Walther von Reichenau – Der General, den selbst die Nazis vergessen wollten

Walther von Reichenau – Der General, den selbst die Nazis vergessen wollten

Gestern noch ein gefeierter Feldmarschall, heute nahezu aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt: Das Schicksal von Walther von Reichenau wirft ein grelles Licht auf die dunkelsten Kapitel der deutschen Militärgeschichte.

Der am 8. Oktober 1884 in Karlsruhe geborene Sohn eines preußischen Generals galt lange als einer der treuesten Paladine Adolf Hitlers. In einer Umgebung aufgewachsen, in der Schlachtpläne die Abendgespräche bestimmten und militärische Tradition das Lebensgesetz vorgab, trat Reichenau 1903 in die kaiserliche Armee ein.

Schon früh zeigte sich eine Besessenheit von Disziplin und Selbstkontrolle, die ihn von seinen Kameraden unterschied.

Im Ersten Weltkrieg diente Reichenau als Stabsoffizier und entwickelte eine kalte, analytische Distanz zum Kriegsgeschehen. Für ihn waren Soldaten keine Menschen, sondern Nummern auf einer Karte. Diese Haltung sollte prägend für seine gesamte Karriere bleiben.

Die Niederlage von 1918 empfand Reichenau als persönliche Demütigung. In der stark verkleinerten Reichswehr überlebte er die Kürzungen, vor allem dank seiner Fähigkeit, sich unentbehrlich zu machen. Er knüpfte frühzeitig Kontakte zur aufstrebenden NSDAP, während viele seiner Kameraden die Nationalsozialisten noch als vulgäre Straßenschläger betrachteten.

Bereits 1932 arrangierte Reichenau geheime Treffen zwischen hochrangigen Militärs und NS-Führern. Er fungierte als Übersetzer zwischen zwei Welten, übersetzte Hitlers Visionen in militärische Begriffe. Nach der Machtergreifung 1933 wurde er einer der engsten militärischen Berater des Diktators.

Die Nacht der langen Messer im Juni 1934 offenbarte Reichenaus wahres Gesicht. Während hunderte Deutsche ohne Gerichtsverfahren ermordet wurden, rechtfertigte er die Säuberung als notwendigen Akt für die Stabilität des Reiches. Er half, die Zweifel in der Wehrmacht zu ersticken und die Gewissen zu betäuben.

1935 übernahm Reichenau die Leitung des Wehrmachtamts im Reichskriegsministerium. Er arbeitete eng mit Hermann Göring zusammen und trieb die Aufrüstung voran. Seine Vision war eine mobile, aggressive Wehrmacht, die Blitzkriege führen konnte.

Er studierte die Theorien von Guderian und träumte von Panzerdivisionen, die unaufhaltsam durch Europa rollen würden.

Der Einmarsch in Österreich 1938 und der Überfall auf Polen 1939 waren erste Triumphe. Reichenau führte seine Truppen mit gnadenloser Effizienz. Doch hinter den militärischen Erfolgen lauerte bereits die Dunkelheit.

Während des Polenfeldzugs waren seine Truppen an Massakern an Zivilisten beteiligt. Reichenau wusste davon, schwieg aber und deckte die Täter.

1940 führte Reichenau die sechste Armee im Westfeldzug gegen Frankreich. Der schnelle Sieg bestärkte ihn in seinem Größenwahn. Er glaubte nun, Deutschland sei unbesiegbar.

Diese Hybris sollte ihn in die Katastrophe führen.

Am 22. Juni 1941 begann die Operation Barbarossa, der Überfall auf die Sowjetunion. Reichenaus sechste Armee war Teil der Heeresgruppe Süd.

Die ersten Wochen waren ein Triumph. Millionen Rotarmisten wurden eingekesselt. Reichenau schrieb euphorische Briefe nach Hause, in denen er den Sieg noch vor Weihnachten prophezeite.

Doch die Realität holte ihn ein. Der russische Raum war endlos, der Widerstand härter als erwartet. Die Grausamkeiten eskalierten.

Am 10. Oktober 1941 erließ Reichenau einen Befehl, der in die Geschichte eingehen sollte. Darin hieß es, Soldaten müssten die Notwendigkeit der harten Sühne am Judentum verstehen.

