter den eigenen Gesinnungsgenossen als zu radikal galt.


