Die Geschichte der Wehrmachtsgeneräle ist keine Erzählung vom Rande des nationalsozialistischen Staates, sondern ein Blick in sein Innerstes – in das Zentrum einer Kriegsmaschine, die für Eroberung und Vernichtung gebaut war und in der der Alltag der obersten Führung den Komfort und die Privilegien spiegelte, die untrennbar mit den politischen Verbrechen des Regimes verbunden waren.
Bereits in den Jahren der Weimarer Republik hatten die militärischen Eliten eine heimliche Aufrüstung betrieben, um die Fesseln des Versailler Vertrags zu sprengen. Als Adolf Hitler 1933 an die Macht kam, versprach er genau das, wonach sich die Generalität sehnte – Wiederbewaffnung, Wiederherstellung der Wehrpflicht und Aufhebung der Schranken. Die Versuchung war groß, und sie wurde angenommen.
Der entscheidende Moment kam mit dem Eid vom 2. August 1934. Die Soldaten und Offiziere schworen nicht mehr auf die Verfassung, sondern auf die Person Adolf Hitlers.
Aus einer Treue zum Staat wurde eine persönliche Gefolgschaft, die das Offizierskorps unmittelbar an den Diktator und seine aggressiven Ziele band.
Mit dem Überfall auf Polen 1939 begann die Reihe der Feldzüge, in denen die Generäle als Planer und Vollstrecker wirkten. Die militärische Führung wusste von den Einsatzgruppen, die gezielt polnische Eliten und Juden ermordeten, und leistete in vielen Fällen logistische Unterstützung. Schon der erste Feldzug zeigte das Muster, das sich später ins Ungeheure steigern sollte.
Der Westfeldzug 1940 veränderte den Alltag der Generäle grundlegend. Ihre Stäbe richteten sich in requirierten Schlössern und Palästen ein. Die Verpflegung verbesserte sich spürbar, Wein aus den eroberten Gebieten stand zur Verfügung.
Persönliche Wagen der Marken Horch und Mercedes, ein Stab von Adjutanten und Ordonnanzen nahmen den Befehlshabern die alltäglichen Mühen ab.
Der Kontrast zu den Bedingungen der einfachen Soldaten war groß. Während die Männer in Quartieren und Stellungen froren und hungerten, arbeiteten die Generäle in Umgebungen, die an gehobene bürgerliche Haushalte erinnerten. Diese Organisation der Stabsarbeit erlaubte es der Spitze, sich ganz auf die großen Linien der Operationen zu konzentrieren, ohne den unmittelbaren Schrecken des Gefechts teilen zu müssen.
Mit der Vorbereitung des Ostfeldzugs im Jahr 1941 verschob sich dieser Alltag in einen Zusammenhang, dessen Ausmaß alles vorherige übertraf. Der Vernichtungscharakter des Krieges gegen die Sowjetunion war nicht erst eine Folge der Kämpfe, sondern wurde schon vor dem ersten Schuss in Befehlen festgelegt, die durch die militärische Befehlskette liefen.
Der sogenannte Barbarossa-Erlass hob die Zuständigkeit der Kriegsgerichte für Taten deutscher Soldaten gegen Zivilisten weitgehend auf. Der Kommissarbefehl ordnete die sofortige Erschießung gefangener politischer Offiziere der Roten Armee an. Diese Befehle wurden in der obersten Heeresführung erörtert, weitergegeben und in vielen Verbänden ausgeführt.
Die wirtschaftliche Planung für den Osten kalkulierte den Hunger ausdrücklich als Mittel ein. Die Ernährung der deutschen Truppen aus dem Land sollte den Tod von Millionen Menschen in den besetzten Gebieten zur Folge haben. Die Generäle kannten diese Richtlinien und machten sie zur Grundlage ihres Handelns, noch ehe die ersten Verbände die Grenze überschritten.
Die Annehmlichkeiten des Stabslebens waren konkret und greifbar. Es gab Jagdausflüge in den Wäldern der besetzten Gebiete, beschlagnahmte Kunst und Wertgegenstände. Persönliche Köche, Ordonnanzen und Fahrer sorgten dafür, dass der Alltag der Befehlshaber von den Mühen des Krieges weitgehend frei blieb.
Dieser Gegensatz war keine Frage des Zufalls, sondern ein Ausdruck der Hierarchie, in der die Spitze sich zuerst bediente. Die Erschöpfung der Front bezahlte den Komfort der Stäbe, und der Glanz der höchsten Quartiere ruhte auf dem Elend der besetzten Länder und auf dem Opfer der eigenen Mannschaften.
Der Geist, der dieses Kommando durchdrang, lässt sich an konkreten Befehlen ablesen. Im Oktober 1941 erließ Feldmarschall Walter von Reichenau einen berüchtigten Befehl, der ein hartes, gnadenloses Vorgehen gegen Juden und alles Bolschewistische forderte. Erich von Mannstein gab auf der Krim eine ähnliche Weisung heraus.
Solche Befehle waren keine Entgleisungen einzelner Hitzköpfe, sondern Ausdruck einer in der Führung verbreiteten Haltung. Sie verbanden den militärischen Auftrag ausdrücklich mit der ideologischen Feinderklärung des Regimes und machten die Truppe zum Werkzeug einer Politik der Auslöschung.