Der Befehl rechtfertigte Massenmorde als militärische Notwendigkeit und wurde zum Modell für andere Einheiten.

Im September 1941 eroberte Reichenaus Armee Kiew. Über 650. 000 sowjetische Soldaten wurden gefangen genommen.

Hitler ernannte Reichenau zum Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd. Nur wenige Tage später verübten SS-Einheiten und Wehrmachtstruppen das Massaker von Babyn Jar, bei dem über 33. 000 Juden ermordet wurden.

Reichenaus Hauptquartier lag nur wenige Kilometer entfernt. Er unternahm nichts.

Der Winter 1941 brachte die Wende. Die Rote Armee startete eine massive Gegenoffensive vor Moskau. Die Wehrmacht musste den ersten Rückzug des Krieges antreten.

Reichenau war wütend, beschuldigte seine Untergebenen und forderte noch brutalere Maßnahmen gegen Zivilisten.

Am 12. Januar 1942 ging Reichenau trotz eisiger Kälte joggen. Er erlitt einen Schlaganfall und wurde bewusstlos im Schnee gefunden.

Hitler ordnete einen Flug nach Deutschland an, doch während des Fluges verschlechterte sich Reichenaus Zustand rapide. Die Maschine musste notlanden. Am 17.

Januar 1942 starb er in einem Lazarett in Lemberg.

Offiziell war die Todesursache ein zweiter Schlaganfall, aber sofort begannen Gerüchte zu kursieren. War er ermordet worden? Von Hitler, weil er zu mächtig wurde?

Von sowjetischen Agenten als Rache für Babyn Jar? Von unzufriedenen Offizieren, die seine extremen Befehle stoppen wollten? Die Wahrheit wird nie ans Licht kommen.

Reichenaus Leiche wurde nie obduziert, alle medizinischen Aufzeichnungen verschwanden nach dem Krieg.

Hitler ordnete ein Staatsbegräbnis an. Göring, Himmler und andere Naziführer hielten Lobreden. Die Propagandamaschine lief auf Hochtouren.

Doch nur wenige Monate später begann Reichenaus Ruf zu verblassen. Neue Generäle übernahmen seine Position. Sein Name wurde leiser, bis er fast unhörbar war.

Nach dem Krieg versuchten Historiker, Reichenaus Rolle zu bewerten. In Nürnberg wurde sein Befehl vom Oktober 1941 als Beweis vorgelegt. Doch da er tot war, konnte er nicht vor Gericht gestellt werden.

Seine Familie versuchte, ihn als loyalen Soldaten darzustellen, der nur seine Pflicht getan habe.

Heute erinnern sich nur wenige an Reichenau, während Generäle wie Rommel oder Guderian berühmt blieben. Vielleicht war Reichenau selbst für Nazi-Verhältnisse zu extrem. Sein Hass war zu offensichtlich, zu unverblümt, zu dokumentiert.

Oder sein früher Tod löschte ihn aus der Geschichte, bevor er vollständig zur Rechenschaft gezogen werden konnte.

Die Frage bleibt: Kann ein brillanter Stratege gleichzeitig ein Monster sein? Die Antwort lautet eindeutig ja. Reichenau war kein einfacher Soldat, der Befehle befolgte.

Er war ein Architekt des Terrors, ein Mann, der aktiv an der Umsetzung von Hitlers rassistischem Vernichtungskrieg arbeitete. Seine militärischen Erfolge können seine Verbrechen nicht auslöschen.

In der Ukraine gibt es kaum Denkmäler für Reichenau. Stattdessen stehen dort Gedenkstätten für seine Opfer. Aus den meisten Geschichtsbüchern wurde sein Name getilgt.

Reichenau ist der vergessene General, ein Mann, dessen Grausamkeit so extrem war, dass selbst die Nazis ihn lieber vergessen wollten.

Aber sollten wir ihn vergessen? Oder sollten wir seine Geschichte als Warnung bewahren? Eine Erinnerung daran, wie gefährlich es ist, wenn militärisches Talent mit ideologischem Fanatismus verschmilzt.

Reichenaus Leben endete abrupt, aber sein Schatten bleibt lang und dunkel über der Geschichte. Seine Opfer verdienen es, erinnert zu werden, und seine Verbrechen dürfen niemals wiederholt werden.