Wie weit die militärische Führung den Gedanken der Auslöschung mittrug, zeigte die Belagerung Leningrads. Die deutsche Führung entschied, die Stadt nicht zu stürmen, sondern sie auszuhungern – in der ausdrücklichen Absicht, ihre Bevölkerung dem Tod zu überlassen. Mehr als eine Million Menschen starben an Hunger und Kälte.
Diese Entscheidung war keine Tat einzelner Mordkommandos, sondern eine strategische Wahl der militärischen Führung, die den Hungertod ganzer Städte bewusst in ihre Pläne aufnahm. Die Befehle, die den Tod von Zivilisten in Kauf nahmen, kamen aus denselben Stäben, in denen die Generäle ihre Lagebesprechungen abhielten.
Die Versorgung der Front und die Sicherung des Hinterlandes waren eng verzahnt. Die militärische Verwaltung der besetzten Gebiete arbeitete mit den Mordkommandos der Einsatzgruppen zusammen. Viele Befehlshaber zogen es vor, sich auf die rein militärische Seite zu konzentrieren und die Vorgänge im Rücken als politische Angelegenheiten zu betrachten.
Andere unterstützten diese Vorgänge aktiv und sahen darin einen notwendigen Teil der Kriegführung. In beiden Fällen lief das Ergebnis auf dasselbe hinaus: Die Maschine der Vernichtung funktionierte, weil die militärische Führung sie funktionieren ließ und ihr die nötigen Mittel zur Verfügung stellte.
Der Tagesablauf eines Generals folgte einem festen Rhythmus, der den Eindruck geordneter Arbeit erweckte. Am Morgen standen die Lagebesprechungen an den Karten, es folgten Meldungen an das Oberkommando, Inspektionen der unterstellten Truppen und am Abend erneute Besprechungen.
Doch diese Routine war verflochten mit einem System, in dem der Erfolg an der Front unmittelbar vom Terror im Hinterland abhing. Was hieß es, Karten zu studieren und Operationen zu planen, während im Rücken der eigenen Armee Menschen zu Hunderttausenden ermordet wurden?
Bereits im Winter 1941, als der Vormarsch vor Moskau stecken blieb, kam es zur ersten großen Krise zwischen Hitler und seinen Generälen. Der Diktator verlangte, jede Stellung um jeden Preis zu halten. Der Oberbefehlshaber des Heeres Walter von Brauchitsch wurde entlassen, Hitler übernahm den Oberbefehl selbst.
Nach der Katastrophe von Stalingrad und der gescheiterten Offensive bei Kursk 1943 verschärfte sich der Druck auf die Generalität. Hitler griff immer tiefer in die Führung ein, betrieb Mikromanagement der Fronten und setzte Befehlshaber ab. Die Privilegien blieben erhalten, wurden aber vor dem Hintergrund wachsender Verluste zerbrechlich.
Der 20. Juli 1944 wurde zum Wendepunkt. Das gescheiterte Attentat auf Hitler löste eine Welle der Rache aus.
Hinrichtungen, Schauprozesse und erzwungene Selbstmorde folgten. Erwin Rommel erhielt die Wahl zwischen einem Verfahren und dem stillen Tod – er nahm Gift, um seine Familie zu schützen.
Das Ende des Krieges traf die Generäle in einer Welt, die zusammenbrach. Die letzten Hauptquartiere waren von Enge, Erschöpfung und dem Bewusstsein der nahenden Niederlage geprägt. Nach dem Krieg begann eine neue Phase, in der die Überlebenden ihre Rolle neu erzählten.
In Verhören und Memoiren stellten sie sich als reine Fachleute dar, die nur ihre Pflicht erfüllt und von den Verbrechen nichts gewusst hätten. Sie zeichneten das Bild einer sauberen Wehrmacht, fern von der Politik und den Mordtaten der SS. Diese Erzählung kam den westlichen Alliierten zu Beginn des Kalten Krieges gelegen.
Doch die Forschung und die Archive zeichnen ein anderes Bild. Von den fast sechs Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, die in deutsche Hand fielen, starben über drei Millionen an Hunger, Kälte, Krankheit und durch gezielte Tötung. Die Verantwortung lag bei der militärischen Verwaltung.
Die Zusammenarbeit mit der SS und den Einsatzgruppen, die Ausbeutung der besetzten Gebiete und der Einsatz von Zwangsarbeit gehörten zum Kern der Kriegführung im Osten. Der Lebensstil der Generäle war untrennbarer Teil derselben Maschine, die den Vernichtungskrieg führte.
Am Ende steht die Einsicht, dass das tägliche Leben der Wehrmachtsgeneräle nicht von individuellen Tugenden erzählt, sondern davon, wie sich eine ganze militärische Organisation in ein nationalsozialistisches System der Aggression und Vernichtung einfügte. Der Komfort der Stäbe war möglich durch die umfassende Ausbeutung der besetzten Gebiete.
Die Generäle dienten einem Regime, dem sie persönlich geschworen hatten, und ihr Lebensstil spiegelte eine Hierarchie, in der militärisches Können in den Dienst einer Ideologie der Expansion gestellt war. Der Mythos der sauberen Wehrmacht hält den Dokumenten der Archive nicht stand.
Diese Seite des Krieges zu verstehen bedeutet zu sehen, wie institutionelle Loyalität, Karrieredenken und berufliche Disziplin den zerstörerischsten Zielen dienen können, ohne dass jeder einzelne persönlich Gräueltaten begehen muss. Es ist eine Geschichte über ein konkretes historisches System und den Preis, den es von allen forderte.


